Ob Waffenrecht, Klimaschutz oder Steuern: In ihrer Ablehnung von Regierung und Institutionen waren sich US-Konservative bislang einig. Doch was, wenn sie plötzlich selbst an der Macht sind?
Sie kommen mit Protestplakaten, Sturmgewehren – und mit ihren Kindern. Als sich im Frühjahr 2014 mehrere Hundert Demonstranten und Polizeikräfte im US-Bundesstaat Nevada gegenüberstehen, ist die Stimmung aufgeheizt. Die Behörden sind in die Wüste gekommen, um 380 Kühe zu konfiszieren, die der Farmer Cliven Bundy illegal in der Dürre-Region grasen ließ. Statt seine Strafe zu bezahlen, mobilisiert er Hunderte Anhänger aus dem konservativen Lager, darunter Mitglieder der rechtsextremen „Oath Keepers“, die sieben Jahre später das Kapitol stürmen werden.
„Es geht nicht nur um Rinder“, steht auf einem Plakat. „Es geht um unseren Kampf für die Freiheit.“ Damit ist eigentlich alles gesagt. Denn spätestens seit den 1990er-Jahren entwickeln Teile der US-amerikanischen Gesellschaft eine zunehmende Abneigung gegenüber ihrer eigenen Regierung. Der Staat wird in diesen Kreisen misstrauisch, wenn nicht gar feindselig betrachtet – zumindest solange, bis die eigene Führungsfigur ebendiesen Staat anführt.
Washington als Feind
In einem Land, in dem fast 400 Millionen private Waffen im Umlauf sind, können solche Konflikte tödlich enden. So geschehen 1993, als das FBI im texanischen Waco den Komplex einer schwer bewaffneten Sekte stürmte. 51 Personen kommen dabei ums Leben. Sechs Monate zuvor hatte sich im entlegenen Ruby Ridge (US-Bundesstaat Idaho) bereits ein ähnliches Blutbad ereignet. Beide Ereignisse gelten unter amerikanischen Rechten bis heute als Symbole für die Bedrohung durch einen übergriffigen Staat.
In Nevada will das Weiße Haus unter der Führung Barack Obamas eine solche Eskalation unbedingt vermeiden. Die beschlagnahmten Rinder werden freigelassen, die Einsatzkräfte abgezogen. Es ist ein Sieg für die Aufständler, die keinen Hehl daraus machen, was passieren würde, wenn sich die Behörden noch einmal blicken ließen. „Beim letzten Mal hatten wir 1.000 (Unterstützer)“, prahlt Bundy gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press. „Beim nächsten Mal werden es 10.000 sein.“
Der Staat als Feind: Auf diesen gemeinsamen Nenner konnten sich Konservative in den USA lange Zeit einigen. Ob beim Waffenrecht, bei Umweltgesetzen, beim Hissen der Südstaaten-Flagge oder beim Eintreiben von Steuern: Das „Federal Government“, die verhasste Bundesregierung, erschien als perfekte Projektionsfläche für den eigenen Ärger. Und teilweise auch für unverhohlenen Rassismus. „Take our country back“, holt unser Land zurück, skandieren Republikaner, nachdem Barack Obama 2008 die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Schon damals zündelt Donald Trump, indem er behauptet, Obama sei nicht in den USA geboren. Zudem sät er bis heute Misstrauen gegen das Wahlsystem: Die Abstimmungen seien manipuliert, weil illegale Einwanderer massenhaft für die Demokraten stimmen würden. Dass unzählige Untersuchungen, auch unter der Leitung von Republikanern, das Gegenteil beweisen? Kein Thema für Trump.
Die Ablehnung staatlicher Autorität kommt in jüngster Vergangenheit in verschiedenen Ausprägungen daher. In den 2010er-Jahren macht die erzkonservative Tea-Party-Bewegung von sich reden, die auf freie Marktwirtschaft pocht, Steuern ablehnt und Obamas Gesundheitsreform rückgängig machen will. Führungsfiguren wie Sarah Palin kokettieren unverblümt mit Verschwörungsmythen wie dem „Deep State“ – der vermeintliche Schattenstaat: Die Regierung in Washington werde von finsteren Mächten „ferngesteuert“.
