Es soll ein Renommierprojekt der neuen deutschen Schnelligkeit am Bau werden. Die Berliner Stadtautobahn ist ausgerechnet an ihrem am dichtesten befahrenen Teilstück unterbrochen. In einem Jahr soll die Lücke geschlossen sein.
Morgens um 2 Uhr zuckelt ein 60-Tonnen-Schwertransporter auf zehn Achsen mit einem 20 Meter langen Stahlkoloss beinahe in Schrittgeschwindigkeit durch die zweitgrößte Einkaufsstraße der Bundeshauptstadt. Auf dem Auflieger: ein riesiges Rohr von vier mal vier Metern im Quadrat aus feinstem Stahl in typischem Rostbraun. Zukünftiges Tragelement für die neue Ringbahnbrücke der Stadtautobahn am Dreieck Funkturm, wo vor gut einem Jahr die A 100 in Richtung Norden jäh unterbrochen werden musste. Zwei Stahlbetonbrücken wurden total gesperrt und innerhalb kürzester Zeit abgerissen. Es ging, für deutsche Verhältnisse, Knall auf Fall: Abriss innerhalb von acht Wochen, nach Beräumung und Vorbereitung der Baustelle Mitte Oktober Spatenstich für die Ersatzbauten. Die tragenden Brückenelemente sind nun allerdings nicht mehr aus Beton, sondern aus reinem Stahl. Kostet zwar mehr, aber der Bau geht schneller.
Problematische Anlieferung
Dass die gigantischen Einzelelemente mitten durch den Stadtverkehr zur Baustelle am Funkturm gebracht werden müssen und nicht direkt, hängt wiederrum mit dem Zustand der restlichen Stadtautobahn und ihren Zubringern zusammen. Für Schwerlasttransporte dieser Dimension waren die anderen Brücken auf der Strecke zum Funkturm vor 60 Jahren mal ausgelegt, aber mittlerweile sind sie ebenfalls zu marode. Herausforderung für die Transportlogistik. Dazu kommt: Klassischer Brückenbau geht nicht. Während oben auf einem der dichtbefahrensten Autobahnabschnitte Europas der Fahrzeugverkehr zumindest Richtung Süden mühsam vor sich hin rumpelt, verläuft genau darunter der Bahnknoten Westkreuz. Eine dauerhafte Vollsperrung kommt nicht infrage. Darum werden nun die Brückenelemente in 20 Meter kurzen „Stahlhäppchen“, wie Deges-Sprecher Lutz Günther sie im FORUM-Gespräch augenzwinkernd nennt, angeliefert. Vor Ort angekommen, werden vier Stück zu einem Brückentragelement von 80 Metern zusammengeschweißt. Drei dieser 80-Meter-Stahlrohre werden es dann sein, 360 Tonnen je Element.
Spannendes Juli-Wochenende
Gleichzeitig werden derzeit die Tragwerke, Pfeiler und Rampen vor Ort neu gebaut, klassischer Stahlbeton. Auch hier ist man trotz ungewöhnlich strengem Winter absolut im Zeitplan. Alles läuft dann auf Freitag, den 10. Juli, hinaus. Ein großer Tag nicht nur für Projektleiter Christian Rohde. Die drei 80 Meter langen, rechteckigen Stahlrohre oder auch Stahl-Hohlkastenträger, sollen dann ab Mitternacht innerhalb von 48 Stunden in die betonierten Tragwerke eingehoben werden. Der 57-Jährige hat schon viele Bauwerke für die Deutsche Autobahngesellschaft Nord-Ost umgesetzt, aber dieses ist seine größte Herausforderung, wie er dem FORUM verrät (siehe Interview).
Für die Politik dürfte das Juli-Wochenende ebenfalls sehr interessant sein. Einen Tag nach dem Beginn der parlamentarischen Sommerpause im Bundestag und der damit dann auch beginnenden heißen Phase des Wahlkampfes in Berlin wird einer beim Einhub garantiert nicht fehlen: Berlins Regierender Bürgermeister und CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner. Aber auch seine politischen Mitbewerber von SPD, Grünen, Linken und AfD werden beim Finale zum Brückenschluss über die Ringbahn am Kreuz Funkturm garantiert dabei sein. Dazu soll sich auch schon mal Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) ein Kreuzchen in seinem Termin-Kalender gemacht haben. Zwar wäre damit keineswegs die Berliner Stadtautobahn Richtung Norden wieder geschlossen, doch die zentralen Tragwerke für die wichtige Brücke zumindest eingehängt. Das sind immer schöne Bilder für eine strauchelnde Bundesregierung und das obendrein mitten in drei Landtagswahlkämpfen, wo positive Bilder immer gern von Politikern genutzt werden.