Welche Arten sind in den letzten Jahren verschwunden? Wie bedrohlich ist das Massenaussterben für uns Menschen? Und was sind die Hauptursachen für das Artensterben? Diese Fragen und viele mehr hat uns Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese beantwortet.
Frau Prof. Dr. Böhning-Gaese, wie viele Tier- und Pflanzenarten existieren ungefähr auf der Erde – kann man das ganz grob sagen?
Derzeit geht man davon aus, dass es circa acht Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Erde gibt. Das ist allerdings nur eine grobe Schätzung, die für den ersten globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) 2019 erstellt wurde. Sie ist mit großen Unsicherheiten behaftet, weil sich vor allem die Zahl der Insektenarten nur schwer schätzen lässt. Diese bilden jedoch die größte Artengruppe. Genau erfasst wurden von diesen acht Millionen Arten bisher nur etwa 1,8 Millionen. Rund 6,2 Millionen Arten „warten“ noch auf eine wissenschaftliche Beschreibung. Wir kennen die ganze Pracht der Natur also noch gar nicht, aber wir wissen, dass viel gut ist.
Wie viele davon sind vom Artensterben betroffen?
Eine Million Arten gilt laut IPBES-Bericht als vom Aussterben bedroht – und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern in den nächsten Jahrzehnten. Ohne massives Gegensteuern wird das globale Artensterben dramatische Ausmaße annehmen.
Welche Arten sind in den letzten Jahren verschwunden? Wurden auch neue Arten entdeckt?
Überall auf der Welt sterben Arten aus. In Deutschland sind zum Beispiel der Auerochse und der Braunbär verschwunden, bis vor Kurzem auch der Wolf, der Große Tümmler, ein Delfin, der Gänsegeier oder der Bodensee-Kilch, ein Fisch. Weil der Bodensee-Kilch nur in Deutschland vorkam, ist diese Art sogar weltweit ausgestorben. Die anderen Arten, wie der Braunbär oder Gänsegeier, kommen noch in anderen Regionen in Europa vor, weshalb sie wieder nach Deutschland einwandern könnten. Global ausgestorben sind Arten wie die Stellersche Seekuh, die Wandertaube, der Tasmanische Beutelwolf oder die Reunion-Riesenschildkröte. Zugleich werden auch ständig neue Arten entdeckt; das heißt, sie werden endlich wissenschaftlich erfasst. Insgesamt ist der Trend allerdings klar negativ. Laut Weltbiodiversitätsrat ist die Aussterberate heute mindestens zehn- bis 100-mal höher, manche Publikationen sagen auch 1.000-fach höher als in den letzten zehn Millionen Jahren. Damit befinden wir uns am Beginn des sechsten Massenaussterbens der Erdgeschichte.
Wie bedrohlich ist dieses Massenaussterben?
Viele Arten sind mit anderen Arten eng verknüpft. So kann etwa das lokale Aussterben einer Futterpflanze zum Aussterben eines Schmetterlings führen, dessen Raupe auf dieser Futterpflanze frisst. Wie beim Apollofalter: Seine Raupen ernähren sich von Fetthennen. Mit dem intensiven Weinbau an der Mosel verschwanden deren Bestände an den steilen Hängen. Deshalb ist der Mosel-Apollofalter, eine Unterart des Apollo, stark gefährdet. Und das ist nur ein Beispiel von sehr vielen. Der Natur ist diese Entwicklung jedoch „gleichgültig“. Sie wird bestehen bleiben; die Natur ändert sich ständig. Das Aussterben trifft eher die Menschen – und sollte uns deshalb nicht unberührt lassen.
Wie bedrohlich ist das Aussterben für uns Menschen?
Dieser Verlust ist für uns langfristig sehr gefährlich, da die Natur unsere Existenzgrundlage bildet. Von ihr erhalten wir fast alles, was wir zum Leben brauchen: sauberes Trinkwasser, Nahrung, Fasern für unsere Kleidung oder Bauholz. Viele Arten nutzen wir direkt aus der Natur, zum Beispiel Weizen, Mais, Äpfel oder Rinder. Aber auch indirekt ist die Natur für uns wichtig. So sind rund drei Viertel aller Antibiotika natürlichen Ursprungs, genauso wie knapp zwei Drittel aller Zytostatika, die vor allem für Chemotherapien gegen Krebs eine Rolle spielen. Artenvielfalt wirkt sich, das kann man inzwischen messen, zudem ganz direkt auf unser Wohlbefinden aus. Menschen in artenreichen Landschaften sind psychisch gesünder.
