Zwei Gewaltverbrechen, die sich fast zur selben Zeit, am 12. und 13. Juni 2000 in Rio de Janeiro, abgespielt haben: In einem Fall entführt der 21-jährige Sandro einen voll besetzten Bus, wobei Polizei und Medien sogleich vor Ort sind und die vier Stunden andauernde, tragisch endende Entführung live im Fernsehen übertragen.
Einen Tag später wird Carlos Alberto Rodrigues Bessa, Bruder der Autorin, nicht weit davon entführt und ermordet. Doch dieses Mal verfolgen nicht 35 Millionen Fernsehzuschauer das Geschehen. Und wenn die Vorgeschichte von Sandro, der seinerseits Überlebender eines Massakers an obdachlosen Straßenkindern war, fast vollständig ausgeleuchtet ist, sind Täter und Umstände im anderen Fall bis heute nicht geklärt. Schon allein der Hergang, die jeweilige Vorgeschichte und Gleichzeitigkeit der Ereignisse würden Stoff für einen spannenden Kriminalroman abgeben. Doch die in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Brasilianerin entscheidet sich für eine persönlich gefärbte Rekonstruktion der Geschehnisse, in der sie selber als „die Erzählerin“ Teil der Handlung ist. Als solche erinnert sie sich 24 Jahre nach den Ereignissen, nachdem sie genügend Abstand gefunden hat, wie sie in Berlin vom Tod des Bruders erfährt und nach Brasilien fliegt, um der Mutter beizustehen, die sich von einer „lebenden“ in eine „überlebende Mutter“ verwandelt. So sehr sie versucht, sich zu erinnern, alles mit Zeitungsartikeln und anderem zu dokumentieren, die Tatorte des Geschehens aufsucht – all das gibt ihr keine befriedigenden Antworten auf die Frage, welche Bedeutung die beiden Verbrechen und ihre Gleichzeitigkeit letztendlich haben. Es gilt, die lückenhafte Erinnerung mit Fiktion zu füllen, ohne aber die Wahrheit und die Würde der beteiligten Personen preiszugeben.
Damit kommt Carla Bessa zum eigentlichen Thema des Buchs: der Erinnerung und der Rolle, die sie für unser Leben, aber auch die Literatur spielt. Erst aus der lückenhaften Erinnerung entsteht das Erzählen.