Gleichzeitig zeigen Amerikas Rechte ein gespaltenes Verhältnis zu Macht und Autorität. In ihrem Buch „Die weiße Wut“ bringt die Journalistin Eva C. Schweitzer diesen Zwiespalt schon 2012 auf den Punkt: „Die Tea Partiers reden viel von Freiheit, aber sie haben keine Probleme mit […] drei Millionen Inhaftierten, die Hälfte davon schwarz, mit der Todesstrafe und einem Militär, das Drohnen auf Todesmissionen schickt. Ihr Freiheitsbegriff reduziert sich darauf, weniger Steuern zu zahlen und weniger Sozialabgaben zu finanzieren, ihre Gegner sind Linke, Gewerkschaftler, Feministinnen, schwule Aktivisten und die Interessenvertreter von Schwarzen und Immigranten.“
Schweitzers Analyse gilt heute mehr denn je. Befeuert von rechten Fernsehsendern und sozialen Netzwerken, entstehen immer neue Ableger dieser Ressentiments. Zum Beispiel in Form der QAnon-Verschwörungstheorie um den „Deep State“, pädophile Kulte und den jüdischen Milliardär George Soros. Am 6. Januar 2021 bricht sich der Hass auf das Establishment schließlich Bahn, als mehrere Hundert Personen das Kapitol in Washington stürmen. Trump-Anhänger wollen die Amtseinführung Joe Bidens verhindern, weil die Wahl in ihren Augen manipuliert wurde. Am Ende ist nicht nur das Parlamentsgebäude verwüstet, sondern fünf Menschen sind tot.
Fünf Jahre später ist Trump erneut Präsident. Derselbe Mann, der jahrelang gegen den „Deep State“ gewettert hat, steht dem Staat nun selbst vor. Regelmäßig umgibt er sich mit Führungsfiguren des Silicon Valley; für die Oberklasse setzt er Steuererleichterungen durch. Gleichzeitig erhält Elon Musk, der reichste Mann der Welt, den Auftrag, den ärmsten Amerikanern ihre Sozialleistungen zu kürzen.
Wenig Vertrauen in Regierung
Wie kommt all das im rechtskonservativen Amerika an? Ist der „böse Staat“, den sie lange bekämpft haben, plötzlich gut, weil der eigene Messias ihm vorsteht? Oder bleibt das Misstrauen trotzdem bestehen? Ein Blick auf die Daten zeigt einen parteiübergreifenden Trend: Das Vertrauen in die Regierung nimmt seit Jahren ab. Laut einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center trauen aktuell nur 17 Prozent der US-Amerikaner ihrer Regierung zu, immer oder fast immer das Richtige zu tun. In den 1960er-Jahren, unter Präsident John F. Kennedy, lag dieser Wert noch bei fast 80 Prozent.
Ein genaueres Hinschauen zeigt aber auch: Es kommt darauf an, wer gerade an der Macht ist – und wen man fragt. „Es geht seit den 1960er-Jahren immer weniger um das Verhältnis der Regierung in Washington zu den Einzelstaaten an sich“, schlussfolgert Michael Butter, Amerikanistikprofessor an der Universität Tübingen. „Das Eingreifen des Federal Government findet man entsprechend gut, wenn die eigenen Leute am Hebel sitzen und gegen die ,Anderen‘ vorgehen. Gleichzeitig verweisen jetzt die Demokraten auf states’ rights (Rechte der Bundesstaaten), um diese Eingriffe zu delegitimieren.“
Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum das MAGA-Lager („Make America Great Again“) selbst dann zu Trump steht, wenn er den eigenen Prinzipien zuwiderhandelt. Trump trat mit dem Versprechen an, sein Land aus Kriegen herauszuhalten. Er wollte die Wirtschaft stärken, keine Kriege führen und, wie er im Wahlkampf stets betonte, den „Washingtoner Sumpf trockenlegen“. Die Realität sieht anders aus: eine chaotische Zollpolitik, Steuersenkungen für Reiche, persönliche Bereicherung im Amt, Militäreinsätze gegen Nigeria, Venezuela, den Iran, Drohungen gegen Nato-Partner Dänemark und Kanada.
Wenn die Widersprüche zu groß werden, stößt die Toleranz aber selbst bei den treuesten Anhängern an ihre Grenzen. Im November 2025 bricht die ultrarechte Abgeordnete Marjorie Taylor Greene mit Trump, da dieser in ihren Augen nur unzureichend an einer Aufklärung der Epstein-Affäre interessiert ist.
Als in Minneapolis im Januar 2026 Beamte der Einwanderungspolizei ICE einen Demonstranten erschießen, zeigen sich erneut Haarrisse innerhalb der Trump-Gefolgschaft. Das Opfer, der Krankenpfleger Alex Pretti, hatte bei dem Protest eine Pistole bei sich. Nach US-Recht ist dies legal, doch Trump führt die Waffe als Grund an, um die Schüsse der Polizisten zu rechtfertigen. Seine Regierung bezeichnet Pretti, der keinerlei Vorstrafen hat, sogar als „inländischen Terroristen“ – ein Reizwort, das bei vielen Rechten die Erinnerungen an Ruby Ridge und Waco aufkommen lässt.
Bei Problemen in der Wirtschaft hohe Sensibilität
Selbst die mächtige Waffenlobby, die traditionell mit Trump verbündet ist, widerspricht. „Eine Waffe zu tragen, ist kein Todesurteil, sondern ein verfassungsgemäßes, gottgegebenes Recht“, schimpft beispielsweise der republikanische Abgeordnete Thomas Massie.
