Radikal waren in Belfast einst die Unruhen, radikal ist auch der Wandel. Wo Gefangene einsaßen, wird nun Whiskey gebrannt, wo die Titanic gebaut wurde, begeistert ein Top-Museum. Welche weiteren Orte sehenswert sind, zeigen wir anhand berühmter Songs.
Auch wenn längst nicht alles Friede, Freude, Fish ’n’ Chips ist: Die Zeiten, in denen Touristen Belfast mieden wie Protestanten die Katholikenviertel und umgekehrt, sind vorbei. Seit dem Friedensabkommen von 1998 haben sich die Gästezahlen vervierfacht. Touristen wie Studierende werten die (Innen-)Stadt seither ebenso auf wie szenige Bars und coole Hotels. Moderne Gebäude entstehen neben heruntergekommenen Parkhäusern, auf dem Gelände der alten Werften gleich ganz neue Viertel. Und wohin man hört, ist (Live-)Musik omnipräsent. Nicht umsonst wurde die 350.000-Einwohner-Stadt von der Unesco zur „City of Music“ geadelt. Und welche Songs hört man nun besonders oft in Belfast? Wir verraten es, indem wir sie den empfehlenswertesten Sehenswürdigkeiten zuordnen. Los geht’s!
Mit „Stairway To Heaven“ zum Oh Yeah Music Centre
Nirgends wird Belfasts Musikalität so greifbar wie im umtriebigen Oh Yeah Music Centre. Neben experimentellen Studios und Clubnächten begeistert die Dauerausstellung zu Nordirlands Musik. Seit 2008 haben sich mehr als 200.000 Besucher über die Gibson-Gitarre von Gary Moore, die signierte erste Single der Undertones („Teenage Kicks“) und andere Schätze gebeugt. Wer sich der hier beginnenden „Belfast Music Walking Tour“ anschließt, erfährt noch mehr. Etwa dass Led Zeppelins Weltpremiere von „Stairway To Heaven“ 1971 in der nahen Ulster Hall stattfand, Snow Patrol als Musikbotschafter der Stadt fungieren und in Szene-Clubs wie Limelight, The Empire und Voodoo der Punk abgeht.
Mit „The Wild Rover“ durchs Cathedral Quarter
Auch wenn Nordirland zum Vereinigten Königreich gehört – und damit auch der hier mehrheitlich abgelehnte Brexit Realität ist –, finden sich auf allen Ebenen starke Verflechtungen mit der EU-begeisterten Republik Irland: geschichtlich, wirtschaftlich, sprachlich und musikalisch. Letzteres wird auf dem Traditional Music Trail deutlich. Der schlängelt sich durch das künstlerische Herzstück des mit Dutzenden übergroßen Murals aufwartenden Cathedral Quarter, das sich um die Kathedrale of St. Anne mit der ikonischen, 40 Meter hohen Turmspitze „Spire of Hope“ ausbreitet. Profimusiker führen samstags um drei zu den Insider-Treffs, angefangen am Kaminofen in der Bar „The Dirty Onion“, über das wie ein Privatzimmer wirkende Musik-Pub „Duke of York“ (herrlich auch die bunten Schirme über der Gasse davor) und weiter in „McHugh’s Pub“, das seit 1711 Bier ausschenkt. Unterwegs gibt es viel Musik, Storys und Songs, mitunter auch auf Gälisch. Das geht durchaus rockig! Nicht nur im „Thirsty Goat“ beweisen Bands, dass sie die Menge zum Tanzen bringen können – mit typisch irischen Instrumenten wie Fiddle, Flöte und Banjo. Ein Evergreen, der nie fehlen darf: „The Wild Rover“, melodische Grundlage für „An der Nordseeküste“.
Mit „Brown Eyed girl“ durchs Queen’s Quarter
Belfasts bekanntester Musiker? Van Morrison! Kaum eine Live-Session in einem Pub, bei der nicht das beschwingte „Brown Eyed Girl“ geschmettert wird. Wenn Hobbymusiker den Gassenhauer etwa im ehrwürdigen „St. George’s Market“ anstimmen, fällt das ohnehin singfreudige Publikum garantiert mit ein. Das gilt auch für die vielen Straßenmusiker, die manchmal auch Ufermusiker –
der Lagan wird derzeit dank Promenaden und XXL-Kunst aufgewertet – oder Parkmusiker sind. Etwa im Botanischen Garten, einem beliebten Treffpunkt für Einwohner, Studierende und Touristen. Die steuern vor allem das Palmenhaus an, eines der frühesten Beispiele eines krummlinigen Gewächshauses aus Gusseisen und wichtiger Teil von Belfasts viktorianischem Erbe. Auf der anderen Seite der ehrwürdigen Uni sorgen im Queen’s Quarter braun-, grün- und blauäugige Girls und Boys für gute Vibes. Ihr Habitat: Bookshops, Vintageläden, Tattoostuben und (vegane) Cafés, an denen pinke Doppeldeckerbusse vorbeifahren und Aushänge verkünden, dass die Belfast Pride Parade mehr Teilnehmer hätte als die des ewigen Rivalen Dublin, yes!
