Das Tempelhof-Festival in Berlin (das es aktuell leider nicht mehr gibt) war definitiv nicht dafür berüchtigt, Poser und Possen auf seine Bühnen zu locken. So viel steht fest. Weder die Strokes noch Muse, weder Courtney Barnett noch die Fontaines DC standen je im Verdacht mit überdimensionierten Showeinlagen zu blenden. Sie schillerten schlicht über ihre fabelhafte Musik.
Indes: Big Thief stachen im Line-up 2022 bezüglich Bescheidenheit und Wohlfühlatmosphäre tatsächlich noch heraus.
Eine traumwandlerisch miteinander agierende Band wie diese faszinierte auch Novizen. Ein paar musikalische Meisterwerke hatten die Brooklyner da im Gepäck. Das damals aktuellste davon mit dem Titel „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ hatte sich über 80 erquickliche Minuten im weiten Feld von Folk, Rock und Pop ausgebreitet.
Diesem aktuellen Nachfolger genügt die halbe Zeit für Magie. Es gibt aber noch andere Unterschiede. Musikalisch entfernt sich „Double Infinity“ ziemlich weit vom Vorgänger. Dessen verspielte Darbietungen zwischen Askese und Opulenz sind nun einem erstaunlich kohärenten Flow gewichen. Das hört sich spürbar nach Neuorientierung an. Geschuldet ist diese dem Umstand, dass Big Thief den Weggang ihres Bassisten verkraften mussten.
Das Abfinden mit dem Trio-Dasein gebar die Idee, eine Art Kommune zu gründen und weitere Menschen ins Manhattener Studio zu laden. Darunter: Laraaji, ein 82-jähriger Ambient-Drone-Meister, der seine elektrifizierte Zither mitbrachte, Joshua Crumbley, ein ausgewiesener Jazz-Bassist und die Folksängerin Hannah Cohen. Die Rohfassungen der Songs wurden den Gästen von Adrienne Lenker, Buck Meek und James Krivchenia erst zu Beginn der Sessions vorgespielt. Eine improvisierte Trance sollte entstehen. Und sie entstand, zieht auf wundersame Weise in den Bann. Natürlich ist es neben dem feinen Zusammenwirken aller Beteiligten insbesondere Lenkers unglaublich intensive Stimme, um die hier alles rotiert, pocht, schabt, rauscht und flirrt. Die Themen? Älterwerden mit Würde in wahrer, aufrichtiger Liebe. Würdevolle, wahrhaftige Musik wie diese hilft dabei.