Wenn Frauen aus der Sexarbeit aussteigen und sich beruflich neu orientieren wollen, hilft ihnen dabei die Beratungsstelle Tamar. Im Interview spricht Jolanta Schmidt über Vorurteile, berufliche Perspektiven und die Erfolgsquote in der Beratungsarbeit.
Frau Schmidt, woher kommt der Name „Tamar“?
Der Name „Tamar“ kommt zweimal im Alten Testament vor. Der Name der Beratungsstelle bezieht sich auf die Schwiegertochter von Juda. Nachdem sie zweimal Witwe wurde und jeweils kinderlos blieb, zögerte Juda eine Heirat von Tamar und seinem dritten Sohn hinaus. Schließlich überlistet Tamar Juda, indem sie sich als Prostituierte verkleidet, ihn verführt und von ihm schwanger wird. So schafft es Tamar letztlich, zu ihrem Recht zu kommen, weil sie ansonsten als Kinderlose ohne Rechte gewesen wäre.
Warum bietet die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen eigentlich eine Prostituierten- und Ausstiegsberatung an?
Die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen hat mehrere Beratungsstellen, unter anderem Nadeschda, die Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, zuständig für Ostwestfalen-Lippe. In der Vergangenheit hatten sich oft Frauen an Nadeschda gewandt, die legaler Sexarbeit nachgegangen sind und Hilfe und Unterstützung benötigten. Daher installierte die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen eine spezielle Beratungsstelle für legale Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in Ostwestfalen-Lippe und später – mit uns als Tamar – in anderen ländlichen Regionen. Überwiegend wenden sich Frauen an uns sowie Menschen, die weiblich gelesen werden möchten. Die Evangelische Frauenhilfe hat als wichtige Grundhaltung, Frauen in ihrem Selbstbestimmungsrecht zu stärken. Sexarbeit in Deutschland ist zwar legal, aber die Sexarbeitenden werden dennoch diskriminiert und stigmatisiert. Das erleben wir tagtäglich.
Mit welchen Angeboten erreichen Sie und Ihre Kolleginnen die Sexarbeiterinnen, die sich mit dem Gedanken tragen, einen beruflichen Neuanfang zu starten?
Eine unserer drei Säulen ist die aufsuchende Arbeit. Unsere Arbeit beginnt mit Recherchen. Das heißt, wir suchen in speziellen Foren und Zeitschriften, wo man Sexarbeitende antrifft und wo sich Bordelle befinden. Wir fahren in einem größeren Gebiet – von Siegen-Wittgenstein bis Kreis Borken – die einzelnen Bordelle, Clubs und Straßenstriche an. Wenn wir rausfahren, haben wir immer Give-aways dabei: Flyer in 13 verschiedenen Sprachen, Kondome, Süßigkeiten und Kosmetikartikel. Nicht selten treffen wir Menschen mit Migrationshintergrund an. Wir stellen unser Beratungsangebot vor. Nicht selten haben Frauen schon vor Ort Fragen oder kontaktieren uns im Nachhinein, um uns ihr Anliegen mitzuteilen.
Was sind die zwei weiteren Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Wir bieten neben der Kontaktaufnahme durch die aufsuchende Arbeit des Weiteren auch psychosoziale Beratung und Unterstützung. Und unsere dritte Säule ist die Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Wir versuchen, über Sexarbeit aufzuklären und gängige Vorurteile über Sexarbeit abzubauen.
Was sind die Ausstiegs-Motive für die Frauen, mit denen Sie zu tun haben?
Wie die Sexarbeit selbst sind die Gründe für den Ausstieg sehr unterschiedlich. Es gibt ältere Frauen, die sagen uns, dass sie seit 20, 30 Jahren in der Sexarbeit sind und mal was anderes machen möchten. Wiederum andere wünschen sich einen Beruf, in dem sie sozial abgesichert sind. Legale Sexarbeiterinnen arbeiten selbstständig und müssen die Krankenversicherung selbst bezahlen. Wenn Frauen sich entscheiden, eine Familie zu gründen, und aus ihrem Heimatland ihre Kinder nachholen möchten, äußern sie oft den Wunsch, tagsüber zu arbeiten und nach einem geregelten Rhythmus zu leben. Denn nicht selten arbeiten die Frauen nachts in Bordellen. Wir hören aber auch von Frauen, die sagen, dass sie nicht freiwillig als Sexarbeiterin arbeiten und von ihrem Freund oder ihrer Familie dazu genötigt wurden.
