Im nunmehr fünften Kriegsjahr versucht Russland den Krieg gegen die Ukraine politisch statt militärisch zu gewinnen – und findet in der Trump-Regierung einen willigen Partner. Ein Geheimdienstbericht aus Estland fasst die Kreml-Strategie zusammen.
Auch wenn bei manchem schon ein Gewöhnungseffekt an Nachrichten aus der Ukraine eingesetzt haben mag: Der Krieg ist nicht vorüber. Im Gegenteil, er weitet sich aus. Aus Putins Sicht ist eine Kapitulation der Ukraine nicht genug: Zum einen richtet sich Russlands Angriff gegen die Ukraine gegen die Unabhängigkeit eines Landes, das Kreml-Machthaber Vladimir Putin als sein eigenes betrachtet. Das zeigte schon sein Essay „Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern“ aus dem Jahr 2021. Putin hat sich radikalisiert, will diese vermeintlich historische Einheit gewaltsam wiederherstellen.
Daneben aber gibt es weitere Ziele: einen Keil zwischen Europa treiben, zwischen die Nato, das transatlantische Verhältnis schwächen und eine neue, alte Geopolitik von Einflusszonen schaffen, in die sich keine andere Macht einmischt. Zurück zu einer Welt, wie sie nach dem Wiener Kongress von 1815 aussah. Dies erreicht Putin nicht mit direkter Gewalt, sondern indirekt durch hybride Kriegsführung. Etwa dadurch, dass er Europa davon überzeugt, dass es womöglich eine atomare Reaktion Russlands provoziert, wenn es die Ukraine mit mehr Material und Geld unterstützt. Mit dieser Art von Großmachtprojektion aus dem 19. Jahrhundert hat der Kreml es bisher erfolgreich geschafft, die EU von entscheidend mehr Ukrainehilfe abzuschrecken. Mit hybriden Kriegsakten wie dem Zerstören von Unterwasserkabeln, Dutzenden Sabotageakten oder dem Ausspähen von Infrastruktur per Drohnen testet er Europas Verteidigungsfähigkeiten. Denn ohne Krieg überleben Russlands fast völlig auf Rüstung getrimmte Wirtschaft und damit Putins Regime derzeit nicht, eine Rückkehr zu ziviler Wirtschaft ist nur noch ohne soziale Verwerfungen machbar, wenn die meisten Sanktionen enden. Und danach sieht es bislang nicht aus.
Machtpolitik aus dem 19. Jahrhundert
Welche Erkenntnisse aber gibt es über Russlands Ziele und Strategien? Der Geheimdienst Estlands (EFIS) hat vor Kurzem sein Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Der 86-seitige öffentlich zugängliche Bericht analysiert Russlands Strategie, wirtschaftliche Schwäche und militärische Aufrüstung, aber auch die wachsenden Ambitionen Chinas und Nordkoreas in diesem Zusammenhang. Der EFIS zeichnet darin insgesamt ein düsteres Bild der globalen Sicherheitslage, Zitat: „Chaos und Fragmentierung kommen Russland zugute.“
So simuliere Moskau lediglich Interesse an Friedensverhandlungen mit der Ukraine. Tatsächlich verfolge der Kreml ein anderes Ziel: die bilateralen Beziehungen zu den USA auf ihr früheres Niveau zu heben und eine Niederlage Kyjiws zu zementieren. An seiner grundsätzlichen Feindschaft gegenüber Washington habe sich nichts geändert – Washington bleibe für Moskau der Hauptgegner, während der Kreml vordergründig versucht, das Weiße Haus mit lukrativen Wirtschaftsverträgen zu umschmeicheln, um die harten Sanktionen des Westens aufzuweichen.
Dies soll unter Ausschluss Europas geschehen, das mittlerweile offiziell als feindselig bezeichnet wird, ganz im Gegensatz zu den verständnisvollen Vertretern der Trump-Regierung. Ein Zeichen, dass Europas Macht vom Kreml durchaus als Gefahr für seine Ambitionen angesehen wird – und diese sind nichts weniger als die Vorherrschaft über einen stark fragmentierten europäischen Kontinent egoistischer Nationalstaaten, während die Macht und die Grenzen der alten Sowjetunion wieder zurückkehren.
Besonders im Fokus des estnischen Berichts: Russlands Versuche, ehemalige Sowjetrepubliken zu destabilisieren. Der Versuch, Moldaus pro-westliche Regierung mithilfe von 150 Millionen Dollar und militärisch geschulten Provokateuren zu stürzen, sei zwar gescheitert – doch der Geheimdienst ist überzeugt: Es war nicht der letzte Versuch. Der Kreml werde aus seinen Fehlern lernen.
