Es gibt Menschen, die Brücken zwischen den Kulturen sprengen – und es gibt Menschen, die diese Brücken wiederherstellen wollen: Der Roman „Die Dolmetscherin“ von Titus Müller schildert in fiktiver Art und Weise ein dunkles Kapitel der deutschen Vergangenheit und webt historische Fakten ein.
Im Mittelpunkt der Handlung, die im Jahr 1945 spielt, steht eine junge, aufstrebende Frau aus schwierigen Verhältnissen. Die junge Dolmetscherin Asta soll nach Nürnberg reisen, wo sie als eine der Übersetzerinnen eines bis heute polarisierenden Gerichtsverfahrens agieren darf: Es handelt sich dabei um die Nürnberger Prozesse.
Wer nun glaubt, dass dies problemlos und juristisch einwandfrei vor sich gehen würde, irrt. Mit Empathie kommt Asta nur begrenzt weiter. Immer wieder fällt sie aus allen Wolken, weil ihr Gerechtigkeitssinn permanent an seine Grenzen stößt.
Viele der angeklagten Mitläufer sehen in ihrem Verhalten während des Krieges keinerlei Schuld. Stattdessen betrauern sie ihre verstorbenen Haustiere, deren Ableben in ihrem inzwischen hohen Alter schwer zu verkraften sei – ein offensichtlicher Fall von Realitätsverweigerung.
Komplizierter wird es dann noch bei den Drahtziehern, die sehr versiert lügen können und auch in brisanten Situationen Witze reißen. Auch spontane Erkrankungen, die es bis vor zwei Stunden noch nicht gab, sind daher durchaus in Betracht zu ziehen. Für Asta eine Zumutung – und dies nicht nur beruflich.
Asta trifft in Nürnberg auf den – nach seinen eigenen Kriegstraumata ernüchterten – Leonhard, der ihr den Hof macht und die Augen öffnen möchte. Doch Asta wird auf Schritt und Tritt beobachtet, und eine Affäre ist nicht gerne gesehen, zumal Leonhard angeblich nicht vertrauenswürdig ist.
Autor Titus Müller, geboren 1977, schreibt vorwiegend historische Romane. Er studierte Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik. Er wurde unter anderem bereits mit dem C.S.-Lewis-Preis und dem Homer-Preis ausgezeichnet.