Sven Rühl spricht im Interview darüber, wie sich Gewalt im Klassenzimmer anfühlt, welche Spuren sie hinterlässt – und warum es entscheidend ist, zuzuhören und früh zu handeln. Seine Erfahrungen hat er literarisch verarbeitet und die Kampagne „#IchBinGegenMobbing“ gestartet.
Sven, bei Dir begann das Mobbing in der 5. Klasse, Du warst etwa zehn Jahre alt. Mitschülerinnen und Mitschüler wurden zu Täterinnen und Tätern. Wie erinnerst Du Dich an diese Zeit?
Ich erinnere mich vor allem daran, wie schnell sich alles verändert hat. In der Grundschule war vieles noch relativ normal, aber mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule wurde ich plötzlich zum Ziel. Am Anfang waren es Sprüche, Lachen, Blicke. Irgendwann wurden daraus gezielte Angriffe, Ausgrenzung und Beleidigungen. Rückblickend war das eine Zeit, in der ich sehr früh lernen musste, wie verletzend andere Menschen sein können. Aber auch, wie allein man sich fühlen kann, obwohl man eigentlich mitten in einer Klasse sitzt.
Wann hast Du zum ersten Mal gespürt, dass aus Hänseleien etwas anderes geworden ist? Wo endet für Dich eine pubertäre Neckerei – und wo beginnt Mobbing?
Der Unterschied ist für mich ziemlich klar: Bei einer Neckerei können beide Seiten noch lachen. Bei Mobbing lacht nur noch eine Seite und die andere leidet. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es nicht mehr einzelne Sprüche waren, sondern dass sich Dinge wiederholten. Dass bestimmte Mitschüler gezielt auf mich losgingen, dass Gerüchte verbreitet wurden und ich bewusst ausgeschlossen wurde. In dem Moment merkt man: Das ist kein Spaß mehr, das ist ein System.
Viele Betroffene hören später die Frage: Warum hast du dich nicht gewehrt oder an Erwachsene gewandt? Wird Dir diese Frage heute gestellt – oder stellst Du sie Dir selbst?
Ja, diese Frage kommt tatsächlich oft. Und sie klingt immer so einfach. Aber wenn man mittendrin steckt, fühlt sich die Situation ganz anders an. Man hat Angst, dass alles schlimmer wird, wenn man etwas sagt. Man schämt sich. Man denkt vielleicht sogar, dass man selbst schuld ist. Heute weiß ich natürlich: Hilfe zu holen ist richtig. Aber damals war das unglaublich schwer.
Gab es damals Signale, an denen Dein Umfeld hätte merken können, dass etwas nicht stimmt? Woran hätte man erkennen können, dass Du Hilfe brauchst?
Im Rückblick gab es viele Signale. Ich war stiller, habe mich zurückgezogen, hatte weniger Freude an Dingen, die mir eigentlich Spaß gemacht haben. Schule war für mich irgendwann kein Lernort mehr, sondern ein Ort, vor dem ich Angst hatte. Aber viele dieser Dinge passieren im Inneren. Deshalb ist es so wichtig, wirklich hinzuschauen und zuzuhören.
Welche Rolle spielten Scham, Selbstzweifel und vielleicht auch Schuldgefühle in dieser Zeit?
Eine sehr große Rolle. Mobbing verändert das Bild, das man von sich selbst hat. Man hört Dinge irgendwann so oft, dass man anfängt, sie zu glauben. Ich habe mich oft gefragt, ob mit mir etwas nicht stimmt. Ob ich vielleicht wirklich der Grund für all das bin. Diese Gedanken können sehr tief gehen.
Mobbing gilt als Risikofaktor für Depressionen und Suizidalität. Wie stark hat Dich diese Situation psychisch belastet?
Sehr stark. Ich habe eine Zeit erlebt, in der ich keinen Ausweg mehr gesehen habe. In dieser Phase habe ich sogar versucht, mir selbst das Leben zu nehmen. Das zeigt, wie extrem belastend solche Erfahrungen sein können. Deshalb sage ich heute auch so klar: Mobbing ist kein harmloser Streit unter Kindern. Es kann Leben zerstören.
Schließlich hast Du Hilfe bei einer Schulsozialarbeiterin gefunden. Wie kam es dazu, und was hat sich dadurch verändert?
Irgendwann habe ich den Mut gefunden, mit der Schulsozialarbeiterin zu sprechen. Das war ein wichtiger Moment, weil ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass jemand wirklich zuhört und mich ernst nimmt. Allein dieses Gespräch hat schon etwas verändert. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich nicht das Gefühl hatte, komplett alleine zu sein.
