Bis zum 7. März zeigt die Neue Nationalgalerie 17 Werke des Künstlers Maurizio Cattelan. Es geht um Geschichte, Macht, Gedenken, Identität und Glauben.
Oskar Matzerath sitzt auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie und trommelt. Oder wie es die Museumsleitung formuliert: „Auf dem Dach befindet sich ,Never‘ (2003).“ Denn die Puppe, die in regelmäßigen Abständen trommelt, ist natürlich nicht wirklich Oskar Matzerath. Aber die Figur, so erklärt es Lisa Botti von der Neuen Nationalgalerie, erinnert an den Protagonisten aus Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“ von 1959, jenen Trommler, der seit seinem dritten Geburtstag nicht mehr wächst. Lisa Botti ist Kuratorin der Ausstellung, für die diese Figur auf dem Dach „Wächter wie auch ein Störfaktor“ sein soll. Eine Ausstellung, die dem Künstler gewidmet ist, der „Never“ geschaffen hat: Maurizio Cattelan.
„Die Bezüge zu Deutschland sind eins der Themen, die in dieser Ausstellung erstmals beleuchtet werden“, sagt Lisa Botti. 17 Werke von Cattelan sind zu sehen, sechs davon hat er für diese Ausstellung geschaffen. „Night“, so ist die Schau überschrieben, ist die erste umfassende Einzelausstellung in Deutschland zum Werk des italienischen Künstlers. Anlass ist seine Auszeichnung mit dem Preis der Nationalgalerie in diesem Jahr.
Das Gebäude ist Teil der Ausstellung
Konzipiert wurde die Ausstellung speziell für die von Mies van der Rohe konzipierte Museums-Glashalle. „Night“ kreist um die Themen Geschichte, Macht, Gedenken, Identität und Glauben. Das Gebäude sei nicht nur Hülle, sondern selbst Teil der Ausstellung, erklärt Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie und Ko-Kurator der Ausstellung. Der Titel beschreibt einen „Zustand veränderter Wahrnehmung: Die Nacht ist nicht einfach die Abwesenheit von Licht. Sie ist ein Zustand“, sagt Maurizio Cattelan. „Die Nacht setzt Gewissheiten außer Kraft. Die Dinge verschwinden nicht zwangsläufig – sie werden lediglich schwerer zu fassen. Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit, sondern von der Fragilität von Gewissheiten. Zugleich ist die Nacht immer nur vorübergehend. Sie trägt stets die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist.“
Den Auftakt bildet „Purgatory“, eins der eigens für diese Ausstellung geschaffenen Werke, das das Brandenburger Tor im verkleinerten Maßstab ins Innere des Museums versetzt. „Aus seinem städtischen Kontext gelöst, erscheint das bekannte Denkmal als Ort des Übergangs, des Innehaltens und historischer Ambivalenzen“, erklärt das Kuratorenteam.
Die Anordnung der Werke verleiht der Glashalle, wie es Biesenbach formuliert, „vorübergehend den räumlichen Charakter einer Kirche“. „Eine Kirche ist eine wunderbare Erfindung, weil sie dem Unsichtbaren Gestalt verleiht“, sagt Maurizio Cattelan. „Die Neue Nationalgalerie hat bereits etwas Ritualhaftes: ihre Größe, ihre Symmetrie, ihre Stille und ihre Distanz zum Alltag. Mich hat interessiert, diese Qualität ernstzunehmen, ohne sie religiös werden zu lassen. Ich habe mir den Raum fast wie eine zeitgenössische Kirche vorgestellt: mit einem zentralen Kirchenschiff, Seitenschiffen und einer Abfolge von Präsenzen.“
Zu den zentralen Werken der Ausstellung gehört „Him“ (2001). Von hinten erscheint die kleine Skulptur zunächst als kniendes Kind mit zum Gebet gefalteten Händen. Erst beim Blick von vorn wird erkennbar, dass die Figur Adolf Hitler darstellt. „Cattelan entzieht Hitler die bekannten visuellen Zeichen von Macht und Ideologie. An die Stelle des Diktators in Uniform tritt eine kniende Figur“, erklären die Ausstellungsmacher. In Berlin erhält das Werk eine „zusätzliche Bedeutungsebene“: Die Haltung könne auch an Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970 erinnern. Das Werk lege jedoch keine eindeutige Interpretation nahe, die Bedeutung der Geste bleibt offen.
