Gnadenlos zählt Jean Ziegler die Leidensstationen dieser Welt auf: das Peinigen der Ukraine, den Völkermord an den Palästinensern, den Landraub in Lateinamerika. Alle fünf Minuten stirbt auf der Welt ein Kind an Hunger. In den Zuschreibungen ist der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung nicht zimperlich: Von mörderischen Regimen schreibt er, von Privattyrannei und von Raubgesindel und seinen Söldnern.
Er prangert das freche Ignorieren der Vereinten Nationen und der Menschenrechte ebenso an wie die um sich greifende Verweigerung des Asylrechts. Als Verantwortlichen für die Verhärtung der Herzen, die weltweite Gewissenlosigkeit hat Ziegler einen Feind ausgemacht: Die Weltdiktatur der Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals, wie er es nennt. Wenn er von Klassenkämpfen spricht, kommt der geschulte Linke in ihm durch. Wesentliche Faktoren wie Soziale Medien, KI und Cybercrime finden sich in Zieglers Un-Sitten-Gemälde allerdings nicht. Vielleicht eine Altersfrage.
Was aber schlägt er vor, zumal der Untertitel seines Buches „Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe“ lautet? Es sind Besteuerung, Verstaatlichung der Waffenindustrie, vor allem aber ein „Aufstand des kollektiven Bewusstseins“. Ziegler sieht eine riesige Massenbewegung heraufdämmern, deren Vorboten er etwa in der #MeToo-Bewegung oder den französischen Gelbwesten ausmacht.
Angesichts des zunehmenden Kontrollverlusts der Staaten und einem Trend zu populistischen Parteien und Politikern, die die verhängnisvolle Entwicklung weiter begünstigen, stellt sich allerdings die Frage, wie erfolgreich ein solcher Aufruf zur Erhebung der Zivilgesellschaft sein kann. Ziegler bleibt hartnäckiger Optimist: Auch die Sklaverei und die Feudalherrschaft seien einst zu einem Ende gekommen, meint er. Die Frage wäre, ob sich die Zivilgesellschaft diesmal wieder erholt oder sich selbst zerstört. Mit dem Autor lässt sich bestimmt lange darüber streiten, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Oder vielleicht gar nur mehr ein Tropfen fehlt, um es zum Überlaufen zu bringen.