Venezuela ist in den vergangenen Monaten in den Fokus der internationalen Politik gerückt. Der französisch-venezolanische Autor Miguel Bonnefoy hat seine eigene Familiengeschichte in einen Roman verpackt und stellt ein Venezuela vergangener Jahre vor. Für „Der Traum des Jaguars“ hat er den großen Romanpreis der Académie Française und den Prix Femina erhalten.
Die Geschichte beginnt mit Antonio, als dieser drei Tage nach seiner Geburt auf den Stufen einer Kirche, neben einer stummen Bettlerin, abgelegt wird. Die ist keineswegs begeistert von dem Findelkind, nimmt es aber zu sich, weil sich mit ihm Geld verdienen lässt. Früh lernt der Junge, sich durchs Leben zu schlagen, wird rasch erwachsen und steigt unermüdlich Stufe um Stufe nach oben. Einige Zufälle helfen ihm dabei. Er kann eine Schule besuchen, will Arzt werden. So wie auch das Mädchen Ana Maria, das ebenso zielstrebig und strebsam ist wie er.
Die beiden werden ein Paar und verlassen ihre Heimatstadt Maracaibo, um in Caracas Medizin zu studieren. Mit der Auszeichnung summa cum laude kehren sie nach Hause zurück. Rasch erarbeiten sich beide dort einen Ruf weit über die Region hinaus. Als eine Diktatur das Land lähmt, nehmen sie sich eine Auszeit. Antonio wird festgenommen, gefoltert und inhaftiert. Am Tag des Zusammenbruchs der Diktatur wird er nicht nur aus dem Gefängnis befreit, sondern auch Vater einer Tochter. Sie wird zur Feier dieses Tages nach dem Land benannt: Venezuela. Sie soll ebenfalls Ärztin werden, darin sind sich die Eltern einig. Doch die Tochter will davon nichts wissen, träumt vom fernen Paris, wird Diplomatin und gründet eine Familie.
Das alles erzählt Bonnefoy in einem faszinierenden Sprachgemälde. Trotz opulenter Bilder tut er das nicht mit barocker Schwere, sondern mit der distanzierten Leichtigkeit des mitunter amüsierten Zuschauers. Er beschreibt Personen mit einem Anflug von spöttischer Ironie, aber mit französischer Eleganz und warmer, nachsichtiger Sympathie für alle seine Figuren.