Wo einst Ford-Autos vom Band liefen, wird demnächst mit Vetter Pharma ein Hidden Champion eine neue Produktionsstätte errichten. Investitionen von knapp einer halben Milliarde Euro bringen neue Arbeitsplätze und neue Schwerpunkte in der Saar-Wirtschaft.
Es war ein Auftritt nach Maß für das Land. Umrahmt von Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und Wirtschaftsminister Jürgen Barke präsentierte Udo Vetter eine der „größten Einzelinvestitionen der Unternehmensgeschichte“. Auf einer Fläche von 40 Hektar auf dem ehemaligen Ford-Gelände in Saarlouis sollen knapp eine halbe Milliarde Euro in einen neuen Standort investiert werden.
Dass das alles nicht nur bloße Absichtserklärungen sind, sondern es damit Ernst wird, ließe sich schon an den Schuhen der Beteiligten sehen, flachste Ministerpräsidentin Rehlinger. Kurz vor der Präsentation in der Festhalle der Staatskanzlei war Udo Vetter selbst noch auf dem Ende Januar etwas schlammigen Gelände vor Ort gewesen.
Der Vorsitzende des Unternehmensbeirats und Teil der Inhaberfamilie Vetter unterstrich: „Wir haben großes Vertrauen in das Saarland und sind stolz, mit unseren Investitionen den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken“.
Das Familienunternehmen mit Sitz in Ravensburg, das zuletzt einen Jahresumsatz von knapp 1,3 Milliarden Euro vermeldete, will seinen „nachhaltigen, organischen Wachstumskurs“ fortsetzen. Dazu gehöre die „finale Entscheidung für eine signifikante Erhöhung unserer pharmazeutischen Produktionskapazitäten durch einen neuen Standort in Saarlouis“, hieß es anlässlich der jährlichen Betriebsversammlung Anfang Februar.
Vetter hatte die Industriefläche bereits 2024 gekauft. Bei der Bekanntgabe der Investitionsabsichten ging die „Schwäbische Zeitung“ der Frage nach, warum das Pharmaunternehmen bei der Entscheidung für ein neues Produktionswerk den Standort Deutschland und konkret das Saarland ausgewählt und sich nicht, wie wohl zunächst geplant, für die USA entschieden hat. Dazu zitiert das Blatt den damaligen Vetter-Geschäftsführer Thomas Otto: „Deutschland – und im Speziellen das Saarland – hat sich für uns nach strenger Abwägung als der Standort mit den besten Voraussetzungen für die Ausweitung unserer kommerziellen Kapazitäten herausgestellt.“ Zusätzlich zu den bestehenden und weiter wachsenden Kapazitäten in und um Ravensburg könne man so das Angebot noch einmal erweitern. Für das Saarland jedenfalls ist die Entscheidung „ein Glücksfall“, sagte Ministerpräsidentin Anke Rehlinger. Dieser „Glücksfall“ musste aber noch einige Hürden nehmen.
Im Dezember vergangenen Jahres billigte die EU die geplanten staatlichen Unterstützungen bei der Ansiedlung. Insgesamt soll es eine Förderung von 47 Millionen Euro geben, die nach Angaben des saarländischen Wirtschaftsministeriums zum Teil aus dem Transformationsfonds des Landes kommen sollen.
Dass Großansiedlungen trotz massiver Förderzusagen letztendlich doch nicht realisiert wurden, hat das Land in der jüngsten Vergangenheit mehrfach erlebt, etwa bei Wolfspeed (Chipfabrik) oder SVolt (Batteriefabrik).
Jobs in einem „Markt mit Zukunft“
Umso größer die sichtbare Freude, dass es mit dem Familienunternehmen Vetter nun eine andere Perspektive gibt. Udo Vetter betonte bei der Vorstellung des Projektes, das Familienunternehmen denke „nicht in Quartalen, sondern in Generationen“. Die Standortentscheidung sei von „strategischer Bedeutung“. Und bei der Entscheidung für das Saarland hätten eine Reihe von Gründen den Ausschlag gegeben. Gebäude könne man schließlich überall bauen. Im Saarland finde man aber industrieerfahrene Fachkräfte und eine Verbundenheit, die der schwäbischen Mentalität durchaus ähnlich sei. Ein Kriterium, das dem Familienunternehmen wichtig ist. Ebenso wie eine Strategie eines organischen Wachstums. „Langfristiger Erfolg entsteht durch die richtige Balance zwischen Stabilität und gezielter Expansion“, erklärt Udo Vetter und ergänzt: „Wir kommen, um zu bleiben“.
„Wir freuen uns über den Entschluss von Vetter für Saarlouis als neuen Produktionsstandort. Das ist ein starkes Signal für die Zukunft des Saarlandes und ein Erfolg der Ansiedlungsbemühungen“, unterstreicht Ministerpräsidentin Rehlinger. Wirtschaftsminister Jürgen Barke verweist darauf, dass die Investition zur Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur im Land beitrage und Arbeitsplätze „in einem Markt mit Zukunft“ geschaffen würden.
Langfristig könnten es um die 2.000 Arbeitsplätze werden. Vetter will den neuen Standort Saarlouis sozusagen in modularer Weise entwickeln, also die Kapazitäten schrittweise entwickeln. Der Baustart ist für das zweite Quartal geplant, die Produktion soll 2030 anlaufen.
Vetter, ein globaler Player, bedeutet für das Saarland ein wichtiges Signal im Strukturwandel und eine wesentliche Stärkung im Pharmabereich.
Bereits jetzt gibt es etwa 240 Unternehmen in der Pharmabranche, dazu eine hoch renommierte Forschungslandschaft.
Geht es nach den Vorstellungen von Wirtschaftsminister Jürgen Barke, dann würde man in einigen Jahren im Saarland Pharma gleichauf mit Stahl und Automotive nennen.
Das ist noch etwas Zukunftsmusik, sicher aber ist nach Überzeugung von Barke: „Dass sich ein internationaler Hidden Champion der Pharmabranche für das Saarland entscheidet, ist eine starke Botschaft für unseren Standort und macht ihn im Strukturwandel robuster und vielfältiger.“
Für den Vorstandsvorsitzenden der Arbeitskammer des Saarlandes, Jörg Caspar, unterstreicht die Entscheidung die große Bedeutung der Gesundheitswirtschaft als Zukunftssektor im Saarland mit hohem Wertschöpfungspotenzial. „Mit dem Markteintritt von Vetter wird die Gesundheitsbranche ihre starke Rolle weiter ausbauen.“ Es komme jetzt darauf an, die vorhandene Zeit sinnvoll zu nutzen, um mögliche zukünftige Beschäftigte gezielt auf diese Aufgaben vorzubereiten und weiterzubilden. „Die notwendigen Instrumente dafür stehen im Saarland zur Verfügung“, betont Caspar.
Für den Saarlouiser Oberbürgermeister Marc Speicher (CDU) eröffnet sich „bei kluger und verlässlicher Wirtschaftspolitik die Chance, schrittweise ein neues Cluster in einer zukunftsträchtigen Branche aufzubauen“.
Er erklärte nach einem Besuch im Vetter-Stammsitz in Ravensburg: „Unser Anspruch ist es, die Saar-Wirtschaft weiter zu diversifizieren und – wie im Fall Vetter – gezielt auf inhabergeführte, mittelständisch geprägte Unternehmen mit langfristigem Engagement zu setzen.“