Mit „Belfast Child“ auf Black-Taxi-Tour
Zum Glück sind die zwischen 1969 und 1998 wütenden Troubles – wie der Nordirlandkonflikt auch genannt wird –, zigfach in Filmen und Songs wie „Belfast Child“ von den Simple Minds und „Sunday Bloody Sunday“ von U2 thematisiert, Geschichte. Doch die meisten Besucher wollen sich auch vor Ort mit dem Konflikt auseinandersetzen. Bei Black-Taxi-Touren geht das gut. Dabei chauffieren Belfaster Urgesteine wie Billy Scott Gäste durch die Stadt und erzählen viel Wissenswertes, auf kurzweilige und persönliche Art. Immer wieder hält der Wagen dann an neuralgischen Stellen an, etwa am Clonard Memorial Garden. In den kleinen Gedenkstätten, die ganz Belfast überziehen, wird den Märtyrern von einst gedacht. Scott und Co. fahren auch in katholische wie protestantische Viertel hinein, zeigen mitunter recht martialische und beklemmende Murals sowie die bis zu acht Meter hohe Peaceline. Der bekannteste Abschnitt der kilometerlangen Absperrung, eine von über einem Dutzend, ist mit Friedensbotschaften derart voll, dass man kaum Platz für die eigene Unterschrift findet. Auf die Frage, warum die Mauer überhaupt noch da sei, zitiert Scott ein lokales Sprichwort: „Gute Zäune machen gute Nachbarn.“ Aha.
Mit „Nothing Compares To You“ im Ohr durch die Stadt
Es dauert nicht lang, bis wieder amüsantere Töne angeschlagen und Tipps für den weiteren Tag erteilt werden. Wie wäre es mit dem Ulster Museum, das Artefakte aus Nordirlands Geschichte, Kunst und Natur ausstellt? Dem außerhalb gelegenen Belfast Castle? Zentral liegt das Victoria Square, Belfasts Nummer-eins-Shoppingzentrum und nebenan die City Hall mit kupferfarbenem Kuppeldach und elegantem Portland-Stein. Praktisch: Scott fährt Besucher sogar hin. Dazu erklingt im Autoradio einer der größten Hits der Inselgeschichte: „Nothing Compares 2 U“ von Sinéad O’Connor.
Mit „My Heart Will Go On“ zur Titanic Belfast Visitor Experience
Gut, Céline Dion ist Kanadierin, aber die von ihr in „My Heart Will Go On“ besungene Titanic „ist“ Belfast. Schließlich wurde das berühmteste Schiff der Welt in den Docks der zur Jahrhundertwende enorm prosperierenden Großstadt gebaut und 1911 vom Stapel gelassen. 100 Jahre nach ihrem Untergang eröffnete 2012 das Titanic-Museum, Leuchtturmprojekt des gleichnamigen Viertels, das mit edlen Wohnungen, Restaurants, Jachthafen und Geschäften eines der weltgrößten Stadtsanierungsprojekte darstellt. Besonders beeindruckend ist eben das Museum, das von außen an drei silbern glänzende Schiffsbuge erinnert. Oder doch an Eisberge? Im Inneren erzählt es die Geschichte des (Alb-)Traumschiffs, vom Bau bis zum Untergang. Und schnell wird klar, warum die „Experience“ so beliebt ist und 2016 bei den World Travel Awards zum Gewinner gewählt wurde: Sie ist multimedial, immersiv, hochmodern. Man schwebt per Gondel durch Werftkulissen, hört Originalstimmen, erfährt von Einzelschicksalen und bekommt Gänsehaut, wenn die Namen der Toten an die Wand gebeamt werden. Ergreifend auch der Raum danach, unter dessen Decke sich ein zehn Meter großes, spacig beleuchtetes „Ship Of Dreams“ zu Dions Titanic-Schmachthit dreht.
Mit „Whiskey In The Jar“ in die J&J McConnell’s Distillery
„Old Bushmills“ im Hinterland von Belfast mag die älteste Whiskeybrennerei der Insel sein, doch McConnells ist die derzeit aufregendste. Neueste kann man nicht sagen, weil es sie schon einmal gab, da war sie sogar richtig groß. Dann kamen Feuer, Prohibition, die Weltkriege und das Aus – wie für Dutzende andere irische Destillerien auch. Seit 2024 ist sie wieder da, und wie. Das Besondere: Herstellung und Besucherzentrum befinden sich im Gefängnis Crumlin Road Gaol. Da sind Maischbehälter und Brennkessel wie die Probierräume in ehemaligen, jetzt herausgeputzten Zellen untergebracht. Hinter Gittern finden sich nur noch extrawertvolle Destillate von damals. Auf einer Tasting-Tour lernen Besucher dann dank Guides wie Sam alles über das Destillieren. Was sie ebenfalls erfahren: wie gut die Spirituose mit Ginger Ale, das im Übrigen in Belfast erfunden wurde, harmoniert und dass das viel gelobte Gaol-Erlebnis nebenan sogar „echte“ Gefängniseinblicke ermöglicht.
Mit dem „Game Of Thrones“-Soundtrack durchs filmreife Umland
Die wohl erfolgreichste Fernsehserie bisher wurde von 2010 bis 2018 an 49 Orten rund um Belfast (und im dortigen Studio) gedreht. Insbesondere jüngere Filmtouristen pilgern seither in Strömen zu den „Game of Thrones“-Locations. Wobei die Schauplätze auch jenen gefallen, die mit dem Fantasyknüller nichts am Hut haben. So diente die majestätische Bergkette der Mourne Mountains im Film als Portal der Stadt Vaes Dothrak, in echt fungiert sie als Wander- und Bikeparadies. Die märchenhafte Buchenallee von Ballymoney, die als berühmte Kings Road Zuschauer vom Hocker reißt, begeistert als Dark Hedges eben auch Spaziergänger. Das an der klippenbestandenen Causeway Coast gelegene Schloss Dunluce, als Haus der Graufreuds im Filmrampenlicht, ist für alle eine Augenweide. Was für den benachbarten Giant’s Causeway, Nordirlands erste Welterbestätte, erst recht gilt: Die 38.000 kurios geformten Basaltsäulen hätten jedenfalls auch einen Auftritt verdient.