Das 1:2 gegen Norwegen beendet für Brasilien eine WM, die den sechsten Stern bringen sollte. Stattdessen steht die Seleçao vor dem frühesten Aus seit 36 Jahren. Carlo Ancelotti bleibt Trainer, doch der Rekordweltmeister muss sich fragen, was von alter Größe noch trägt.
Neymar saß auf dem Rasen von East Rutherford und weinte. Der 34-Jährige zog sich das Trikot über das Gesicht, Mitspieler versuchten ihn zu trösten, aber gegen diesen Moment half kein Trost mehr. Brasilien war ausgeschieden. Nicht im Halbfinale, nicht nach einem dramatischen Endspiel, sondern schon im Achtelfinale. 1:2 gegen Norwegen, gegen Erling Haaland, der doppelt traf – und vor allem gegen die eigene Gegenwart.
So früh war Brasilien bei einer Weltmeisterschaft seit 1990 nicht mehr gescheitert. Damals verlor die Seleçao in Italien im Achtelfinale gegen Argentinien, den späteren Finalisten. Nun steht wieder ein Achtelfinal-Aus, 36 Jahre später. Brasilien misst sich nicht an Viertelfinals, nicht an tapferen Auftritten und nicht an der Hoffnung, beim nächsten Mal werde alles besser. Brasilien misst sich an Sternen. Seit 2002 wartet das Land auf den sechsten WM-Titel. Aus dem Traum, endlich wieder Geschichte zu schreiben, wurde in den USA ein neuer Tiefpunkt.
Suche nach Erklärungen
Kapitän Marquinhos brachte die Fassungslosigkeit nach dem Spiel auf eine einfache Formel. Es sei „unerklärlich, was da passiert ist. Wir müssen uns bei allen entschuldigen, dass wir es heute nicht geschafft haben“, sagte er. Es klang wie ein Satz, den man in Brasilien nach großen Turnieren inzwischen zu oft gehört hat: Entschuldigung, Erklärungssuche, Zukunftsversprechen. „Wir haben vier Jahre bis zur nächsten WM und hoffen dann, dass wir da gewinnen.“ Doch die Frage ist nicht mehr nur, ob Brasilien 2030 wieder gewinnen kann. Die Frage ist, warum der Rekordweltmeister so weit von der Weltspitze entfernt wirkt.
Die Antwort beginnt nicht erst bei der Niederlage gegen Norwegen. Sie beginnt in einer Qualifikation, die für brasilianische Verhältnisse ein Leidensweg war. Brasilien wurde in Südamerika nur Fünfter, zehn Punkte hinter Weltmeister Argentinien. Es gab erstmals Niederlagen in Kolumbien und zu Hause gegen Argentinien, dazu zwei Remis gegen Venezuela, das nicht einmal zur Endrunde fuhr. Trainer folgten auf Trainer, die Mannschaft suchte Halt. Schon vor dem Turnier war zu sehen, dass diese Seleçao nicht mehr selbstverständlich dort steht, wo sie sich selbst verortet.
Carlo Ancelotti übernahm im Mai 2025, also spät in dieser Entwicklung. Ihm allein das Scheitern anzulasten, wäre zu einfach. Der Italiener kam mit großer Aura: fünf Champions-League-Titel, Meisterschaften in Italien, England, Frankreich, Spanien und Deutschland. Er sollte Brasilien mit Ruhe, Erfahrung und Autorität stabilisieren. Kurz vor der WM verlängerten Verband und Trainer sogar bis 2030. Das Vertrauen war also da. Die Probleme waren es auch.
Ancelotti kann Mannschaften moderieren, ihnen Ordnung geben, Spannungen herausnehmen. Aber auch ein Trainer dieser Klasse kann keine Vergangenheit auf den Platz stellen. Genau darin liegt ein Kern des brasilianischen Problems. Die Seleçao lebt von einem Mythos, der größer ist als die Mannschaft der Gegenwart. Wer Brasilien hört, denkt an Pelé, Romário, Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho, Roberto Carlos oder Kaká. Unten auf dem Rasen stand nun aber eine Mannschaft, die nicht mehr wie ein natürlicher Titelanwärter wirkte.
Das bedeutet nicht, dass Brasilien keine großen Spieler mehr hat. Alisson, Marquinhos, Vinícius Júnior, Raphinha – das sind Namen mit internationalem Gewicht. Vinícius Júnior spielte mit vier Toren und einer Vorlage ein ordentliches Turnier und dürfte auch künftig das Gesicht der Seleçao bleiben. Doch die Dichte ist eine andere geworden. Früher bestand Brasiliens Mannschaft oft aus mehreren Spielern, die über Jahre unbestrittene Weltklasse verkörperten. Heute gibt es Stars und Talente, aber nicht mehr jene selbstverständliche Übermacht, die Gegner schon vor dem Anpfiff spüren ließ, dass sie gegen etwas Größeres als elf Spieler antreten.
