Das Tipi am Kanzleramt spielt ab 24. Januar Paul Linkes Operette „Frau Luna“. Bekannt wurde sie durch die Lieder „Das macht die Berliner Luft“ und „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“.
Als Neil Armstrong am 20. Juli 1969 die Treppe der Apollo-11-Landefähre runterstieg, betrat er für die einen als erster Mensch den Mond. Für die anderen war er nur ein weiterer Mann in einer langen Reihe von Mondreisenden. 1650 veröffentlichte Cyrano de Bergerac den Bericht seiner Reise zum Mond. Cyrano hatte seinen Freunden betrunken auf dem Nachhauseweg erzählt, dass der Mond bewohnt sei wie die Erde. Das Gelächter war groß – und damit der Ehrgeiz des Hector Savinien de Cyrano geweckt. Er begann seine Reise zu dem Trabanten, auf dem er die bessere Welt vermutete. „Die Reise zum Mond“ wurde zu einem Vorläufer dessen, was man Science-Fiction nennt.
Inspiriert von Cyrano und Jules Verne
Georges Méliès ist ein weiteres Beispiel. Er schoss eine Forschergruppe 1902 in seinem Film „Le voyage dans la lune“ mit einer Kanone auf den Mond. Inspiriert wurde der französische Regisseur aber auch von zwei weiteren Mond-Expeditionen: 1865 bereits schickte sein Landsmann Jules Verne in seiner Geschichte „Von der Erde zum Mond“ Menschen und zwei Hunde mit einer Rakete auf den Erdtrabanten. Und ein Jahr vor Georges Méliès ließ der britische Schriftsteller H. G. Wells den Geschäftsmann und Theaterautor Bedford und den Wissenschaftler Cavor zum Mond schweben, da es ihnen gelingt, die Schwerkraft aufzuheben. „Die ersten Menschen auf dem Mond“ nannte H. G. Wells seinen Roman – ausblendend, dass zumindest Cyrano de Bergerac da ja schon war.
1953, also 16 Jahre vor der Apollo-11-Mission, schickte der belgische Zeichner Hergé seine Helden Tim und Struppi in ihrem 16. Abenteuer los mit „Reiseziel Mond“. Ein Jahr später erzählt Hergé in Band 17 von den „Schritten auf dem Mond“, die Tim, Struppi, Professor Bienlein und Kapitän Haddock unternehmen.
Zwischen dem Film von Georges Méliès und den Mondabenteuern von Hergés Comic-Helden startete von Berlin aus eine musikalische Reise zum Mond. Am 1. Mai 1899 wurde im Apollo-Theater Paul Linkes Operette „Frau Luna“ uraufgeführt. Inspiriert wurden Linke und Heinrich Bolten-Baeckers, der bereits 1897 das Libretto zu „Venus auf Erden“ geliefert hatte, von den „Mondrevuen“, die in dieser Zeit in Mode waren. Diese Revuen wiederum entstanden unter dem Einfluss von Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“ und wurden in vielen großen europäischen Städten aufgeführt.
Um die Fassung, die Paul Linke bei der Uraufführung selbst dirigiert hat, ranken sich viele Geschichten – vor allem, weil sie nicht mehr vollständig rekonstruiert werden kann. Das damals berühmte Luftartistenballett Grigolatis war mit einer Nummer Bestandteil der Show. Nach der Uraufführung wurde die Operette immer wieder verändert, es wurden Elemente der Mondrevuen eingefügt, um sie spektakulärer zu machen. Paul Linke selbst hat auch immer wieder selbst weitere Kompositionen beigesteuert, bis „Frau Luna“ 1922 fertig war.
Diese „Endfassung“ brachte das Tipi am Kanzleramt im Oktober 2016 in einer eigenen Inszenierung auf seine Bühne. Knapp zehn Jahre nach der Erfolgs-Show hat das Tipi-Team nun angekündigt, dass „Frau Luna“ ab dem 24. Januar „erneut in den Berliner Operettenhimmel abheben“ wird. Unter der Regie von Bernd Mottl steht das Ensemble der „Bar jeder Vernunft“ auf der Tipi-Bühne. Die Rolle der Frau Luna, der Herrin des Mondes, übernehmen die Geschwister Pfister: Andreja Schneider vom 24. Januar bis 2. März und Christoph Marti vom 3. bis 29. März. Für die Arrangements und musikalische Leitung ist Johannes Roloff zuständig. Das Bühnenbild ist von Friedrich Eggert, die Kostüme sind von Heike Seidler. Choreografiert hat Christopher Tölle, Dramaturgin ist Ilka Seifert. Mit „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“, „Schlösser, die im Monde liegen“, und „Das macht die Berliner Luft“ wird, wie das Tipi-Team verspricht, „gefoxtrottet, gewalzt, gegassenhauert und marschiert, was das Zeug hält“. Man werde „schwungvoll einmal mehr unter Beweis stellen, dass der Berliner in Sachen Luftfahrt nicht erst seit heute von typischem Größenwahn und mangelndem Sachverstand gleichermaßen beseelt ist“.
Es menschelt sehr auf dem Mond
Und darum geht es in der musikalischen Reise zum Mond: Fritz Steppke ist Berliner. Er hat einen Stratosphären-Expressballon erfunden und will mit seinen Freunden Lämmermeier und Pannecke nun auch endlich zum Erdtrabanten fliegen, um dort den Mann im Mond zu treffen. Marie, seine Liebste, hält nichts von diesem Plan. Für sie wie für ihre Tante, die Vermieterin von Fritz Steppke, sind das alles nur Hirngespinste. Sie versuchen, die Mondfahrt zu verhindern.
Zur allseitigen Überraschung landen die Berliner aber tatsächlich auf dem Mond, wo die drei Freunde und die unfreiwillig mitgereiste Frau Pusebach von Theophil, dem dortigen Haushofmeister, und Fräulein Groom nicht gerade freundlich empfangen werden. Auf dem Mond ist es nicht viel anders als auf der Erde: Es geht menschlich zu. Theophil zum Beispiel hat gerade alle Hände voll zu tun, um das Wohlwollen seiner Braut Stella zurückzugewinnen: Bei einem zurückliegenden Besuch auf der Erde zur Mondfinsternis hatte er ausgerechnet mit jener Frau Pusebach im Tiergarten ein kleines Abenteuer. Das Universum ist ein Dorf.
Unerwartet für die Reisenden entpuppt sich der Mann im Mond als flotte Witwe, die ihrerseits Gefallen an Fritz Steppke findet, während Prinz Sternschnuppe seit Jahrtausenden vergeblich versucht, Frau Lunas Herz zu gewinnen. Frau Luna wiederum freut sich über die ungewöhnlichen Gäste von der Erde, wo doch gerade die Sterne und mit ihnen Venus und Mars auf dem Mond zu Besuch sind. Verwicklungen allenthalben. Dabei wollten die Berliner ja eigentlich nur mal kieken.
Theophil hat die richtige Idee, und als Prinz Sternschnuppe Marie mit seinem Milchstraßenkreuzer von der Erde heraufholt, finden am Ende alle Paare glücklich zueinander. Fazit: „Ob auf dem Mond oder an der Spree, echte Berliner kann bekanntlich so recht nichts erschüttern, und nichts, rein gar nichts, geht ihnen über die Berliner Luft.“ Neil Armstrong hat von alldem nichts mitgekriegt – er kam ja erst 70 Jahre nach den Berlinern auf den Mond.