Eine Gruppe von Marmorarbeiten greift die Tradition italienischer Bildhauerei auf. „All“ (2007) besteht aus neun lebensgroßen, verhüllten Körpern aus Carrara-Marmor, die nebeneinander auf dem Boden liegen. Die Körper sind sichtbar, ihre Identität bleibt verborgen. So entstehe „ein horizontales Monument des Todes, das weder einzelne Personen noch eine Hierarchie erkennen lässt“. „Bones“ (2025) zeigt einen monumentalen Adler aus weißem Marmor mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Boden. Cattelan entzieht dem traditionellen Symbol von Staatshoheit, militärischer Autorität und imperialer Macht seine heroische Haltung. Das Machtsymbol erscheint zu Fall gebracht, verletzlich. Ob der Adler ruht, verletzt oder tot ist, bleibt ungeklärt. „First“ (2025) ist ein Ei aus Marmor, das von einem Eisennagel durchbohrt und an der Wand befestigt ist.
In „Novecento“ (1997) hängt ein lebensgroßes präpariertes Pferd von der Decke. „Das Pferd als traditionelles Symbol von Kraft, Freiheit und militärischer Macht wird in sein Gegenteil verkehrt. Der Titel verweist auf das 20. Jahrhundert und damit auf eine Epoche, die von Krieg, politischer Gewalt und Desillusionierung geprägt war“, erläutert das Kuratorenteam. Es gibt in der Halle ein zweites präpariertes Tier: „Pentecost“ (2002) zeigt einen Esel vor einem schwer beladenen Holzkarren. Die ungleich verteilte Last hebt den Körper des Tieres an. Das gesamte Gefüge steht kurz vor dem Zusammenbruch. Das Werk verbindet Arbeit, Ausdauer und Überforderung.
Eine prägende Stimme der Gegenwartskultur
Die Ausstellung kehrt wiederholt zu Selbstporträts und Scheitern zurück. „Charlie don’t surf“ (1997) zeigt einen Jungen an einem Schreibpult, dessen Hände von Bleistiften durchbohrt sind. „Eine zunächst vertraute Schulsituation wird zu einem Bild von institutioneller Autorität, Bestrafung und der Angst vor dem Scheitern“, lautet die Erklärung. „La rivoluzione siamo noi“ (2000) zeigt eine Miniaturfigur Cattelans in einem Anzug nach dem Vorbild von Joseph Beuys’ Filzanzug. Sie hängt bewegungslos an einem Kleiderständer. In der Neuen Nationalgalerie befindet sich das Werk in einer der ehemaligen Garderoben von Mies van der Rohe. „We“ (2010) zeigt zwei nahezu identische Figuren Cattelans, die nebeneinander auf einem Bett liegen. „Das Selbstporträt wird verdoppelt und bewegt sich zwischen Nähe und Entfremdung“, wird dazu erklärt.
Zwei Neuproduktionen beschäftigen sich mit Zeit, Tod und Erinnerung. „After“ (2026) besteht aus einem sechs Meter langen Eisenrohr, in dessen Zentrum ein schlafender Hund liegt. In regelmäßigen Abständen wird das Rohr angeschlagen und erklingt wie eine Glocke. „Dust“ (2026) besteht aus einem handelsüblichen Feuerlöscher, der die eingeäscherten Überreste eines Freundes des Künstlers enthält. Ein Gegenstand, der gewöhnlich mit Notfall, Rettung und Schutz verbunden ist, werde damit zu einem Gefäß der Erinnerung.
Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt Maurizio Cattelan, geboren 1960 in Padua, zu den prägenden Stimmen der internationalen Gegenwartskunst und hat ein Werk aus Skulpturen, Installationen und konzeptuellen Interventionen entwickelt, das sich mit Autorität, kollektivem Gedächtnis und gesellschaftlicher Macht auseinandersetzt. Seine Arbeiten wurden weltweit gezeigt, unter anderem auf mehreren Biennalen in Venedig sowie in großen Einzelausstellungen in New York und Paris. Mit „Night“ feiert die Neue Nationalgalerie nun seine Rückkehr nach Berlin, zwanzig Jahre nachdem er 2006 die 4. Berlin Biennale mitkuratiert hat.