Was sind überhaupt legale Sexarbeiterinnen?
Nach dem Prostituiertenschutzgesetz benötigt man eine gesundheitliche Beratung und eine Anmeldung beim Ordnungsamt. Wenn man beim Gesundheitsamt war und dort beraten wurde, bekommt man eine blaue Karte. Mit der Karte geht man zum Ordnungsamt und kann sich dort einen Ausweis – mit seinem Klarnamen und einem Arbeitsnamen – ausstellen lassen.
Aus welchen Milieus kommt die Klientel?
Die Klientel ist heterogen, würde ich sagen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich oft Frauen mit Migrationshintergrund an uns wenden. Aber das bedeutet nicht, dass nicht auch deutsche Staatsbürgerinnen dieser Tätigkeit nachgehen. Unser Eindruck ist – und das ist auch mein eigener Erfahrungswert –, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund eher an eine Beratungsstelle wenden, als Personen, die in Deutschland sozialisiert wurden. Zu unseren Klientinnen gehören zum Beispiel auch Physiotherapeutinnen, die montags bis freitags in einer Praxis arbeiten und sich am Wochenende etwas dazuverdienen. Oder Studentinnen, die damit ihren Lebensunterhalt sichern, weil sie sagen, dass das Bafög nicht ausreicht. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die aus anderen Ländern kommen, um hier Geld zu verdienen. Das ist auch völlig in Ordnung, das ist schließlich die Idee des EU-Freizügigkeitsgesetzes, dass wir uns in Europa frei bewegen und arbeiten können.
Für schwierige Situationen und Konflikte, in denen sich die betroffenen Frauen befinden, findet die Beratungsstelle Tamar Lösungen, heißt es. Können Sie das erklären?
An uns wenden sich oft Menschen, deren Lebensweg nicht so geradlinig verläuft. Das ist auch eine Besonderheit: Obwohl Sexarbeit in Deutschland erlaubt ist, befindet sie sich immer noch in einer rechtlichen Grauzone. Es gelten andere Regeln. Oft ist es so, dass Behörden und Institutionen verunsichert und nahezu überfordert sind im Umgang mit Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind. Vor allem, wenn sie einen Umstieg planen. Wir als Beratungsstelle können einen langen Atem haben. Ein gutes Beispiel: Vor über zehn Monaten hat sich eine Frau an uns gewandt, die aus der Sexarbeit aussteigen möchte. Wir wollten für sie Bürgergeld beim Jobcenter beantragen. Daraufhin hieß es, dass das Jobcenter die Sozialversicherungsnummer von ihr brauche und ihren festen Wohnsitz wissen müsse. Aber die Frau hatte keinen festen Wohnsitz, weil sie seit Jahren auf der Straße beziehungsweise in Bordellen lebte. Zunächst teilte uns das Jobcenter mit, dass es kein Bürgergeld bewilligen könne.
Was geschah dann?
Wenn jemand Leistungen beim Jobcenter beantragt und es sich herausstellt, dass derjenige keinen Anspruch hat, wird dies an die Ausländerbehörde weitergeleitet. Die Frauen erhalten dann von der Ausländerbehörde ein Schreiben, in dem sie aufgefordert werden, das Land zu verlassen, wenn sie ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten können. Über Monate hat Tamar versucht, diese Frau durch Arbeitszeugnisse, Auskünfte bei Behörden und Steuerbelege sichtbar zu machen – mit Erfolg. Das, was wir geschafft haben, kann kein Amt und keine Behörde leisten. Durch unsere Hartnäckigkeit und die Einzigartigkeit unserer Beratungsstelle haben wir tatsächlich eine hundertprozentige Erfolgsquote.
Welche Berufsperspektiven haben ehemalige Sexarbeiterinnen auf dem ersten Arbeitsmarkt?
