Im Sommer 1931 kam es in Zentralchina rund um die drei Mega-Ströme Jangtse, Huai He und Huang He zu einer Überschwemmungskatastrophe, die auch wegen daraus resultierender Seuchen einige Millionen Opfer forderte.
bwohl im Jahr 1931 Überschwemmungen rund um den mit 6.380 Kilometern langen Jangtsekiang (kurz Jangtse genannt), den längsten Fluss Asiens, ein alljährlich wiederkehrendes Ereignis waren, wurde die Weltöffentlichkeit im Sommer 1931 von Meldungen über eine Sintflut-Katastrophe in China geschockt. Ein Ereignis schier alttestamentarischen Ausmaßes. Doch obwohl die nationalchinesische Kuomintang-Regierung unter Führung von Tschiang Kai-scheck den Völkerbund um Unterstützung bat und der US-Flugpionier Charles Lindbergh beauftragt worden war, Dokumentationsfotos und Kartierungen der betroffenen Regionen zu erstellen, beschränkten sich internationale Hilfsmaßnahmen im Wesentlichen auf Spendensammlungen. Lindbergh hatte gemeinsam mit seiner Frau Anne von der Küste aus die damalige chinesische Hauptstadt Nanking nach einer spektakulären Landung auf dem Lotussee erreicht und brachte sein Entsetzen über die endlosen Wassermassen und die gigantischen Verwüstungen zum Ausdruck. Die von chinesischer Regierungsseite rasch eingesetzte nationale Hochwasserhilfsorganisation war trotz des Mitwirkens renommierter Experten völlig überfordert. Zumal die zwingend erforderliche Bereitstellung ausreichend großer finanzieller Mittel durch den seit 1927 stetig an Fahrt aufnehmenden Chinesischen Bürgerkrieg zwischen Kuomintang und Kommunisten sowie durch die japanische Invasion der Mandschurei im Herbst 1931 verhindert wurde.
Schätzungsweise rund 88.000 Quadratkilometer Zentralchinas wurden hauptsächlich zwischen Juni und Oktober 1931 überschwemmt und verwandelten vor allem die acht am stärksten betroffenen Provinzen Anhui, Hubei, Hunan, Jiangsu, Zhejiang, Jiangxi, Henan und Shandong in ein riesiges Binnenmeer.
Nach der Flut kamen Cholera und Typhus
Dessen Fläche entsprach der Größe Englands samt der Hälfte Schottlands oder der drei US-Bundesstaaten New York, New Jersey und Connecticut. Häufig werden nur die beiden großen Ströme Jangtse und Huai He (Länge 1.078 Kilometer) für das Hochwasser verantwortlich gemacht, weshalb das Unglück im Chinesischen gemeinhin auch nur als Jangtse-Huai-Flut deklariert wird. Tatsächlich hatte aber auch der Huang He, besser bekannt als der Gelbe Fluss und mit rund 4.845 Kilometern zweitlängster Fluss Chinas, maßgeblich dazu beigetragen.
Die zeitgenössischen chinesischen Behörden bezifferten die Zahl der von den Überflutungen betroffenen Menschen auf rund 25 Millionen. Heute gehen manche Historiker davon aus, dass es mindestens doppelt so viele gewesen sein dürften. Auch bezüglich der Todeszahlen gibt es stark differierende Angaben. Der offizielle zeitgenössische chinesische Bericht sprach von etwa 140.000 ertrunkenen Opfern in den ersten Monaten der Flutkatastrophe. Die Gesamtzahl der Toten, vor allem aufgrund der durch Ernteausfälle ausgelösten Hungersnot und der sich wegen Trinkwasser-Kontaminierung rasant ausbreitenden Seuchen wie Cholera (Epidemie-Ausbruch ab April 1932) oder Typhus, wurde mit zwei Millionen angegeben.
Nach Auswertung zeitgenössischer Medienberichte hatten chinesische Historiker allerdings lediglich eine Opferzahl von rund 422.000 ermitteln können. Was manche ihrer westlichen Kollegen als viel zu niedrig ansehen und stattdessen vor allem angesichts der Schwere der Infektionskrankheiten und der Hungerfolgen von 3,7 bis vier Millionen Toten ausgehen. Damit wäre die Flutkatastrophe von 1931 die mit Abstand tödlichste Naturkatastrophe der Geschichte – zumindest, sofern reine Infektionspandemien außer Acht gelassen werden. Gemessen an den reinen Opferzahlen würde sie sogar das Flutunglück am Gelben Fluss des Jahres 1887 mit bis zu zwei Millionen Opfern übertreffen.
Die genauen Ursachen der monumentalen Flut konnten mangels aussagekräftiger historischer Aufzeichnungen und chinesischer meteorologischer Daten vor den 1950er-Jahren erst vor rund drei Jahren durch Wissenschaftler der Chinesischen Akademie der Wissenschaften erhellt werden. Forscher wiesen darin auf eine verhängnisvolle Kombination hin von tropischen El-Niño-bedingten Meeresoberflächentemperatur-Effekten, sprich warmen Anomalien, und extratropischen Wellenaktivitäten über dem eurasischen Kontinent, die für die Verankerung eines starken Regenbandes über der betroffenen Region verantwortlich waren. Aber auch ohne diese für den Laien fraglos schwer verständliche akademische Erklärung lässt sich das Geschehen plausibel erklären.
