Quer durch die Republik gibt es immer mehr Angebote, um einsamen Menschen zu helfen. Initiativen aus drei Bundesländern, mit individuellen Hintergründen und Motivationen, berichten exemplarisch über ihre Erfahrungen.
Hat Einsamkeit durch die Corona-Pandemie als gesellschaftliche Herausforderung auch an Brisanz gewonnen, so gab es das Phänomen der Vereinzelung mit allen gesundheitlichen Implikationen doch schon immer. Besonders betroffen sind alleinstehende ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger, wobei Männer traditionsgemäß ein größeres Problem haben, ihre Lage vor sich und anderen zuzugeben. Das bestätigt auch Juliane Heck, die sich als Fachkraft Gemeindeschwesterplus (siehe Info) für Menschen ab 70 Jahren in Trier einsetzt: „Bei dem monatlichen Suppentreffen, die ich in meinem Ortsteil initiiert habe, waren es anfangs zu 90 Prozent nur Frauen, die daran teilgenommen haben. Die Zahl männlicher Interessenten steigt mittlerweile beträchtlich an, grundsätzlich tun sich Männer mit dem Thema Einsamkeit aber schwer. Man muss diese Gruppe in der Regel thematisch locken. Wie zum Beispiel mit den von uns vor Kurzem eingerichteten Plauderbänken in der Trierer Innenstadt. Da hat sich eine Gruppe Männer handwerklich engagiert.“ Die Idee für das Einrichten neuer, beziehungsweise Umfirmieren bestehender Bänke kam von den sogenannten „Schwätzbänkle“ aus Baden-Württemberg. „Meine Kollegin Gabriele Merkel und ich hatten recherchiert und Ideen zusammengetragen, um dem Thema Einsamkeit zu begegnen. Dabei stießen wir auf das Vorbild aus Baden-Württemberg, wo Seniorenbeiräte die Gelder zum Einrichten der ‚Schwätzbänkle‘ bewilligt bekamen. Und da wir die Rückmeldung aus unseren Seniorengruppen hatten, dass es in der Innenstadt zu wenige schattige Plätze zum Ausruhen und Reden gäbe, haben wir das Anliegen zur Einrichtung der Plauderbänke an die Stadt Trier herangetragen. Mit Erfolg!“, so Juliane Heck. Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“, die vom 22. bis zum 28. Juni stattfand, wurden Bänke und Sitzgruppen in drei Straßen mit einem Hinweisschild versehen. Mit dem Label „Plauderbänke“ möchte man darauf hinweisen, dass der- oder diejenige, die sich dort niederlässt, für ein Gespräch mit anderen offen ist. Juliane Heck verweist freudig darauf, dass es schon Interesse für weitere Neueinrichtungen oder Umfirmierungen gegeben hat: „Zuerst gab es Interesse aus Trier-Süd, wo wir gemeinsam mit einer großen Immobiliengesellschaft zusammengearbeitet haben, um den Ortsteil zu beleben. Mittlerweile gibt es neben der ersten eingeweihten Plauderbank auch einen Bewegungsparcours für Senioren. Anschließend haben die Ortsvorsteher nach und nach aus anderen Ortsteilen Interesse bekundet, eine solche Sitzgelegenheit einzurichten.“ Dass sich die erste Bank in ihrem Wirkbereich schon großer Beliebtheit erfreut, erfährt die Gemeindeschwesterplus in Form vieler positiver Rückmeldungen aus ihrer Seniorengruppe. Neben den Schwierigkeiten, die sich aus einem Mangel an Gelegenheiten, aus Scham oder wegen abnehmender Rüstigkeit ergeben, ist die Digitalisierung in allen Lebensbereichen ein großes Problem für die Senioren. „Die Menschen, die ich betreue, sind teilweise 80, 90 Jahre alt. Dass sich diese Generation von den rasanten Entwicklungen der letzten 20 Jahre komplett überfordert fühlt, ist ja kein Wunder“, so Juliane Heck. Außerdem haben die traditionellen Familienstrukturen, die noch bis in die Nachkriegszeit existiert haben, mittlerweile einem wachsenden Individualismus Platz gemacht. Das bedeutet: Die einstige Selbstverständlichkeit, dass sich Nachkomen verlässlich um ihre Eltern und Großeltern kümmern, ist heute weitgehend verschwunden. Ein Umstand, der immer mehr gesamtgesellschaftliches Engagement im Kampf gegen Einsamkeit erfordert.