Ich hoffe, dass es nicht vorurteilsbehaftet klingt, aber nicht selten stehen ausstiegswilligen Frauen mit Migrationshintergrund und ohne zunächst nachweisbaren Abschluss lediglich wenige Möglichkeiten offen: in der Landwirtschaft, der Reinigungsbranche oder manchmal auch in der Pflege. Es gibt auch Frauen, die Zeugnisse aus ihrem Heimatland haben, dann schauen wir als Beraterinnen, dass Zeugnisse geprüft und Schulabschlüsse anerkannt werden. Diese Schritte sind wichtig, damit eine Frau entweder eine Ausbildung beginnen kann oder in dem Beruf arbeiten kann, den sie in ihrem Heimatland erlernt hat. Wir haben zum Beispiel eine Klientin bulgarischer Herkunft unterstützt, die als pharmazeutische Assistentin arbeiten wollte. Zuerst hieß es, dass das nicht möglich sei. Aber nachdem die Zeugnisse anerkannt wurden, musste sie eine Zusatzqualifikation erwerben und kann nun ab 1. August anfangen zu arbeiten. Das Beispiel zeigt, dass wir wirklich den Frauen dazu verhelfen, in ihrem Wunschberuf zu arbeiten. Ich denke, nur dann ist es auch von Erfolg gekrönt.
Wenn der Ausstieg aus der Prostitution geschafft ist, müssen sich die Frauen ein neues Leben aufbauen. Vor welchen Herausforderungen stehen sie dann?
Das sind ganz vielfältige Herausforderungen, vor denen sie stehen. 90 Prozent der Sexarbeiterinnen sind nicht krankenversichert. Trotz Krankenversicherungspflicht weisen einige Krankenkassen oft erst einmal die Frauen ab. Wenn wir als Beratungsstelle dann mit dem gleichen Sachbearbeiter reden, ist das auf einmal kein Problem mehr. Ein anderes Thema ist die Wohnungssuche: Es gibt Vermieterinnen und Vermieter, die Ruhestörungen befürchten, da sie bei einer ehemaligen Sexarbeiterin davon ausgehen, dass sie in ihrer Wohnung Freier empfängt. Dabei arbeiten Sexarbeiterinnen viel eher in Clubs oder Bordellen.
Kann man also sagen, dass Diskriminierung für die Frauen auch nach dem gemeisterten Ausstieg ein Thema bleibt?
Auf jeden Fall. Nicht umsonst verheimlichen viele Frauen, in welchem Job sie zuvor gearbeitet haben. Es gibt zwar auch Frauen, die sagen, dass es ihnen nichts ausmache und sie dazu stehen, Sexarbeiterin gewesen zu sein oder jetzt zu sein. Aber andere haben Angst, dass ihre Kinder in der Schule gehänselt werden. Sie machen sich Sorgen um ihre Familie und welche Auswirkungen das Wissen um ihren Beruf haben könnte.
Was fordern Sie vom Bund und dem Land NRW, damit Sie auch in Zukunft weiter die Beratungsarbeit kostenlos, anonym und vertraulich anbieten können?
Natürlich wünschen wir uns eine langfristige Finanzierung unserer Beratungsstelle. Wir werden von einigen Kreisen immer nur von Jahr zu Jahr finanziert. Im vorigen Jahr beendete der Kreis Siegen-Wittgenstein nach zwölf Jahren die Finanzierung unserer Beratungstätigkeit.
Es muss im öffentlichen Diskurs viel mehr über das Thema in seiner ganzen Vielschichtigkeit gesprochen werden. Was mich persönlich ärgert, ist, dass die Frauen immer als Opfer dargestellt werden. Zudem: Es wird kaum über männliche Sexarbeit gesprochen. Und noch ein Beispiel für die Vielschichtigkeit: Es gibt Ehepaare – so zum Beispiel aus Rumänien, Bulgarien und Polen –, bei denen sowohl die Frau als auch der Mann in der Sexarbeit tätig sind, um die Familie zu ernähren.
Als Beratungsstelle fordern wir zudem, dass flächendeckend kostenlose Untersuchungsangebote für Sexarbeitende von den Gesundheitsämtern vorgehalten werden. Manche Gesundheitsämter sind da schon so weit, andere hingegen nicht.