Schließlich – und mindestens genauso wichtig – ist die Artenvielfalt der Maschinenraum der Ökosysteme. Sie regulieren das Klima, schützen den Boden, recyceln Nährstoffe, bestäuben Pflanzen, breiten Samen aus, reinigen Wasser und vieles mehr. Diese Leistungen können Ökosysteme aber nur erfüllen, wenn sie robust und resilient sind. Dafür brauchen sie eine möglichst große Artenvielfalt. Aus all diesen Gründen steht Biodiversität für viel mehr als liebreizende Natur. Sie ist für uns existenziell – und sogar noch wichtiger als die Begrenzung der Erderwärmung: Während der Klimawandel darüber entscheidet, wie wir in Zukunft leben, bestimmt der Grad der Artenvielfalt, ob wir als Menschheit überleben.
Gibt es Arten, die besonders schwer betroffen sind und deren Verlust uns besonders schwer treffen wird?
Besonders gefährdet sind große Arten und Spezialisten. Die großen Arten wie der Braunbär oder der Luchs, weil sie viel Nahrung und dafür ein ausgedehntes Streifgebiet brauchen. In den vom Menschen intensiv genutzten Landschaften bleibt ihnen jedoch immer weniger Platz. Die Spezialisten, wie der schon genannte Apollofalter, haben es schwer, weil sie auf wenige Futterpflanzen angewiesen sind. Das macht sie sehr verletzlich. Weniger trifft es Arten, die sich von einem breiten Spektrum an Futterpflanzen ernähren können, wie das Tagpfauenauge.
Welche Folgen das Aussterben einer Art hat, ist jeweils schwer vorherzusagen. Oft merken wir die negativen Wirkungen erst, wenn es zu spät ist. Ein Beispiel ist der Seeotter, ein putziger Bewohner der Meere vor der Westküste Nordamerikas. Früher wurde er wegen seines Fells gejagt, man erkannte seine Bedeutung damals nicht. Der Seeotter frisst jedoch in großer Zahl Seeigel, die ihrerseits von Braunalgenwäldern leben. Diese Braunalgenwälder sind Hotspots der Biodiversität. Dort finden sich Tausende anderer Arten, von Algen über Moostierchen und Schnecken bis hin zu Krabben und Fischen samt deren Kinderstuben. Mit der lokalen Ausrottung des Seeotters nahmen die Seeigel so zu, dass sie die Braunalgenwälder kahlfraßen. Damit verschwand deren Artenvielfalt. Zum Glück war das Ganze reversibel. Als die Seeotter geschützt wurden, erholten sich die Braunalgenwälder wieder.
Welche Hauptursachen sehen Sie für das Artensterben? Und inwiefern ist Artensterben vom Klimawandel abhängig?
Die Ursachen für das Artensterben sind sehr gut untersucht. Der Weltbiodiversitätsrat listet als wichtigste Ursache die intensive Landnutzung, konkret die Landwirtschaft. In den Tropen frisst sich die Landwirtschaft in natürliche Ökosysteme, in Regen- und Trockenwälder, Savannen und Feuchtgebiete. Bei uns in Deutschland und in Europa ist es die hoch-intensive Landwirtschaft mit großem Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, Monokulturen und strukturarmen Feldern ohne Hecken, Bäume oder Kleingewässer. Ursache Nummer zwei ist die Ausbeutung von Arten, insbesondere der Fischfang oder die Jagd nach Wildtieren, ein wichtiger Treiber für den Verlust der Artenvielfalt vor allem in den Tropen. Auf Platz drei kommt der Klimawandel, der bei uns bisher nicht für das Aussterben von Arten verantwortlich ist. Er wird aber in Zukunft sicher eine große Rolle spielen. Wir sehen die Folgen des Klimawandels bereits an den Korallenriffen, wo die erhitzten Meere zur Korallenbleiche und zum Absterben riesiger Riffsysteme führen. Auf Platz vier folgt die Umweltverschmutzung, beispielsweise der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, aber auch die Überdüngung und Nährstoffanreicherung, die zu Todeszonen im Meer führen können. Auf Platz fünf kommen schließlich fremde, invasive Arten. Bei uns ist zum Beispiel der Waschbär weit verbreitet. Er frisst in Naturschutzgebieten seltene Arten wie die Rotbauchunke oder plündert die Nester der ebenfalls stark gefährdeten Europäischen Sumpfschildkröte.
Es interessieren sich anscheinend immer weniger Menschen für das Artensterben, Tiere und Natur. Was denken Sie, woher diese Gleichgültigkeit in Gesellschaft und Politik kommt?
Die Breite der Gesellschaft hat den Bezug zum Land verloren. Die Supermarktregale sind immer gut gefüllt. Was dahinter an komplexen Produktions- und Lieferketten liegt, wird nicht wahrgenommen. Die Artenvielfalt schwindet still und leise, oft an Orten, die wir nicht sehen, wie im Boden oder unter der Meeresoberfläche. Selbst in der Agrarlandschaft, das heißt auf unseren Äckern, Wiesen und Weiden, nehmen die wenigsten Menschen diesen Schwund wahr, weil sie Arten wie Feldlerchen, Rebhühner oder Kiebitze nicht kennen.
