Man soll so sein, wie alle sind. Ob in totalitären Regimen durch den Staat erzwungen oder bei uns aus Mode- und Gruppenzwang. Man soll auch mit Kollegen dadurch besser im Team zusammenarbeiten, dass alle gemeinsam in einem Raum, dem Großraumbüro, sitzen. Einzelbüros gelten als eigenbrötlerisch, sind zu teuer, und man kann die Mitarbeiter nicht so gut beobachten, so die Argumente der Verfechter der Legebatterien, pardon, Großraumbüros.
Einige Leute können sich im Großraumbüro aber eben gerade nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Es wird zwar längst nicht mehr so viel telefoniert wie noch vor 20 Jahren, doch dafür gibt es stundenlange Videokonferenzen und manche Kollegen quasseln sich erst mal zwei Stunden mit den Kollegen über die Fußballspiele des gestrigen Abends warm, um anschließend Kunden anzurufen und sie dann ebenso gnadenlos zuzutexten.
Dabei gibt es auch Menschen, die nicht morgens erst mal eine Stunde über Fußball reden oder abends noch auf einen Absacker mitgehen wollen und sich diesen Situationen entziehen. Sie gelten dann schnell als introvertiert oder eben als Sonderlinge, weil die Extrovertierten ihren eigenen Charakter als den einzig richtigen sehen.
Doch gerade die angeblich introvertierten Menschen arbeiten oft in Führungspositionen oder in der Öffentlichkeitsarbeit – wie passt das zusammen?
Dr. Rami Kaminski liefert in seinem Buch die These, dass es noch einen dritten Charaktertyp neben introvertiert und extrovertiert gibt – otrovertiert. Dieser interessiere sich sehr wohl für seine Mitmenschen, sei ein guter Beobachter und beispielsweise oft Schriftsteller, Wissenschaftler oder Journalist, jedoch verspüre er nicht das Bedürfnis, sich der Gemeinschaft anzupassen. Es gibt kein Schwarz oder Weiß und auch in drei Schubladen passt niemand, aber mancher könnte zumindest extrotrovertierte Anteile in sich wiederfinden. Womit er gesellschaftlich natürlich leicht ebenso ein Außenseiter ist wie der
Introvertierte, der für manche ja schon ein halber Autist ist.