Noch handelt es sich hierbei um Ausnahmen. Die wenigsten Republikaner wagen es, Trump oder seine Regierung offen zu attackieren – bisher richtet sich die Kritik meist gegen einzelne Behörden oder deren Vertreter. Doch selbst Trump rudert inzwischen zurück, kündigt einen Teilabzug der ICE-Truppen aus Minneapolis an. Er scheint zu spüren, dass er das tiefsitzende Misstrauen, das seine Anhänger gegenüber Staat und Regierung hegen, keinesfalls unterschätzen darf. Immerhin hat er es selbst gesät.
Hinzu kommen die wirtschaftlichen Hiobsbotschaften, die durch den Krieg gegen den Iran noch verstärkt werden dürften und die traditionell wirtschaftssensible Wählerschaft in den USA verprellen könnten. Das „große schöne Gesetz“, das der Kongress auf Betreiben Trumps durchgesetzt hat, sollte seine temporären Steuererleichterungen von 2017 dauerhaft festschreiben. Unternehmen und insbesondere kleinere und mittlere Betriebe sollten so entlastet werden, um Investitionen, Beschäftigung und Löhne zu stärken. Um diese Entlastungen zu finanzieren, kombiniert der Plan Steuersenkungen mit Gegenmaßnahmen wie dem Abbau oder der Einschränkung bestimmter Vergünstigungen. Die Reform verschiebt jedoch die Verteilungswirkungen im System: Tendenziell profitieren höhere Einkommen und Kapitaleigentümer stärker, während bestimmte Sozialprogramme und Steuervergünstigungen für ärmere Haushalte oder Bereiche wie Gesundheit und saubere Energie unter Druck geraten. Insgesamt sieht die US-amerikanische Tax Foundation, etwa vergleichbar mit dem deutschen Steuerzahlerbund, in dem Senatsentwurf einen Wachstumskurs mit hohen fiskalischen Risiken: Der Plan verspreche niedrigere Steuern und mehr Investitionen, erhöhe jedoch voraussichtlich Defizite und Schulden der USA.
Die Preise sind zudem im Alltag ein Problem: Mit Beginn des Irankrieges überstieg der Benzinpreis in dem Land, in dem viele noch mit dem Auto zur Arbeit müssen, die psychologisch wichtige Marke von drei Dollar pro Gallone (umgerechnet 68 Cent pro Liter). Seit 1. März müssen erwerbsfähige Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren ohne Kinder unter 14 Jahren monatlich 80 Stunden arbeiten, ehrenamtlich tätig sein oder sich weiterbilden, um Sozialleistungen, insbesondere die Lebensmittelmarken SNAP, zu behalten. Nach Schätzungen der Demokraten im Kongress könnten 2,4 Millionen Menschen betroffen sein.
Und dann ist da noch die erratische Zollpolitik, die Trump wie einen Schlagstock gegen Freund und Feind schwingt, um zu bekommen, was er will. Zwar wird er nicht müde, den Amerikanerinnen und Amerikanern einzuhämmern, dass das Ausland dafür bezahlt. Die Wahrheit aber ist, dass derzeit vor allem US-amerikanische Importeure einen Großteil der Zollkosten absorbieren und den Rest an den Konsumenten weiterreichen. Modellrechnungen der Yale-Universität zeigen ein geringeres BIP-Wachstum und einen moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit sowie weniger Beschäftigung, als ohne Zölle zu erwarten wäre. Weil sie einen größeren Teil ihres Einkommens für konsumnahe Güter ausgeben, treffen höhere Preise die einkommensschwachen Haushalte stärker. Über Jahre betrachtet generieren die Zölle hohe zusätzliche Staatseinnahmen, doch die durch geringeres Wachstum sinkenden Steuereinnahmen und die Wohlfahrtsverluste der Haushalte mindern diesen Vorteil deutlich. Exporte bleiben in den Simulationen von Yale dauerhaft niedriger, was auf längere Sicht die Produktivität und die Leistungsfähigkeit der offenen, exportorientierten Teile der US-Wirtschaft schwächt.
Dies zeigt sich in den Berichten zu den neu geschaffenen Jobs, deren Zahl in den vergangenen Monaten erheblich niedriger ausgefallen war als prognostiziert: Bis Anfang August 2025 hatten bereits 806.000 Amerikaner ihren Job verloren – mehr als im gesamten Jahr 2024. Allein im Juli wurden 62.000 Menschen entlassen, während die Regierungszahlen, die zuvor ein robustes Beschäftigungswachstum prognostiziert hatten, über Nacht um 258.000 Stellen nach unten korrigiert wurden. Amerika bremst sich gerade selbst aus. Und das MAGA-Lager ist zwiegespalten – wegen des Krieges gegen den Iran, der Wirtschaft, den täglichen Ausgaben.
Die ersten Vorwahlen für die Midterms im November haben bereits begonnen. Spätestens dann wird sich zeigen, ob Trump seine fragile Koalition der Unzufriedenen wieder unter einem Banner vereinen kann. Den Staat verkörpert er nun selbst.