Noch immer gilt männliche Verletzlichkeit als Tabu – im Alltag wie im gesellschaftlichen Diskurs. Männerberatungen und Väternetzwerke stellen sich aktiv gegen dieses veraltete Rollenbild. Ein Blick ins Saarland zeigt, wie das gelingen kann.
Männer haben es derzeit nicht leicht: Oft entsteht der Eindruck, für viele gesellschaftliche Probleme werde vor allem der männliche Teil der Bevölkerung verantwortlich gemacht. Dabei entspricht das gängige Klischee vom muskelbepackten Autofan, der blutige Steaks verschlingt, längst nicht der Realität. Solche vereinfachten Geschlechterbilder wirken jedoch nach – auch in der Beratungsarbeit, sowohl für Ratsuchende als auch für Fachkräfte.
Das hartnäckige Vorurteil, Männer seien nicht hilfsbedürftig, hält sich bis heute. Genau hier setzen speziell auf Männer zugeschnittene Beratungsangebote an, etwa Männernetzwerke. Sie beziehen die Wirkung von Stereotypen und Erwartungen an „Männlichkeit“ bewusst in ihre Arbeit ein und unterstützen Jungen, Männer und Väter in sehr unterschiedlichen belastenden Lebenssituationen. Dachverband der gleichstellungsorientierten Organisationen, die in der Jungen-, Männer- und Väterarbeit sowie in der entsprechenden Politik aktiv sind, ist das Männerberatungsnetz.
Dabei handelt es sich um ein Angebot des Bundesforums Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter. Dieses wiederum wurde 2010 gegründet, als Pendant zum deutlich länger bestehenden und breiter aufgestellten Deutschen Frauenrat. Mitfinanziert wird es vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dabei legt der Dachverband ausdrücklich Wert darauf, sich von antifeministischen Strömungen zu distanzieren, kritisiert aber ebenso vehement die Vernachlässigung männlicher Anliegen.
2007 nutzten nur rund 3,5 Prozent der Väter Elternzeit, 2009 waren es bereits fast 20 Prozent
Eines dieser Anliegen, das immer mehr Männer für sich beanspruchen, ist es, aktiver Teil der Erziehung der Kinder zu sein. Viele Mütter steigen nach der Geburt eines Kindes heute schneller wieder in den Beruf ein. Und auch Väter, die eine Pause einlegen, stoßen zunehmend auf Verständnis. Das Elterngeld spielt dabei eine zentrale Rolle – seine Beliebtheit wächst stetig, vor allem bei jungen Vätern. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen den Wandel deutlich: Vor 2007 nutzten nur rund 3,5 Prozent der Väter Elternzeit, zwei Jahre später waren es bereits fast 20 Prozent.
Da dies gesellschaftspolitisch trotzdem noch immer ein eher junges Feld ist, haben Männer respektive Väter Fragen. Im Saarland ist das Väternetzwerk des Regionalverbandes Saarbrücken eine Anlaufstelle, um Antworten zu finden. Ziel sei es, die aktive Vaterschaft zu stärken, wie Mirjam Altmeier-Koletzki erklärt. Die Frauenbeauftragte des Regionalverbandes gründete das Väternetzwerk 2022 als Erstes seiner Art saarlandweit. Mit dem Frauenbüro des Regionalverbands waren auch das Lokale Bündnis für Familie im Regionalverband sowie Väter- und Organisationsberater Heiner Fischer beteiligt.
Das Frauenbüro beziehungsweise sie als Frauenbeauftragte sehen in einer aktiv gelebten Vaterschaft auch einen Beitrag zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. „Wir sehen das pro-feministisch“, erklärt Mirjam Altmeier-Koletzki, selbst Mutter zweier Kinder. Denn eine partnerschaftliche Teilung von Sorge- und Erwerbsarbeit eröffne Frauen ebenfalls die Chance, sich beruflich zu verwirklichen. Aus ihrer Praxis wisse sie, dass Väter oftmals profan scheinende Fragen hätten. Wie kann das Baby am besten einschlafen? Wie kann ich meiner Frau beibringen, dass ich die Elternzeit gern verlängern würde? Wie klagt man Rechte ein? Wie kann man sich gegenüber dem Arbeitgeber verhalten?
Vor allem würden aber immer mehr Männer sich danach sehnen, die ersten Schritte ihres Nachwuchses mitzubekommen, oder gar die ersten Worte zu hören. Dabei sei ihr auch bewusst: „Man ist noch immer wie ein rosa Einhorn als Mann“. Bei Frauen sei es normal, dass sie sich beispielsweise in Krabbelgruppen treffen und so weiterhin soziale Kontakte hätten. Dennoch sagt sie auch zur aktiven Vaterschaft sowie zur verstärkten Nachfrage zur Elternzeit der Väter: „Es ist mittlerweile ein Selbstverständnis geworden.“
Das Herzstück der Arbeit im Väternetzwerk des Regionalverbandes sind wohl die Montagstreffs alle zwei Wochen um 21 Uhr. „Im Wesentlichen handelt es sich um Videokonferenzen“, so Philipp Weis, Väterbeauftragter des Netzwerks. Wer möchte, schaltet sich ein, dann moderiere Weis den Abend „relativ strikt, damit sich niemand versteckt“. Denn es solle nicht nur ums Zuhören gehen, sondern eben um die aktive Beteiligung. Er selbst kommt aus Kirkel-Limbach im Saarpfalz-Kreis und zog vor einigen Jahren kurz nach Saarbrücken, bevor er wieder nach Limbach zurückkehrte.
Er kannte kaum jemand in der Landeshauptstadt, da kam ihm das Väternetzwerk gerade Recht. „Ich war bei der Gründungsveranstaltung schon dabei“, erzählt er. Die Zeit um 21 Uhr für den Montagstreff sei optimal, da man sein Kind oder seine Kinder dann meistens bereits ins Bett gebracht habe und man sich auf die Gespräche konzentrieren könne. Wer aktiv Fragen habe oder über etwas Bestimmtes reden möchte, meldet sich meistens direkt und spricht dann zeitnah. Auch hier seien es oftmals alltägliche Fragen, die behandelt würden. Etwa, was man tue, wenn das Kind zahnt, oder wie man Babybrei selbst kocht.
„Es ist komplett zwanglos und niedrigschwellig“, betont Philipp Weis. Die Anzahl der Teilnehmer sei sehr schwankend. Manchmal seien es um die 20 Videocaller, mitunter saß er aber auch schon mal alleine da. Regelmäßig treffen sich die Väter aber auch im realen Leben, etwa für einen Erlebnistag für Väter und Kinder im Schullandheim Oberthal. Oder man spaziert gemeinsam durch den Wildpark in Saarbrücken. Und auch, wenn sich ab und zu eine Partnerin anschließe, sei die Gruppe der Männer dann doch lieber unter sich. Meistens würden die Väter das Netzwerk verlassen, wenn sie Anschluss gefunden hätten.
Er selbst wurde von seiner Partnerin übrigens darauf angesprochen, ob er nicht auch Elternzeit nehmen wolle. Nach Gesprächen darüber, wie das Paar die Zeit der 14 Monate aufteilen wolle, hätten sie sich auf ein „paritätisches Modell“ geeinigt. Sowohl er als auch seine Partnerin wären dann jeweils sieben Monate „zu Hause geblieben“. „Wir sind ja die erste Generation“, die das so machen kann, sagt er. Wie er selbst würden auch die meisten anderen Väter, mit denen er zu tun hat, die Zeit nicht missen wollen.