Mal fährt er Pakete aus, mal jobbt er in einer Kantine, einem Fahrradladen oder einem Manga-Verlag. Knapp 20 verschiedene Jobs macht Hu Anyans Ich-Erzähler im Buch „Ich fahre Pakete aus in Peking“ nach seinem Highschool-Abschluss innerhalb von 20 Jahren. Was auch immer es ist, er bleibt nur für begrenzte Zeit. Auch wenn er meist ein geschätzter Mitarbeiter ist, kündigt er wieder, zieht von einer anonymen Großstadt in die nächste, zwischendurch auch aufs Land, und lebt bei schlechter Ernährung in winzigen Zimmern, ohne Bindungen zu knüpfen.
Das liegt einerseits an den sklavenhaften Bedingungen im Niedriglohnsektor mit Arbeitszeiten von 12 und mehr Stunden, kaum freien Tagen und ohne Raum für Freizeit, persönliche Entwicklung oder das Knüpfen sozialer Bindungen. Zudem gibt der Bericht auch Einblick in die psychische Verfassung des Erzählers. Von seinen Eltern wurde er dazu angehalten, höflich, arbeitsam, gewissenhaft zu sein, wie es den traditionellen Werten in China entspricht, was beim Protagonisten bis zur Unterwürfigkeit und sozialen Phobie reicht. Immerhin stellt sich bei ihm eine Selbsterkenntnis ein.
Die Lektüre von westlichen Autoren wie Salinger, Kafka oder James Joyce regt ihn dazu an, sein Leben in Frage zu stellen. Schließlich beginnt er, selbst zu schreiben. So entstand das Buch, das während der Pandemie viral ging und danach in gedruckter Form veröffentlicht wurde: ein Akt der Befreiung.
Es ist keine große Literatur, die bei dieser Selbstverwirklichung herausgekommen ist. Aber die leicht lesbare, minutiöse, bisweilen monotone Beschreibung der Arbeitsabläufe, der kruden Geschäftspraktiken und teils gnadenlosen Ausbeutung gibt Einblick in die Befindlichkeiten der Menschen im unteren Lohnsegment. Bezeichnenderweise wurde das Buch, bevor es in 15 Sprachen übersetzt wurde, in China zum Bestseller. Es hält einer Gesellschaft den Spiegel vor, die sich im Zwiespalt zwischen dem Ideal vom traditionellen Kollektiv und der Suche nach individueller Freiheit befindet.