Wow, diese Geige! Sie betört schon im ersten Track von „Just Beyond Endless Mountain“ – unaufdringlich, doch mit jubilierender Pracht. Zunächst fühlt man sich sowohl stimmlich als auch atmosphärisch an die schönsten Stimmungen von Conor Oberst und Bright Eyes gemahnt, bald jedoch rückt urwüchsiges Folk-Feeling in den Fokus.
Kristian Matsson alias The Tallest Man On Earth hatte seit seiner Kindheit in Dalarna, dem „Herzen Schwedens“, ein kompliziertes, zwiespältiges Verhältnis zur Geige, diesem die schwedische Folkmusik ja so sehr prägenden Instrument. Wie zahlreiche Kinder seiner Heimat lernte er es und tanzte bestimmt auch bei jedem Fest zu seinem Klang.Dann legte er sie über Jahrzehnte zur Seite und widmete sich bevorzugt anderen Saiten – nämlich den zu zupfenden. Fabelhafte Indie-Rock- und Folk-Alben zeugen davon.
Diese neuen Songs sind ein erstaunliches back-to-the-roots. Matsson griff nach Jahren wieder zum Instrument seiner Kindheit und spielt darauf den denkbar schönsten Folk. Dieser basiert im Kern auf der Tradition, doch sprengt er deren Rahmen so lustvoll wie virtuos.
Noch besser als der Opener „The Wildes Of His Dreams“ geriet „Colors“: Die kristallklare und doch erfrischend spröde Inszenierung ist herzergreifend. Jedes Instrument klingt, als säße man unmittelbar daneben. Und zum Ende hin spielt sich die Geige regelrecht in einen Rausch.
Während der drei bezaubernd fröhlichen Minuten von „We Got The Pony“ greifen diverse gezupfte und gestrichene Saiten ans Gemüt. „Scully Me“ bezeugt mit überwältigender Intensität, warum im Kontext des Tallest Man On Earth gerne auf Bob Dylan verwiesen wird. Auch Matssons Stimme ist keine „schöne“ im herkömmlichen Sinne, aber sie barmt und spielt so kühn und frei auf der Klaviatur der Emotionen, dass es Gänsehaut erzeugt.
Der Titeltrack verführt mit süßem Swing, „Overboda“ duettiert mit weiblicher Gaststimme und „Deliver Me From Trying“ wirbt ganz charmant und mit schierer Präsenz für Gelassenheit. Schon jetzt ein Album des Jahres.