Zugleich kommen die Folgen des Artensterbens immer stärker auch bei Menschen an, die sich bisher nicht dafür interessiert haben: Die hohen Preise für Kaffee oder Kakao der vergangenen Monate zum Beispiel lagen daran, dass die Produktion in großen tropischen Regionen zusammengebrochen ist, durch eine Kombination aus Klimawandel, Dürren, fehlender Artenvielfalt und nicht nachhaltigen Landnutzungssystemen. Solche Entwicklungen wird es künftig noch sehr viel häufiger geben.
Im UN-Biodiversitätsabkommen von Montreal aus dem Jahr 2022, das auch Deutschland unterzeichnet hat, wurde das Ziel gesetzt, 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Ist das realistisch? Und was wurde schon dafür getan?
Tatsächlich stehen weltweit immer mehr Flächen unter Schutz. Erst vor Kurzem wurden die globalen Zahlen nach oben korrigiert: Demnach stehen zehn Prozent der Meeresflächen (bislang acht Prozent) und 17,6 Prozent der Landesflächen (bisher knapp 17 Prozent) unter Schutz. Das bedeutet: Die Richtung stimmt, aber der Prozess geht nicht schnell genug. Allerdings wird es künftig schwieriger werden, Schutzzonen auszuweisen, weil durch die wachsenden Konsumansprüche der Menschheit auch die Konflikte um Flächen zunehmen.
Welche Irrtümer rund um Biodiversität und Artensterben würden Sie gern klarstellen?
Derzeit gilt der Schutz der Artenvielfalt oft als Hindernis für die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft. De facto sind aber auch Unternehmen auf intakte und produktive Ökosysteme angewiesen: auf Biomasse, sauberes Wasser, Schutz vor Hitze, Trockenheit und Überschwemmungen sowie auf gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „There is no business on a dead planet.“ Auf einem toten Planeten kann man keine Geschäfte machen. Das hat ein Teil der Unternehmerschaft erkannt und beachtet den Schutz der Artenvielfalt im Risikomanagement oder betrachtet Biodiversität sogar als Chance für neue Geschäftsmodelle. Es wäre wichtig, dass andere Betriebe diesem Beispiel folgten. Zudem sollten Politikerinnen und Politiker mehr auf diese Pionierunternehmer hören.
Welche Maßnahmen würden Sie sich von der Politik wünschen?
Die Herausforderungen sind nur durch einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz lösbar. Es gibt nicht die eine Maßnahme, mit der sich alles zum Guten wendet, sondern es braucht viele Veränderungen auf vielen Ebenen: Unternehmen sollten ihr Risiko durch den Verlust der Artenvielfalt stärker in den Blick nehmen und die Chancen für nachhaltige Geschäftsmodelle besser nutzen. Die Politik sollte dafür Anreize und stabile Rahmenbedingungen schaffen. Ein wichtiger Hebel wäre, die riesigen Agrarsubventionen nicht mehr im Wesentlichen nach der Fläche zu vergeben, sondern Höfe stärker zu unterstützen, die sich um eine nachhaltige Landwirtschaft bemühen, um den Schutz der Artenvielfalt, des Klimas und des Wassers. Aber auch jedem von uns kommt hier Verantwortung zu. Die Zivilgesellschaft kann einen großen Unterschied machen.
Was sollte jeder Einzelne von uns konkret zum Schutz von Arten tun?
Der Schutz der Artenvielfalt kann auf dem eigenen Balkon oder im Garten beginnen. Lieber Bienenpflanzen wie Lavendel oder Salbei statt Geranien. Lieber diverse Wiese statt englischem Rasen, lieber etwas Unordnung als Steingärten. Man kann sich auch in der Stadt einsetzen für artenreiche, diverse Grünflächen, Schutz großer Bäume und offene Wasserläufe. Ein wesentlicher Faktor ist jedoch der individuelle Konsum. Es würde viel bewirken, den Fleischverbrauch auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Der Anbau von einem Kilogramm Rindfleisch braucht 160-mal so viel Fläche wie für ein Kilogramm Kartoffeln. Die Leitlinie für eine planetare Ernährung empfiehlt 300 Gramm Fleisch pro Mensch und Woche. Idealerweise kauft man dann noch Fleisch von Weidetieren aus der Region. Das unterstützt den Erhalt blütenreichen, diversen Grünlands, das Tierwohl sowie lokale und regionale Wertschöpfungsketten. Den eigenen Kühlschrank gut zu managen, hilft ebenfalls. Weniger Lebensmittelverschwendung bedeutet weniger Anbau – auch das mindert den Druck auf das Land.
Das Schönste ist jedoch, der Artenvielfalt bei der Erholung zuzusehen und zuzuhören, im eigenen Garten, in Schutzgebieten oder auf renaturierten Flächen in der Umgebung.
Wer einmal im Sommer die Glühwürmchen im Leipziger Auwald erlebt hat, der weiß, welche Magie von der Natur ausgeht.