Niederlage gegen Norwegen kein Zufall
Norwegen war deshalb kein Zufall. Schon nach dem 1:1 gegen Marokko zum Auftakt hatte es in der Heimat Kritik gegeben. Danach steigerte sich Brasilien zwar, doch nie so, dass aus den Ergebnissen echte Überzeugung wurde. Gegen Japan im Sechzehntelfinale gelang das Weiterkommen noch, verdient und zugleich glücklich genug, um Warnsignale zu senden. Gegen Norwegen konnte Brasilien sie nicht mehr überdecken. Der Gegner hatte Klarheit, Wucht, Haaland – und die Seleçao hatte wieder einmal zu wenig, um aus ihrem Namen eine Dominanz zu machen.
Ancelotti sprach nach dem Aus davon, dass Brasilien „neue Ideen finden“ müsse, und ergänzte, man müsse „einige Spieler austauschen. Wir brauchen junge Talente, hochkarätige Spieler, die aus dem brasilianischen Fußball kommen, um in Zukunft für die Nationalmannschaft spielen zu können.“ Das ist bemerkenswert, weil es über den Abend hinausweist. Es geht nicht nur um eine verpasste Chance oder um einen missglückten Matchplan. Es geht um die Frage, wie Brasilien wieder zu einer Mannschaft werden kann, die nicht nur vom Anspruch lebt, sondern ihn auch trägt.
Der Umbruch drängt sich auf. Neymar nahm Ancelotti eine Entscheidung ab, indem er nach 16 Jahren seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekanntgab. Sein Debüt hatte er im August 2010 im MetLife Stadium gegen die USA gegeben, nun endete seine internationale Karriere am selben Ort. Sein größter Triumph mit Brasilien bleibt das Olympia-Gold 2016 in Rio de Janeiro. Bei einer WM wurde er nie Weltmeister. Auch andere Routiniers stehen vor offenen Fragen: Casemiro und Danilo sind 34, Douglas Santos 32, Marquinhos 32, Alisson 33. Vier Jahre später wird aus Erfahrung schnell Alter, aus Routine eine Übergangsfrage.
Neue Gesichter gibt es in Ansätzen. Endrick, Rayan, Estêvão, Vitor Reis – Namen mit Potenzial, Namen aus großen Vereinen oder großen Erwartungen. Aber Potenzial gewinnt keine WM. Endrick kam unter Ancelotti zuletzt kaum zum Zug und muss sich auch bei Real Madrid weiter durchsetzen. Andere Talente müssen erst beweisen, dass sie den Schritt von der Verheißung zur Verlässlichkeit schaffen. Brasilien hat weiter Talent, vermutlich mehr als die meisten Nationen. Nur war brasilianisches Talent früher oft gleichbedeutend mit Weltklasse. Heute ist es häufiger ein Versprechen.
Ancelotti will kämpfen
Auch der Verband hat die Dimension des Problems erkannt. CBF-Sportdirektor Rodrigo Caetano stellte sich nach der WM öffentlich hinter Ancelotti. „Er ist unser Trainer und wird es im nächsten WM-Zyklus auch sein“, sagte er. Zugleich nannte Caetano als einen Hauptgrund des Scheiterns das Fehlen einer „angemessenen, langfristig stabilen Leitung“ in der Vorbereitung. „Diesen Fehler dürfen wir nicht noch einmal machen.“ Damit ist der Kern berührt: Brasilien hat zuletzt zu oft den Eindruck vermittelt, als genüge der eigene Name, um jeden Bruch irgendwann zu überstrahlen.
Genau dieser Gedanke funktioniert nicht mehr. Der internationale Fußball ist enger geworden. Nationen wie Norwegen, Marokko oder Japan treten nicht mehr als ehrfürchtige Statisten auf, sondern als strukturierte Gegner mit klarer Identität, hoher Physis und Spielern, die in Europas Topligen ausgebildet und geprüft werden. Brasilien kann sich auf seine Geschichte berufen, aber es kann mit ihr keine Räume besetzen, keine zweiten Bälle gewinnen und keine Pressingfallen lösen. Der Mythos ist ein Fundament, kein Spielplan.
Ancelotti kündigte an: „Morgen starten wir neu.“ Und er sagte: „Wir werden diese Niederlage nehmen und wir werden sie als Treibstoff für den neuen Zyklus nutzen.“ Entscheidend wird sein, ob Brasilien diesmal mehr daraus macht als eine Durchhalteformel. Der nächste Zyklus darf nicht nur bedeuten, vier Jahre zu warten und auf die nächste Explosion individueller Klasse zu hoffen. Er muss bedeuten, Strukturen zu schaffen, Rollen zu klären, Talente konsequent einzubauen und eine Mannschaft zu formen, die ihrem Namen nicht hinterherläuft.
Der Rekordweltmeister ist nicht am Ende. Dafür ist die brasilianische Fußballkultur zu groß, das Talentreservoir zu tief, die Sehnsucht nach dem sechsten Stern zu mächtig. Aber Brasilien ist eingeholt worden von einer Realität, in der Vergangenheit nicht mehr automatisch Gegenwart erzeugt. 1990 war das Achtelfinal-Aus ein Schock. 2026 ist es auch ein Befund. Die Tränen von Neymar erzählten vom Schmerz eines Abends. Die Aufgabe beginnt erst danach.