Beliebte Reiseziele leiden häufig unter Müll, Lärm und Dreck. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen will gegensteuern: Reisende, die der Umwelt helfen, erhalten Rabatte und Belohnungen. Aber klappt das auch? Ein Selbstversuch.
Reisen macht Spaß, zumindest denjenigen, die die Rollkoffer hinter sich herziehen. Alle anderen stöhnen regelmäßig auf, wenn Touri-Massen beliebte Urlaubsziele überschwemmen. Müll, Lärm, Dreck –
kaum eine Destination, die solche Probleme nicht kennt. Von den Klima-Emissionen, die Flugzeuge verursachen, ganz zu schweigen.
Kopenhagen will es nun besser machen. 2024 hat die dänische Hauptstadt das Programm „CopenPay“ ins Leben gerufen: Reisende, die sich ökologisch vorbildlich verhalten, erhalten vergünstigte Museumstickets, kostenlose Getränke oder einen Gratis-Saunagang. Das Belohnungssystem soll den Tourismus nachhaltiger machen. So jedenfalls stellt sich die Tourismusbehörde das vor. Doch kann die Realität da mithalten? Ein viertägiger Aufenthalt in Kopenhagen soll das System auf die Probe stellen. Mit dabei: ein Hund, ein Elektroauto und jede Menge guter Vorsätze.
Erster Tag: Pappkartons und Plastikbecher
Mein erster Tag als Öko-Urlauber startet mit einem Fail. Eigentlich möchte ich an einer Stadtführung teilnehmen, die nur die Hälfte kostet, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist. Doch wie komme ich in die Innenstadt? Immerhin liegt meine Ferienwohnung 20 Kilometer außerhalb der Stadt. Der Online-Fahrplan ist schnell gefunden, der richtige Tarif leider nicht. Ein Einzelticket kostet 6,43 Euro (plus 3,22 Euro für den Hund); macht für Hin- und Rückfahrt insgesamt 19,30 Euro. Fürs Tagesticket müsste ich 26,80 Euro löhnen, plus 13,40 Euro für den Hund. Dann lieber gleich die „Copenhagen Card“? Mit „CopenPay“ hat sie nichts zu tun; jeder Urlauber kann sie kaufen. Sie bietet eine Flatrate für den ÖPNV sowie kostenlose Eintritte in 80 Museen. Preis für 72 Stunden: 132 Euro. Ich rechne und rechne und rechne – und merke irgendwann, dass der Bus weg ist. Mist!
Um den Ärger über die verpasste Stadtführung zu kompensieren, begebe ich mich zum Strand von Vedbæk – zu Fuß, wie es sich für einen umweltbewussten Reisenden gehört. Der mondäne Kopenhagener Vorort hat etwas von Hamburg-Blankenese: malerische Strandcafés, Backstuben mit Reetdächern, Menschen jeglichen Alters, die selbst in Strandklamotten so gestylt aussehen, als stammten sie aus einem Katalog. Nur eines gibt’s nicht: Restaurants für Normalsterbliche. Die indische Gaststätte hat geschlossen; im nahegelegenen Strandlokal verraten Austern und Weißhemden-Kellner, dass dort jenseits meiner Preisklasse gespeist wird.
Doch dann kommt die Rettung. Auf einer Bank am Strand beißt ein Mann genüsslich in sein Sandwich. „Vom besten Italiener der Stadt“, verrät er mir. Der befinde sich nur drei Straßen entfernt. Gibt’s da auch etwas Nachhaltiges? Der Mann überlegt: „Wenn du fragst, nehmen sie sicher die Salami von der Pizza.“
Tatsächlich wabert wenige Hundert Meter weiter der Duft von Tomatensoße durch die Straße. Neben dem Thai-Restaurant „Thai-Tanic“, das allerdings geschlossen hat, befindet sich der gelobte Italiener. Wie sich herausstellt, nimmt das Mini-Lokal ausschließlich Bestellungen an der Theke an. „Bitte keine Verpackung“, sage ich und zeige auf den Campingtisch vor der Tür. Der Pizzabäcker nickt. „Dauert nicht lange, setz dich doch“, antwortet er auf Englisch.
Zehn Minuten später reicht er mir alles durchs Fenster: eine Pizza im Pappkarton, einen Eistee in der Plastikflasche und einen Schluck Wasser für den Hund – stilecht serviert im Plastikbecher. Ich zucke vor Schreck zusammen. Hatte ich nicht extra betont, dass ich vor Ort esse? „I know“, antwortet der Pizzabäcker. „Deshalb kriegst du auch keine Tüte.“ Verschämt schaue ich mich um. Hoffentlich sieht mich niemand von „CopenPay“! Die Bilanz des ersten Tages: jede Menge Müll, eine verpasste Stadtführung und ein ÖPNV-Tarifsystem, für das man einen Master in öffentlicher Verwaltung braucht. Kann ja nur besser werden.
