Die meisten kennen Ulrich Schneider als kämpferisch-konfliktbereiten Gast in Polit-Talkshows. Von 1999 bis 2004 war er Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.
Bei seiner Biografie zeigt der Titel „Mutti, komma ans Fenster! – Eine Arbeiter-Kindheit im Ruhrgebiet“ klar die Richtung: Schneider beschreibt authentisch Kinder- und Jugendjahre im Ruhrpottherzen Oberhausen in den 1960er-Jahren. Ein wenig später im Buch schaltet Schneider dann in den Attacke-Modus gegen eine Politikerklasse, die in den 30 Jahren seines Wirkens als Soziallobbyist den Sozialstaat Stück für Stück abgebaut hat, anstatt ihn als wertvolle Errungenschaft zu bewahren.
Vielleicht ist der Titel des letzten Kapitels programmatisch: „Ein Kampf gegen Windmühlen“. Da klingt der Frust Schneiders durch. Er rechnet ab mit der Schröder-Regierung (1998–2005), die den Sozialstaat zum Schmähwort machte, indem sie Empfänger sozialer Leistungen unter den Generalverdacht der Faulheit stellte.
Bis heute hat Schneider nichts von seiner Wut auf diesen Zynismus verloren. Eine Wut, die biografischen Ursprungs ist: Der frühe Tod des Vaters, der als Arbeiter ausgebeutet wurde, hat Spuren hinterlassen und hat Schneider als Arbeiterkind zu seiner in Deutschland wohl beispiellosen Karriere in der Sozial- und Armutspolitik getrieben. Bei manchen Passagen kann man ihm entgegenhalten, dass er nah am Klischee „Früher war alles besser“ entlangschrammt. Trotzdem sind viele Beobachtungen analytisch scharfsinnig und erhellend.
Die Arbeiter sieht er von der Politik zu Beschäftigten zweiter oder dritter Klasse deklassiert, gesamtgesellschaftlich erkennt er heute mehr Neid.
Wer sich für die Geschichte der deutschen Sozialpolitik interessiert, hat mit Schneider den passenden Experten gefunden. Dass der trotz seines beruflichen Aufstiegs nie vergessen hat, wo er herkommt, und mit Stolz, viel Humor und Wärme darüber erzählt, macht das Buch sehr empfehlenswert.