„Boule einmal wöchentlich“
In der rund 100 Kilometer weiter südlich gelegenen saarländischen Landeshauptstadt Saarbrücken gibt es neben den Angeboten, die aus den Stadtteilbüros kommen, einen sehr sichtbaren privaten Zusammenschluss aus dem Stadtteil Sankt Johann. Der Kultur- und Werkhof Nauwieser 19 e. V., benannt nach dem Viertel und seiner Adresse, ist eine Gemeinschaft von derzeit elf Handwerksbetrieben, Geschäften und sozialen, kulturellen und therapeutischen Einrichtungen. Der Verein engagiert sich unter anderem im Bereich der Erwachsenenbildung und Stadtteilentwicklung und veranstaltet eine bunte Mischung an Aktivitäten, die Menschen unweigerlich dabei helfen, aus der Einsamkeit in die Aktion zu kommen. Sigrid Jost, die sich der guten Sache angenommen hat, Menschen zusammenzubringen, bestätigt, dass sich Angebote, wie Spieleabende, Erzählcafés, offenes Singen und der monatlich stattfindende Nachbarschaftsflohmarkt an jede Altersgruppe richten: „Das Boulespiel, das einmal wöchentlich hinter der städtischen Kita Bruchwiese stattfindet, war eine Idee, die ich während der Corona-Zeit hatte, weil man sich nur draußen treffen durfte. Dieses Freizeitangebot war, genau wie jedes andere, nicht an eine bestimmte Personengruppe gerichtet, oder eine Reaktion auf das Einsamkeitsthema, schließlich bin ich schon seit 2008 aktiv dabei, Menschen zu gemeinsamen Beschäftigungen zu aktivieren. Ich will mit den Aktivitäten unseres Vereins Personen aus allen Gesellschaftsteilen ansprechen, ob Junge, Alte, Reiche, Arme, ganz egal. Mir ging es darum, die Konsumorientierung aufzubrechen, mit anderen Worten: eine Alternative zum Rumsitzen und Zuschauen, hin zum Selbst-Anpacken anzubieten.“
Aus der Blase rauskommen
Die vor einem Jahr zum Verein hinzugestoßene Kulturmanagerin Myriam Göttisheim führt zum Thema der Selbstwirksamkeit an, dass „sich Menschen, die sich über ein gemeinsames Thema austauschen, anders begegnen. Das Verbindende steht bei Veranstaltungen, die sich beispielsweise um Handarbeitstechniken drehen, im Vordergrund. Die Menschen kommen aus ihrer Blase heraus und treten in Kontakt mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus. Wenn es um gemeinsame Interessen geht, fällt das Kontakteknüpfen einfacher, und man fühlt sich tendenziell weniger einsam, als wenn man sich über irgendein Smalltalk-Thema unterhält.“ Fragt man, ob das Trennende ein Problem bei der Zusammenführung darstellt, bestätigt Sigrid Jost, dass es schon an der einen oder anderen Stelle geknistert hat. „Wir muten den Teilnehmer:innen zu, sich mit einer ganz anderen Sicht auf die Dinge zu konfrontieren und lassen Klischees und Vorurteile nicht stehen. Wir nehmen das Programm ,Demokratie leben‘ in Anspruch, indem wir aus diesen Situationen Konzepte stricken, um genau diese Thematik zu bearbeiten. Zum Beispiel organisieren wir mit dem Jugendcafé ,Exodus‘ eine Diskussion, wo sich die junge und die alte Generation gegenseitig mit ihren Vorurteilen konfrontieren.“ Das Engagement für weniger Konsum und pro Demokratieverständnis ist auch inhaltlich damit verknüpft, eine dauerhafte Beziehung miteinander aufzubauen. „Wenn man wohin geht, um andere zu treffen, und es über eine längere Zeit zur Wiederkehr kommt, haben wir gemäß unserem Selbstverständnis erfolgreich gearbeitet“, sagt Myriam Göttisheim. „Aus den Wiederkehrenden haben sich schon Gruppen gebildet und sind auch Freundschaften außerhalb derer entstanden.“
Eine sehr beachtenswerte Initiative hat auch Christian Fein mit dem Bündnis „Keinerbleibtallein“ ins Leben gerufen. Es fing damit an, Menschen über Weihnachten und Silvester zu vermitteln. Aus der Erkenntnis heraus, dass die emotional aufgeladenen Feiertage über den Jahreswechsel für viele Alleinstehende ein seelisches Problem bedeutet, hat er via Hashtag bei Twitter eine Beteiligungslawine losgetreten. Der in Mannheim ansässige Unternehmer hat schon etliche Menschen zusammengebracht, und so sind langfristige Freundschaften entstanden, die es ohne sein Engagement nicht gegeben hätte.