Zweiter Tag: Unkraut jäten
Neuer Tag, neues Glück. Das heutige Programm: invasive Spezies im Naturschutzgebiet entfernen. Als Belohnung winkt ein vegetarisches Mittagessen, genauer gesagt: ein Rohkostsalat mit saisonalem Gemüse und Brot.
Schon auf der Fahrt in den Naturpark Amager merke ich, dass sich mein E-Auto in bester Gesellschaft befindet. Während man in Deutschland nur selten auf Gleichgesinnte trifft, stromern sie in Kopenhagen im Sekundentakt an einem vorbei. Auch Ladestationen gibt es überall. Selbst in dem Industriegebiet, in dem meine Ferienwohnung liegt, leuchten die kleinen Wallboxen an jedem Betrieb. 2024 waren in Dänemark bereits über die Hälfte aller Neuzulassungen E-Autos, und auch hier ist ein Belohnungssystem am Werk. In diesem Fall: massive Steuervorteile.
Im Naturpark angekommen, wartet Mads Madsen auf mich. Der fröhliche Däne hält einen ausgerupften Stängel in der Hand: die Kanadische Goldrute. Dieser eingeschleppten Pflanze soll es an den Kragen gehen, weil sie einheimische Arten verdrängt. „Wir machen das seit 15 Jahren und sehen langsam Erfolge“, sagt Madsen. Normalerweise arbeitet er mit Menschen zusammen, die sich schwer in den Arbeitsmarkt integrieren lassen. Dass neuerdings auch Reisende zum Unkrautjäten kommen – und das freiwillig! –, bringt ihn noch immer zum Staunen.
Neben mir schwingt Vera Nickel die Sichel. Die 26-jährige Deutsche, die in Kopenhagen studiert, ist außer mir die einzige Freiwillige. „Ich fahre sowieso Fahrrad und lebe vegetarisch“, erzählt sie. „Da ist es doch schön, dass es Belohnungen für vorbildliches Verhalten gibt.“
Schon nach 15 Minuten kommen wir ins Schwitzen. Umgeben von menschenhohem Gras tasten wir uns durchs Dickicht, ein Anblick wie bei „Jurassic Park“. Statt Dinos sind es Spinnen und Mücken, die uns auf den Leib rücken. Doch was tut man nicht alles für ein Mittagessen, pardon: fürs ökologische Gleichgewicht?! Der Pressesprecher des Naturparks, der ebenfalls vorbeigekommen ist, berichtet von lebhaften Diskussionen innerhalb der Tourismusbranche. Manche würden die Rabatte gerne ausbauen, während andere für das genaue Gegenteil plädieren. Ihr Argument: Das besondere Event sei doch schon Belohnung genug. Braucht man da wirklich noch einen zusätzlichen Anreiz?
Dritter Tag: Müll sammeln im Hafen
Das war knapp. Fast hätte ich schon wieder gesündigt, nachdem ich das Schild „Hund i snor“ übersehen hatte. Zum Glück macht mich eine freundliche Dänin darauf aufmerksam, dass es sich bei der „snor“ um eine Leine handelt – und eine Missachtung der Leinenpflicht mit 2.000 Kronen (circa 270 Euro) bestraft wird. So soll unter anderem verhindert werden, dass Hunde gefährdete Vögel beim Brüten stören. Ausschließlich auf Belohnungen setzt man also auch in Kopenhagen nicht. Notfalls wird der Nachhaltigkeit mit einem Griff ins Portemonnaie nachgeholfen.
In Islands Brygge, einem zum Wohn- und Ausgehviertel umgebauten ehemaligen Industriehafen, ist schon mächtig was los. Über 40 vornehmlich junge Leute haben sich an der Anlegestelle versammelt, um in den Genuss einer kostenlosen Bootstour zu kommen. Wobei „kostenlos“ natürlich falsch ist: Wer an Bord geht, verpflichtet sich zum Müllsammeln.
