Mit einer Auslastung von knapp 82 Prozent hat das Deutsche Theater die Saison beendet, am 26. August startet die neue. Der Kartenvorverkauf hat begonnen.
Grischa Tannberg kommt als Absolvent der Hochschule für Ökonomie frisch ausgebildet nach Berlin, um seine erste Stelle in der staatlichen Plankommission anzutreten. Er ist hochmotiviert und fest entschlossen, seine Arbeitskraft dem sozialistischen Fortschritt zur Verfügung zu stellen. Nur gibt es in seiner Abteilung zunächst vor allem eines: nichts zu tun. Doch die Dienstanweisung seines Vorgesetzten, sich im kunstvollen Warten zu üben, ignoriert er.
Er liest, rechnet, denkt – und entwickelt einen Plan für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Demokratischen Republik Afghanistan. Denn Afghanistan braucht Waren aus der DDR. Die DDR braucht Devisen. Und Afghanistan besitzt ein berauschendes landwirtschaftliches Produkt, über das man in Amtsstuben lieber nicht zu laut spricht.
Erste Premiere am 25. September
Aus einer verwegenen Idee wird ein Vorgang, aus dem Vorgang eine Arbeitsgruppe, aus der Arbeitsgruppe ein Pilotprojekt. Bald sind nicht nur die Staatliche Plankommission, sondern auch Grenztruppen, Ministerien, westdeutsche Behörden und politische Spitzenkreise mit einer Frage beschäftigt, auf die niemand vorbereitet war: Was passiert, wenn eine absurde Idee plötzlich funktioniert?
„Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ heißt der Roman, in dem Jakob Hein diese in den 80er Jahren angelegte Geschichte erzählt. „Jakob Hein, geboren in Leipzig und aufgewachsen in Ost-Berlin, hat eine besondere Gabe für diese Art von historischer Schräglage: Er nimmt die großen Systeme ernst genug, um ihre Komik freizulegen. In seinem Roman wird Geschichte nicht korrigiert, sondern probeweise anders zusammengesetzt“, heißt es im Deutschen Theater (DT) dazu. Dort hat man sich entschieden, mit einer Bühnenfassung der Geschichte als erster Premiere in die Spielzeit 2026/27 zu gehen. Unter der Regie von Wilke Weermann ist „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ am 25. September in den Kammerspielen des DT die erste Premiere der Saison.
Damit beginnt die vierte Spielzeit von Intendantin Iris Laufenberg am Deutschen Theater. Bis Mitte kommenden Jahres stehen 18 Premieren auf dem Spielplan der drei Bühnen (der DT-Bühne, der Kammer und der Box), darunter acht Uraufführungen, drei davon gleich zur Eröffnung Ende September und Anfang Oktober. Einen Tag nach „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ folgt bereits „Deutscher Herbst“ unter der Regie von Christopher Rüping auf der großen Bühne. Eine weitere Uraufführung ist am 1. Oktober: „disconnected“ von Elisabeth Pape wird in der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf im Rahmen der „DT jung“-Reihe Premiere feiern. Die Spielzeit beginnt bereits am 26. August mit einem Stück, das schon 2023 Premiere hatte und vom Schauspielhaus Graz, wo Iris Laufenberg zuvor Intendantin war, übernommen wurde: „Bunbury. Ernst sein is everything!“ von Oscar Wilde. Regie führt Claudia Bosssard.
Die Zusammenarbeit mit Regisseurinnen und Regisseuren wie Claudia Bossard, Christopher Rüping, Anne Lenk, Jorinde Dröse, Ildikó Gáspár und András Dömötör wird auch in dieser vierten Saison fortgeführt, teilt das Theater mit. Jette Steckel kehrt zurück ans DT, auch Jan Bosse wird eine weitere Inszenierung übernehmen, neu als Regisseur wird Jan Friedrich ans Haus kommen. Die DT-Bühne startet nach einem Umbau, der bereits Anfang Juni begonnen hat, Mitte August wieder ihren Probenbetrieb. Während der Sanierung der Box finden alle Vorstellungen auf der Probebühne ein neues Zuhause.