China hatte in den Jahren 1928 bis 1930 unter einer extremen Dürre gelitten. An diese schloss sich im Winter 1930/1931 starker Schneefall an. Entsprechend setzte im Frühjahr 1931 das massive Tauwetter Unmengen an Wasser frei, wobei in den zunächst hauptbetroffenen Regionen um den Jangtse zusätzlich ein starker Dauerregen zu verzeichnen war. So mussten schon vor dem Höhepunkt der ohnehin üblichen Monsun-Niederschläge in den Monaten Juli und August 1931 – wohl aufgrund der genannten El-Niño-Südoszillation – viele Menschen fluchtartig ihre Häuser rund um den Strom verlassen.
Staudammpläne lange Zeit verworfen
Dieser trat wegen der Trockenlegung und Abholzung einstmaliger natürlicher Auffangflächen zugunsten landwirtschaftlicher Nutzung und wegen vernachlässigter Wartungsarbeiten an Dämmen, Deichen oder anderen Schutzvorrichtungen nahezu ungehemmt über die Ufer. Weiter verschärft wurde die Lage durch das ungewöhnlich häufige Auftreten von Zyklonen. Alleine im Juli 1931 wurden neun gezählt, während es normalerweise im ganzen Jahr im Schnitt nur zwei waren. An vier Messstationen wurden im Juli 1931 Regenmengen von rund 600 Millimetern registriert, was dem Eineinhalbfachen des gesamten durchschnittlichen Jahresniederschlags entsprach.
Der Wasserstand des Jangtse erreichte einen Rekord von 16 (!) Metern über dem Normalniveau. Die gewaltigen Wassermengen ließen auch die beiden anderen großen Ströme sowie einen Teil des ausgeklügelten chinesischen Kanalsystems namens „Canal Grande“, der auch als „Kaiserkanal“ bezeichnet wird und der längste künstliche Wasserweg der Welt ist, rasant anschwellen. Der Huai He ergoss sich über die Hauptstadt Nanking, die ohnehin auf einer Insel erbaut und traditionell von Wasser umgeben war. Die am Zusammenschluss des Jangtse mit einem großen Nebenfluss namens Han Jiang liegende Stadt Wuhan war den Fluten ebenfalls nicht gewachsen. Die Fluten ließen rund 400.000 Menschen obdachlos zurück. Hier war die Wut auf die eigene Regierung besonders ausgeprägt, weil sie ein Jahr zuvor den Tempel des als Schutzgott angesehenen Drachenkönigs hatte niederreißen lassen. Größte internationale Aufmerksamkeit erregte das Schicksal der Stadt Gaoyou, weil dort am 25. und 26. August 1931 die Deiche des Kaiserkanals am Gaoyou-See brachen und auf einen Schlag rund 15.000 Menschen ihr Leben verloren.
Die Katastrophe des Jahres 1931 hätte zumindest erheblich eingedämmt werden können, wenn man die schon in den 1920er-Jahren erstmals diskutierte Idee eines sogenannten Drei-Schluchten-Staudamms am Jangtse westlich der Stadt Yichang in der Provinz Hubei in die Tat umgesetzt hätte. Allerdings war man damals noch vor dieser gewaltigen Aufgabe an den drei aneinandergereihten Durchbruchstälern namens Qutang, Wu und Xiling zurückgeschreckt. Erst nach dem Sieg der Kommunisten im Bürgerkrieg griff Mao Zedong 1953 das Projekt wieder auf, das selbst die Große Mauer oder den Kaiserkanal in den Schatten stellen sollte.
Gigantisches Tiefwasserreservoir
Nach einer Machbarkeitsstudie wurde 1955 mit der detaillierten Planung begonnen, um damit nicht nur das Überschwemmungsrisiko aus der Welt zu schaffen, sondern auch gewaltige Energiemengen gewinnen zu können. Da das Projekt aber auch auf heftige Kritik stieß, weil beispielsweise die mit einem Dammeinsturz verbundenen Gefahren als zu hoch eingestuft wurden und weil man die dafür unabdingbare Umsiedlung von Millionen von Menschen als ebenso fragwürdig ansah wie die Zerstörung wertvoller Landschaften oder architektonisch-archäologischer Kulturschätze, wurde es für rund 40 Jahre auf Eis gelegt. Erst 1992 gelang es Premier Li Peng, der selbst über eine Ingenieur-Ausbildung verfügte, den Nationalen Volkskongress zur Ratifizierung des Dammbaus zu bewegen. Obwohl auch damals noch ein Drittel der Abgeordneten dem Projekt ihre Zustimmung verweigerten und Staatspräsident Jiang Zemin sogar demonstrativ der offiziellen Einweihung des Baustarts 1994 fernblieb. Zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung im Jahr 2006 war der Drei-Schluchten-Staudamm weltweit beispiellos. Sein 2012 in Betrieb genommenes Wasserkraftwerk hat in gut 20 Jahren mehr als 1,7 Billionen Kilowattstunden Strom erzeugt, was auf eine jährliche Produktion von bis zu 84 Terawattstunden schließen lässt. Durch den Damm wurde zudem ein riesiges Tiefwasserreservoir geschaffen, auf dem selbst Hochseefrachter von der Küste des Ostchinesischen Meeres aus weit landeinwärts fahren können.