80 Jahre lang war ein Essay des britischen Philosophen und Schriftstellers Aldous Huxley verschollen. Darin beschäftigt er sich mit der Vermeidung von Konflikten und der Machtausübung weniger über eine große Mehrheit. In „Zeit der Oligarchen“ (1946) steht er noch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs.
Der Autor von „Schöne neue Welt“ gibt in dem Essay Wissenschaft und Technik Mitschuld an der Entwicklung negativer Tendenzen in der Welt und fordert die Einhegung beider. Sie hätten sowohl demokratischen wie diktatorischen Regierungen Waffen in die Hand gegeben, gegen die eine Mehrheit des Volkes nichts mehr ausrichten könne.
Noch nie waren so viele so wenigen ausgeliefert, sagt Huxley prophetisch. Setzt man an die Stelle von Presse und Rundfunk die sozialen Medien, erhalten seine Worte bestürzende Aktualität, etwa wenn er davon schreibt, dass Medienkonsum die Gefahr psychischer Abhängigkeit mit sich bringt. In seinem Essay beklagt der Autor zu schnelle Veränderungen der wirtschaftlichen und politischen Zustände. Die von ihm genannten Folgen von Unsicherheit und Instabilität in der Gesellschaft sind damals wie heute spürbar.
Der Autor sieht die Lösung jenseits von kapitalistischem Zentralismus und allmächtigem Staat. Huxleys Vorschlag für eine bessere Welt klingt aber problematisch: Eine unabhängige Instanz solle darüber wachen, dass nur erforscht wird, was der Menschheit guttut, und nicht, was sie, etwa in bewaffneten Konflikten, schädigen könnte. Einiges hört sich utopisch an, würde aber so manches Drohpotenzial gerade in diesen Tagen gar nicht erst entstehen lassen.
Bestimmte Ausdrücke wie „Kapitalisten“ oder „Bosse“ werden im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr so verwendet. Aber wenn Huxley Wind- oder Sonnenenergie und Batteriespeicher als Wege zu einer gerechteren Welt nennt, dann ist er ganz in unserer Gegenwart. Allerdings zeigt sich an diesem Beispiel, dass die Mächtigen auch da schnell die Hand drauf haben und eigentlich kein Kraut gegen die Herrschaft der Oligarchen gewachsen ist.