Wohin die Reise des DT in dieser nun vierten Spielzeit geht, beschreibt die Theaterleitung so: „Alte Gewissheiten werden gerade brüchig. Zivilisiertheit und Affekt, Vernunft und Gewalt, Fürsorge und Zerstörungskraft liegen eng beieinander. Gesellschaften organisieren sich hochkomplex – und fallen doch permanent in archaische Muster zurück: Angst, Machtkampf, Rudelbildung, Ausgrenzung. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Solidarität, nach Empathie und nach Ideen für ein neues Miteinander. Theater, das glauben wir, ist für diese Suche ein notwendiger Ort.
Warum das so ist? Weil Theater den Menschen nie als fertiges Wesen betrachtet, sondern als ein widersprüchliches.“
Es geht um Macht und Begehren
Theater sei „kein Thesenlieferant, „sondern soll den Blick schärfen für die Ambivalenzen unserer Gegenwart“. Der Plan ist: „Die Stücke dieser Spielzeit erzählen von diesen Widersprüchen. Sie erzählen Berlin-Geschichten, Geschichten über Deutschland und über die Welt. Sie führen uns in historische Ausnahmezustände und in private Erschütterungen, in politische Kämpfe und intime Obsessionen. Immer wieder geht es um Menschen, die versuchen, sich zu behaupten gegen Systeme, Ideologien, Verhältnisse – und gegen die eigenen inneren Abgründe. Den Menschen nicht als Krone der Schöpfung, sondern als gefährdetes, suchendes, widersprüchliches Wesen betrachten, das fähig zu Grausamkeit und Mitgefühl, zu Zerstörung und Hoffnung ist.“
Mit der Spielzeit 2026/27 will das Deutsche Theater in diese Zwischenräume schauen, „in die Unschärfen und in die Verläufe des Menschseins“. So unterschiedlich die Arbeiten der Regisseurinnen und Regisseure auch sind, diese gemeinsamen Gedanken verbinden sie, erklärt die Theaterleitung.
In „Deutscher Herbst“ etwa geht es um Menschen und eine Gesellschaft „im Zustand der Verunsicherung: zwischen Erinnern und Vergessen, eigener Verstrickung und auf der Suche nach Trost, umfangen von der Frage, wie Individuen, wie Demokratien unter Druck reagieren“, beschreibt die DT-Dramaturgie das Stück. Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ blickt auf leisen Widerstand inmitten totalitärer Herrschaft, auf scheinbar gewöhnliche Menschen, die sich entscheiden, nicht länger mitzulaufen. Regie führt Jette Steckel, Premiere ist am 19. Dezember auf der DT-Bühne.
Auch Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ kreist um Macht und Begehren – um die oft rätselhaften Mechanismen, nach denen Menschen einander betrachten, benutzen oder erfinden. Regie führt Jan Friedrich, Premiere ist am 16. Oktober. „Mit der ,Orestie‘ kehren wir zu einem der Urtexte europäischen Theaters zurück: zu Gewaltspiralen, Rache und der mühsamen Entstehung von Recht. Aischylos beschreibt den Menschen als ein Wesen, das lernen muss, seine Instinkte zu zähmen, ohne sie je ganz hinter sich zu lassen“, kündigt die Theaterleitung an. Premiere ist am, 26. Februar, Regie führt Ildikó Gáspaár.
In „Kabale und Liebe“, einer Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater, geht es um junge Menschen, die an gesellschaftlichen Ordnungen zerbrechen, die älter sind als sie selbst. Anne Lenk führt Regie in dem Schiller-Stück, Premiere ist am 27. November. „Manifesta, Baby!“ von und unter der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, fragt nach der politischen Sprache der Gegenwart: „Wer formuliert heute noch Visionen? Wer wagt noch das große Wir? Und welche Sehnsucht steckt hinter dem Bedürfnis, die Welt nicht nur zu analysieren, sondern zu verändern?“ – das sind die Fragen, die auf der Bühne verhandelt werden. Premiere ist am 23. Januar.
Um Rosa Luxemburg geht es schließlich in „Rosa L“. Regie führt Anica Tomić, Premiere ist am 6. November. Auch diese Regisseurin hat Fragen: „Wie lässt sich Rosa Luxemburg lesen und denken … in einer Zeit, in der Militarisierung mit der Rede von Krise und Sicherheit gerechtfertigt wird … in einer Zeit, in der der Nationalismus in Europa auf dem Vormarsch ist… in einer Zeit, in der Angst zu einem politischen Instrument und Krieg wieder vorstellbar wird?“