Der letzte große landesweite Stimmungstest gut ein Jahr vor den französischen Präsidentschaftswahlen ist Geschichte: In der zweiten Runde der Kommunalwahlen zeigen die Ergebnisse ein buntes Bild der zersplitterten französischen Parteienlandschaft.
Frankreich hat gewählt. Das Ergebnis ist ein bunter Flickteppich. Die konservative Partei Les Républicains (LR) bleibt eine starke lokale Kraft auf dem Land, gewinnt aber auch sozialistische Hochburgen wie Brest oder Besançon; die Sozialisten (PS) gewinnen dagegen Paris, behalten Marseille, Lille und Nantes und holen sich Straßburg zurück; die Grünen verteidigen Lyon; Achtungserfolg für die Präsidentenpartei Renaissance mit dem Sieg in Bordeaux; der rechtsextreme Rassemblement National (RN) gewinnt in Kleinstädten hinzu, schafft es aber nicht, in seiner südfranzösischen Hochburg die Bürgermeisterämter in Marseille, Toulon und Nîmes zu erobern; lediglich Nizza geht an ein ultrarechtes Wahlbündnis um Eric Ciotti. Die extreme Linke La France Insoumise (LFI) schnappt sich nach Saint-Denis bei Paris in der zweiten Runde die nordfranzösische Stadt Roubaix. Einer der ernstzunehmenden Präsidentschaftskandidaten, Edouard Philippe von der Mitte-Partei MoDem, setzt sich im zweiten Durchgang in Le Havre durch. Und im direkt ans Saarland angrenzenden Département Moselle bleibt in den Städten Metz, Forbach und Sarreguemines alles beim Alten.
Wie üblich haben bei den Wahlen mal wieder alle gewonnen. Nicht so ganz, denn der ehemalige Premierminister François Bayrou, Vorgänger von Sébastien Lecornu, wurde in seiner südfranzösischen Heimatstadt Pau nach zwölf Jahren abgewählt. Die Wahlbeteiligung im zweiten Durchgang insgesamt lag nach Angaben des französischen Innenministeriums bei rund 57 Prozent und erreichte damit nicht die anvisierten 60 Prozent.
Was bedeutet nun dieses kommunale Wahlergebnis für die im Frühjahr 2027 anstehenden Präsidentschaftswahlen? Es ging zum einen um die prestigeträchtigen Großstädte Paris, Marseille und Lyon und zum anderen um die Frage, wer mit wem ein Wahlbündnis eingehen könnte, allen voran im linken Parteienspektrum.
Die französische Hauptstadt ging klar an das Wahlbündnis Emmanuel Grégoire von der PS (Sozialisten) und verwies die ehemalige Kulturministerin Rachida Dati vom Rechts-Bündnis auf den zweiten Platz. Angeblich wurde sie sogar von Emmanuel Macron unterstützt. Die extremen Parteien links und rechts hatten keine Chance.
Ein Sieg in Marseille hätte dem Rassemblement National gut in die Karten gespielt. Aber der amtierende Bürgermeister Benoît Payan vom linken Wahlbündnis setzte sich deutlich gegen Franck Allisio vom RN durch. Auch in Toulon bleibt Bürgermeisterin Josée Massi von den Konservativen im Amt, dort hatten sich die Rechtsextremen noch die größten Siegeschancen ausgerechnet.
Ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten sich in Lyon der letztendlich siegreiche Grünen-Politiker Grégory Doucet vom linken Wahlbündnis gegen das Mittebündnis um Jean-Michel Aulas.
Extreme Kräfte am Rand extrem stark
Die Bilanz der kurzerhand geschmiedeten Wahlbündnisse vor allem im Wahllager der linken Parteien fällt gemischt aus. Es blieb letztendlich auch nur eine Woche Zeit nach dem ersten Wahlgang, durch Verzicht einem aussichtsreichen Kandidaten der Linken oder der Mitte zum Gewinn der zweiten Runde zu verhelfen. Das gelang in den mittelgroßen Städten nur teilweise: Einige Städte fielen an die linken Wahlbündnisse, einige an die konservativen Wahlbündnisse. Der Rassemblement National tritt in der Regel alleine an außer in Nizza, wo ein rechtsradikales Bündnis um den ehemaligen LR-Vorsitzenden Eric Ciotti gewann. Der Umgang der Sozialisten und Grünen mit La France Insoumise um Jean-Luc Mélenchon bleibt aufgrund der sehr radikalen Ansichten der extremen Linken sehr zwiespältig. Rückschlüsse auf eine mögliche Zusammenarbeit ein gutes Jahr vor den Präsidentschaftswahlen lassen sich derzeit nur schwer ziehen. Dafür sind Kommunalwahlen mit eigenen Themen und Persönlichkeitswahlen nur bedingt geeignet.
Das Wahlergebnis darf allerdings keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass die rechts- und linksextremen Kräfte an den Rändern in Frankreich enorm stark sind, obwohl sie in den Groß- und Mittelstädten nur wenige Bürgermeisterposten stellen. Insbesondere der RN mit über 40 Prozent der Wählerstimmen in vielen Wahlkreisen, so auch in Lothringen, zeigt das enorme Potenzial für einen möglichen RN-Sieg bei den Präsidentschaftswahlen.
Viel hängt davon ab, ob sich das linke Parteienspektrum auf einen Spitzenkandidaten einigen kann und wie sich das konservative Lager künftig aufstellt.
Ansonsten bleibt es bei der Dreiteilung Frankreichs in drei große politische Lager, wie sie sich in der Nationalversammlung widerspiegelt: ein Drittel rechtsradikal, ein Drittel Präsidentenlager, ein Drittel Linke. Doch Präsidentschaftswahlen sprechen eine andere Sprache. In Umfragen werden dem möglichen RN-Kandidaten Jordan Bardella, der übrigens bei den Kommunalwahlen nicht zur Wahl stand, gute Chancen eingeräumt. Es bleibt spannend bei unseren französischen Nachbarn.