Eine Mitarbeiterin des Bootsverleihs erklärt, in welcher Kiste sich die Rettungswesten befinden. Danach sind alle Gruppen auf sich selbst gestellt. Ausgestattet mit einer Mülltüte, diversen Keschern und einer Karte der Kanäle ziehen die jeweiligen Gruppen los, immer sechs bis acht Personen pro Boot. Bei mir sitzt Hugo am Steuer. Der junge Schweizer besucht eine Freundin, die in Kopenhagen studiert. Dank seiner Erfahrungen auf dem Genfer See weiß er, wie man ein Motorboot steuert, Wellen pariert und selbst dann cool bleibt, wenn sich ein Ausflugsdampfer auf Kollisionskurs befindet (was uns zweimal passiert).
Während Hugo navigiert, starren die anderen mit Argusaugen aufs Wasser. Hier ein paar Luftblasen, da ein paar Algen. Aber Müll? Fehlanzeige. Entweder liegt es an den unablässig sammelnden Urlaubern – die Hafenfahrt ist die beliebteste Aktion bei „CopenPay“ – oder Kopenhagen ist an sich schon eine sehr saubere Stadt. Außer einem Korken und einer Plastikfolie geht uns jedenfalls nichts ins Netz. Als endlich jemand ein verdächtiges Objekt identifiziert, schnappt auch schon eine andere Greifzange zu: Zwei Frauen verladen das Corpus Delicti in ihr „Green Kayak“ – ein weiteres Gefährt, das man im Rahmen von „CopenPay“ ausleihen kann.
Wir haben die Hoffnung fast aufgegeben, da taucht urplötzlich eine Coladose auf, verborgen zwischen zwei vertäuten Segelbooten. Hugo navigiert souverän in die Spalte, doch weit kommen wir nicht. „Bleibt bloß stehen!“, schallt es plötzlich auf Deutsch. „Ihr könnt so viel Müll sammeln, wie ihr wollt, aber kommt meinem Boot nicht zu nah.“ Gerne würde ich den Rentner fragen, warum er die Dose nicht selbst aufhebt, doch da ist er schon wieder unter Deck verschwunden. Nur seine Deutschlandfahne flattert weiter im Wind.
Vierter Tag: Vergünstigte Stadtführung
Oskar mag Zimtgebäck. Der dänische Stadtführer macht seinen Gästen den Mund wässrig, bevor sie überhaupt losgelaufen sind. „Ein kleiner Snack ist im Preis enthalten“, schwärmt Oskar. Und nicht nur das: Touristinnen und Touristen, die mindestens vier Tage in der Stadt bleiben, bekommen die Tour für 20 statt 40 Euro. Wie man die Aufenthaltsdauer nachweist? „Indem du es mir sagst“, entgegnet Oskar. „In Dänemark basiert die Gesellschaft auf Vertrauen.“
So ist es auch bei anderen Aktionen. Wer per Fahrrad oder Bus ins Danish Museum of Science and Technology kommt, erhält 20 Prozent Rabatt. Wer am Tag mindestens 5.000 Schritte zu Fuß geht, erhält im „25 Hours Hotel“ einen kostenlosen Kaffee. Und kommt man mit dem Zug, wartet eine kostenlose Sauna- oder Yogastunde als Belohnung. Letzteres gilt auch für die Anreise mit dem Flugzeug, sofern dem Kerosin nachhaltige Kraftstoffe beigemischt wurden – natürlich ebenfalls auf Vertrauensbasis. Ist das nicht Greenwashing? „Überhaupt nicht“, beteuert Jonas Løvschall-Wedel, der sich bei der Tourismusbehörde das „CopenPay“-Programm ausgedacht hat. „Wir wollen nicht noch mehr Leute in die Stadt locken, sondern diejenigen, die ohnehin da sind, in geordnete Bahnen lenken.“ Aus manchen Regionen könne man nun einmal nur per Flugzeug anreisen, sagt der Touristiker. „Diesen Gästen wollen wir einen Trip nach Kopenhagen natürlich nicht verbieten. Aber wir unterstützen sie dabei, nachhaltiger zu werden.“
Auch bei Oskars Stadtführung kommt „CopenPay“ zur Sprache. Die meisten Teilnehmenden kennen das Programm noch nicht; außer mir hat nur eine Tübinger Studentin darüber gebucht. Wir schlendern vorbei an Hans Christian Andersens Grab, an Spielplätzen mit städtischen Betreuern, an „Fahrrad-Highways“, die so groß wie eine Hauptstraße sind. Bei aller Kritik, die man an Programmen wie „CopenPay“ äußern kann: Nach vier Tagen bin ich mir sicher, dass Nachhaltigkeit in Kopenhagen tatsächlich mehr als ein Label ist. Ich beiße in mein Zimtgebäck, nehme den Hund an die Leine und fahre zurück in meine Ferienwohnung. Natürlich im Bus.