Frau Schebesta beseitigt berufsmäßig Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg. Davon liegt noch genug in und um Kiel, wo sie arbeitet, in der Erde versteckt. Erzählt wird die Geschichte von der halbwüchsigen Lou, die mit ihrem Vater und der über 90 Jahre alten Urgroßmutter in einem Hochhaus des Stadtteils Flint wohnt.
Ihre Urgroßmutter nennt Lou beim Vornamen Gitte, ihren Vater Trotzki. Weil der trotzige Gesichtsausdruck zu seiner Grundausstattung gehört. Sein zurückgezogener, melancholischer Charakter dürfte mit zwei Dingen zu tun haben: zum einen, dass er bei einem Bestattungsunternehmen arbeitet, zum anderen, dass Mutter Sibylle vor längerer Zeit die Familie verlassen hat.Und da ist noch Artjom, ein Junge aus einer tschetschenischen Familie, der im selben Haus wohnt und das Mädchen schon seit gemeinsamen Kindergartenzeiten kennt. Die beiden sind in einem Alter, in dem ihnen nicht klar ist, ob sie alte Freunde oder schon ein Liebespaar sind. Sie verbringen viel Zeit miteinander, oft im verfallenen Supermarkt, wo sich ein Streunerhund zu ihnen gesellt, den sie Fredi nennen.
Wie Malte Borsdorf diese Geschichte in 32 kurzen Kapiteln erzählt, ist bemerkenswert. Schon wenn ein Mann in die Rolle einer Frau (und umgekehrt) schlüpft, ist das eine kreative Leistung (und könnte von modernen Beckmessern als „Aneignung“ denunziert werden). Dass der Autor aber auch die Sprache einer Halbwüchsigen glaubwürdig trifft, das ist eine respektable Gratwanderung. Borsdorf schreibt in kurzen, schnörkellosen Sätzen, die nie sentimental werden, aber in ihrer kindlichen Schlichtheit berühren. Man muss sie einfach lieb gewinnen: die umsichtige Lou, der die Mutter fehlt, den gutmütigen Artjom, den wortkargen Vater, die still sorgende Urgroßmutter und den treuen Fredi. Sie alle schildert Borsdorf mit feinen, treffsicheren Strichen. Gegen Ende des Buches bangt man vor einem bösen Showdown, der aber ausbleibt. Der Autor lässt sein Buch realistisch ausklingen: Das Leben geht weiter.