Du bist später auf eine andere Schule gewechselt. Was war dort anders?
Der Schulwechsel war für mich ein Neuanfang. Natürlich verschwinden solche Erfahrungen nicht sofort, aber ich hatte die Chance, mich neu zu orientieren. Neue Menschen, neue Umgebung und vor allem die Möglichkeit, mich nicht nur über das definieren zu lassen, was andere aus mir gemacht hatten.
Wie wirken diese Erfahrungen heute noch in Deinem Leben nach?
Sie begleiten mich bis heute. Manche Narben bleiben einfach. Aber gleichzeitig haben sie auch dazu geführt, dass ich heute das mache, was ich mache: Bücher schreiben, Lesungen halten, Workshops geben und über Mobbing sprechen. Ich möchte, dass junge Menschen schneller Hilfe bekommen als ich damals.
Aus Deiner eigenen Geschichte heraus hast Du gemeinsam mit anderen die Kampagne #IchBinGegenMobbing gestartet. Rund 40.000 Menschen haben bereits unterschrieben. Was ist das Ziel dieser Initiative?
Unser Ziel ist ein bundesweites Schutzkonzept gegen Mobbing. Aktuell gibt es in Deutschland keine einheitlichen Strukturen dafür. Wir möchten erreichen, dass Schulen klare Leitlinien, Ansprechpartner und Präventionskonzepte haben, damit Betroffene schneller Hilfe bekommen und Mobbing konsequenter angegangen wird.
Wie soll es mit der Petition weitergehen? Welche nächsten Schritte planst Du?
Wir sammeln weiter Unterschriften und suchen den Dialog mit Politik, Schulen und Organisationen. Parallel versuchen wir, das Thema gesellschaftlich sichtbarer zu machen, durch Medien, Veranstaltungen und Gespräche. Die Petition ist ein Anfang. Aber das eigentliche Ziel ist eine langfristige Veränderung.
Wie lautet Dein Appell an die Politik?
Mobbing darf nicht länger als Randthema betrachtet werden. Es braucht verbindliche Konzepte, Präventionsprogramme und mehr Unterstützung für Schulen. Wenn wir über Bildung sprechen, müssen wir auch über Schutz und mentale Gesundheit sprechen.
Was wünschst Du Dir konkret von Schulen im Umgang mit dem Thema Mobbing?
Offenheit und klare Strukturen. Schulen brauchen feste Ansprechpartner, Schulsozialarbeit und konkrete Strategien im Umgang mit Mobbing. Und sie brauchen eine Kultur, in der Betroffene ernst genommen werden.
Was können Eltern tun, wenn ihr Kind betroffen ist – oder vielleicht selbst andere mobbt?
Zuhören. Wirklich zuhören. Viele Kinder trauen sich nicht, sofort zu erzählen, was passiert. Deshalb ist es wichtig, aufmerksam zu sein und Vertrauen aufzubauen. Und wenn ein Kind selbst andere mobbt, dann braucht es ebenfalls Unterstützung – denn oft steckt auch dort ein Problem dahinter.
Du hast deine Erfahrungen auch literarisch verarbeitet. In Deinem Roman „Ich bin Chris!“ geht es um Liebe, Freundschaft, Selbstfindung, Mobbing und Outing – und um die Frage: Wie findet man den Mut, man selbst zu sein? Wie lautet Deine Antwort darauf?
Mut entsteht selten auf einmal. Er wächst in kleinen Schritten. Manchmal braucht es Menschen, die einem zeigen, dass man okay ist, so wie man ist. Freunde, Familie, vielleicht auch eine Lehrerin oder ein Lehrer. Der wichtigste Schritt ist, zu verstehen: Du bist nicht falsch. Und du bist nicht allein.
Arbeitest Du bereits an einem neuen Buchprojekt?
Ja. Neben meinem ersten Roman „Ich bin Chris!“ arbeite ich aktuell an der Fortsetzung „Chris & Tobi – Zwischen Liebe, Alltag und Zukunft“. Darin geht es darum, was nach dem großen Chaos des Erwachsenwerdens passiert: Wie fühlt sich Liebe im Alltag an? Wie wächst man gemeinsam? Und wie gestaltet man eine Zukunft miteinander? Das zweite Buch erscheint am 1. Juni 2026, und auch das dritte ist schon in Arbeit.