Vorträge zum Thema Einsamkeit
Das niedrigschwellige Angebot der Vermittlung hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, ist von 2.700 Teilnehmenden im Jahr 2017 auf bereits 63.000 in 2019 angestiegen, bis 2020 ein coronabedingter Einbruch kam. Wegen der Kontaktbeschränkungen vermittelte man 2022 je eine Person an Gastgebende und erreichte damit 2.500 Vermittlungsvorschläge bei einer Teilnehmerzahl von 38.000 Menschen. Um Armutsbetroffene sowohl auf Gastgeberseite als auch aufseiten der Gesellschaftssuchenden zu unterstützen, wurde die Initiative mit einem Sozialfonds in Höhe von 3.500 Euro im Vermittlungsangebot ergänzt. Die Initiative hat das Angebot der ehrenamtlichen digitalen Vermittlung zum Jahresende zu einer Informationsplattform gegen Einsamkeit und Alleinsein bei jungen Erwachsenen und Menschen mittleren Alters ausgeweitet. In der Folge sind die bekannten sozialen Kanäle Facebook, Instagram und Tiktok genutzt worden, um Hilfestellung, Impulse und neueste Entwicklungen aus der Einsamkeitsforschung bereitstellen zu können, damit Betroffene selbsttätig wieder nachhaltig Kontakte aufbauen können.
Am Beispiel dieser Initiative sieht man, dass die Digitalisierung viel Gutes bewirkt, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. „Auf der einen Seite besteht die Möglichkeit der authentischen Selbstdarstellung, so weit wie es eben geht“, so Christian Fein. „Damit besteht auch die Gefahr, extreme politische Weltbilder nach außen zu tragen. Und seit Corona gibt es eine gesellschaftliche Erhitzung, die unsere Arbeit massiv erschwert hat. Vor der Pandemie war es kein Problem, Menschen aus allen möglichen Schichten miteinander zu verbinden. Seit 2020 aber wollen sie wissen, ob der- oder diejenige die passende politische Einstellung hat, wollen sich nicht mit abweichenden Meinungen auseinandersetzen. Corona markiert eindeutig einen Bruch, was auch mit Zahlen aus unserem Projekt heraus belegt werden kann. Damals hat jeder Sechste Rückfragen bezüglich seines Vermittlungsangebots gestellt und wollte wegen Bedenken vielleicht anderweitig vermittelt werden. Mittlerweile hat sich die Rücklaufquote quasi versechsfacht. Heute bekommen wir von jedem zweiten Vermittlungsangebot eine negative Rückmeldung, mit dem oder der wolle man Weihnachten lieber nicht verbringen.“ Da sich das Angebot von „Keinerbleibtallein“ an eine jüngere Klientel richtet, kommen mit künstlicher Intelligenz und Chat GPT als Ersatz in vielen Lebensbereichen – sei es als Freund, Partner oder im Bereich Psychotherapie – neue Herausforderungen in Sachen zwischenmenschlicher Toleranz. „Schon jetzt empfinden viele Jüngere ein Language Learn Model (LLM) als die angenehmere Alternative zu Menschen. Es ist immer verfügbar, in der Regel stets freundlich und den Anwendern positiv zugewandt. Das Problem der Auslagerung ehemals menschlicher Begegnungen erleben wir ja aktuell im Gesundheitsbereich, wo das System dermaßen überlastet ist, ausreichend Therapieplätze zur Verfügung zu stellen.“ Mittlerweile richtet sich das Angebot von „Keinerbleibtallein“ nicht nur an Menschen, die über den Jahreswechsel von Einsamkeit geplagt sind. In den restlichen Monaten des Jahres wendet sich Christian Fein per Vorträge, Seminare und Workshops an junge bis mittelalte Menschen, um dem Thema „Einsamkeit“ erfolgreich zu begegnen.