Innenpolitisch jedoch häufen sich die Probleme: Russlands Wirtschaft befindet sich im Abschwung. Nahezu alle zivilen Sektoren werden zugunsten der Rüstungsindustrie vernachlässigt. Ein vollständiger Wirtschaftskollaps sei zwar unwahrscheinlich, doch das Risiko sozialer und wirtschaftlicher Instabilität wachse 2026 weiter. Dennoch treibt Moskau seine Kriegswirtschaft voran. Besonders alarmierend: Die Artilleriemunitionsproduktion wurde seit 2021 um das Siebzehnfache gesteigert – ein klares Indiz dafür, dass Russland sich nicht nur für den Ukraine-Krieg, sondern auch für künftige Konflikte rüstet. Zudem baut das Militär massiv auf Drohnentechnologie und etabliert unbemannte Einheiten in allen Teilstreitkräften – zu Land, in der Luft und auf See.
Im Inneren setzt der Kreml weiter auf Kontrolle und Indoktrination. Unabhängige Online-Medien sollen 2026 noch stärker eingeschränkt werden, die ideologische Beeinflussung und militärischer Drill junger Menschen werde systematisch ausgebaut. Youtube, Whatsapp und sogar das ursprünglich aus Russland stammende soziale Medium Telegram sollen massiv eingeschränkt oder abgeschaltet werden. Die bevorstehenden Staatsduma-Wahlen dürften nach Einschätzung der Analysten unter noch größerem Druck und größerer Kontrolle stattfinden als bisher.
Russland erschafft eine Gegenwelt
Um sein internationales Image zu polieren, kreiere Russland parallel dazu eine Art Gegenwelt – inklusive eines eigenen Friedenspreises, mit dem es versuche, sein Bild als Aggressorstaat zu kaschieren. Denn Russlands Strategie greift weit über Europa hinaus. Weil es sich als Großmacht begreift, verbreitet es mittlerweile seine Sichtweise auch in Afrika, sichere sich dort gewaltsam Ressourcen unter Umgehung von Sanktionen – und rekrutiere dort sogar Menschen für den Fronteinsatz in der Ukraine.
Eng abgestimmt agiert Russland mit China: Beide Mächte sehen die aktuelle geopolitische Umbruchzeit als Chance, die globale Machtbalance zu ihren Gunsten zu verschieben. Trotz gegenseitigen Misstrauens kalkuliere Peking, dass die Kooperation mit Moskau mehr nutze als schade. Nordkorea wiederum intensiviere seine internationalen Spionageaktivitäten und finanziere seine Waffenprogramme über im Ausland, vor allem auch in Russland, tätige Arbeiter, die dort aufgrund des gut bezahlten Fronteinsatzes fehlen – ein zunehmend besorgniserregendes Muster, so der EFIS.
Für die Ukraine bedeutet die russische Strategie, dass das Land nun auch den durch den russisch initiierten US-amerikanischen Druck verspürt, den Krieg zugunsten Russlands zu beenden. Im Grunde eine Kapitulation. Denn laut russischen und nun auch amerikanischen Forderungen müssten die ukrainischen Streitkräfte im Falle eines Abtretens des Donbas eine festungsgleich ausgebaute Verteidigungslinie aufgeben. Beste Voraussetzungen für einen erneuten russischen Angriff auf das schwächer verteidigte Hinterland östlich des Flusses Dnipro.
Für Putin ist der Weg klar: auf Zeit spielen, hart bleiben, so tun, als scheitere der Frieden an der Ukraine. Er pocht auf den „Friedensplan“, auf den er sich mit Trump bei seinem Treffen in Alaska geeinigt haben: die Aufgabe des gesamten Donbas. Der Friedensplan dagegen, auf den sich Europa, die USA und die Ukraine geeinigt haben, beinhaltet Sicherheitsgarantien der USA – aber nur, wenn das Land so schnell wie möglich Präsidentschaftswahlen abhält, verlangt Trump. Und geht damit erneut auf einen Wunsch des Kremls ein, der den unliebsamen ukrainischen Präsidenten loswerden will.
Laut Verfassung darf die Ukraine dies in Kriegszeiten nicht, Wolodymyr Selenskyj plant trotzdem britischen Berichten zufolge eine solche Wahl, um jene Garantien der USA nicht zu verlieren, verbunden mit einem Volksentscheid zum Friedensplan. Ob diese Wahlen zu einem anderen Ergebnis kommen als den Status Quo und den aktuellen Präsidenten zu zementieren ist nach aktuellen ukrainischen Umfragen unklar. Gesichert ist: Die Mehrheit der Ukrainerinnen und Ukrainer lehnt eine Abtretung von Gebieten an Russland ab, so ukrainische Medien.
Eine geordnete Wahl im Kriegszustand abzuhalten, spielt aber erneut in Russlands Hände: Wo könnte man besser Zweifel am Ergebnis säen als in einem kriegszerrissenen Land? Chaos bleibt also weiter das höchste Ziel des Kremls. Und nicht etwa Frieden.