Darmkrebs zählt zu den häufigsten, aber auch am besten vermeidbaren Krebsarten. Dank moderner Vorsorge, gesunder Lebensweise und neuer Therapieansätze lassen sich heute viele Fälle verhindern oder früh behandeln.
Laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) verursachte Darmkrebs in Deutschland 2022 circa 55.000 Neuerkrankungen und rund 23.000 Todesfälle. Damit ist das kolorektale Karzinom, so die medizinische Bezeichnung, die vierthäufigste Erkrankung und die zweithäufigste Todesursache unter allen Krebsarten. Eine auffällige Beobachtung der vergangenen Jahre ist die Zunahme von Darmkrebs bei Menschen unter 50 Jahren. Forscher vermuten einen Mix aus falscher Ernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht, Alkoholkonsum, Veränderungen der Darmflora und Umweltfaktoren als Ursache für diesen Anstieg. Die tatsächlichen Ursachen müssen jedoch noch weiter erforscht werden.
Klar ist: Eine Vorsorgeuntersuchung ist nach wie vor eine wichtige Maßnahme, um die Sterberate bei Darmkrebs zu senken. Aus diesem Grund wurde von der Felix-Burda-Stiftung, der Deutschen Krebshilfe und weiteren Organisationen bereits 2002 der alljährliche „Darmkrebsmonat“ ins Leben gerufen. Ziel der Kampagne im März war und ist, den Darmkrebs aus der „Schmuddelecke“ zu holen. Die Bevölkerung sollte über Prävention, Früherkennung und Behandlung aufgeklärt werden, um dadurch Todesfälle zu verhindern. Der bisherige Erfolg gibt den Initiatoren Recht: Laut der Felix-Burda-Stiftung seien 2023 in Deutschland „rund 611.000 Vorsorge-Darmspiegelungen vorgenommen worden – so viele wie noch nie in einem Jahr“. 1,5 Millionen Menschen hätten zu Hause einen Stuhltest durchgeführt. „Seit Einführung der gesetzlichen Vorsorge-Darmspiegelung im Jahr 2002 konnten dadurch bis heute rund 350.000 Neuerkrankungen und 175.000 Todesfälle verhindert werden“, so die Stiftung.
Über 50.000 Neuerkrankungen und 175.000 Todesfälle konnten verhindert werden
Das sogenannte Screening ist also ein zentraler Hebel, um Darmkrebs frühzeitig zu erkennen. Screening (vom Englischen „to screen“, also durchsieben, prüfen) bedeutet: Es wird aktiv nach frühen Zeichen von Krebs gesucht, bevor Beschwerden auftreten. Früherkennung ist gerade bei dieser Krebsform so wichtig, weil sich die Erkrankung häufig über mehrere Jahre entwickelt: Zuerst bilden sich Vorstufen, die sogenannten Darmpolypen, aus denen sich nach einiger Zeit bösartige Tumoren bilden können. Wenn die Vorstufen jedoch früh erkannt und entfernt werden oder der Tumor zeitig entdeckt wird, sind die Heilungschancen recht gut.
Die wichtigsten Screening-Methoden sind:
• Mit dem Stuhltest kann nicht sichtbares Blut in den Ausscheidungen des Darms mithilfe von spezifischen Antikörpern nachgewiesen werden – ein mögliches Anzeichen von verdächtigen Polypen oder Darmkrebs.
• Die Darmspiegelung (Koloskopie) ist die genaueste Methode zur Untersuchung, bei der Ärztinnen und Ärzte zusätzlich verdächtige Krebsvorstufen direkt entfernen können.
In Deutschland beginnt die reguläre Darmkrebsvorsorge für alle gesetzlich Versicherten ab dem 50. Lebensjahr. Personen ab diesem Alter haben Anspruch auf eine Darmspiegelung oder einen Stuhltest, um ein kolorektales Karzinom und seine Vorstufen frühzeitig zu erkennen. Allerdings sollten Ärztinnen und Ärzte bestimmte Verdachtszeichen (zum Beispiel länger andauernde Bauchschmerzen, anhaltende Verstopfung oder Durchfall, unerklärlicher Gewichtsverlust) auch bei Jüngeren ernst nehmen und bei Bedarf abklären. Manche Menschen haben individuelle Risikofaktoren, die ihr Darmkrebsrisiko erhöhen – etwa eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, eine familiäre Belastung oder bestimmte genetische Syndrome. Wer ein erhöhtes Risiko hat, sollte mit dem behandelnden Arzt sprechen, ab welchem Alter und unter welchen Abständen frühere Kontrollen sinnvoll sind.
Wie bei vielen Krankheiten ist die Prävention von entscheidender Bedeutung: Überzeugende Belege sprechen für Lebensstil-Änderungen, um Darmkrebs zu verhindern. Die Forschungen der vergangenen fünf Jahre bestätigen und konkretisieren einfache Maßnahmen, um das Darmkrebsrisiko zu senken:
• Rauchstopp
• Weniger Alkohol
• Mehr Bewegung beziehungsweise regelmäßige körperliche Aktivitäten
• Gesunde Ernährung, das heißt weniger verarbeitetes und rotes Fleisch – dafür mehr Obst, Gemüse, Ballaststoffe und Vollkornprodukte.
• Übergewicht und Adipositas reduzieren
• Diabetes und andere Stoffwechselstörungen behandeln
Die Behandlung von Krebserkrankungen wird zunehmend auf die individuelle Situation eines Patienten abgestimmt. Dies geschieht, indem die Ärzte durch bildgebende Untersuchungen die Ausbreitung der Erkrankung festlegen und im Labor die Besonderheiten des jeweiligen Tumors untersuchen. Hierbei spielt die molekulare Diagnostik vor allem bei Patienten mit metastasiertem Darmkrebs eine wichtige Rolle. Denn jeder Tumor kann anhand seiner genetischen Ausstattung, also seines Bauplans, charakterisiert werden. Durch moderne Analysen können gezielt Schwachstellen des Tumors erkannt werden. Diese Erkenntnisse helfen dann dabei, Medikamente und Therapien auszuwählen, die möglichst spezifisch den individuellen Tumor bekämpfen. Für Patienten mit fortgeschrittenem Tumor kann so noch Lebenszeit gewonnen werden.
Die Koloskopie kann Frühstadien erkennen, aber auch Vorstufen sofort entfernen
Derzeit gibt es eine ganze Reihe von Verfahren, die im Labor und in klinischen Studien getestet werden. Diese sind allerdings noch nicht in die Regelversorgung gegen Darmkrebs aufgenommen worden, weil die Methoden in ihrer Wirkung nicht genügend wissenschaftlich belegt sind. Außerdem können Verfahren, die bei anderen Erkrankungen wirken, nicht einfach eins zu eins auf den Darmkrebs übertragen werden. Sie müssen also weiter evaluiert werden. Denn oft genug erwecken Behandlungsmethoden oder Medikamente große Hoffnung, weil sie in ersten Studien oder bei anderen Erkrankungen große Erfolge erzielen. Am Ende müssen sie aber gestoppt werden, weil beispielsweise die Nebenwirkungen zu heftig sind.
Möglicherweise kann das eigene Immunsystem gezielter als Waffe gegen Darmkrebs eingesetzt werden. Dies klappt zurzeit beispielsweise für eine kleine Gruppe von Patienten, deren Krebs bereits metastasiert ist und eine bestimmte Eigenschaft hat – die sogenannte Mikrosatelliten-Instabilität. Bei diesen Patienten werden vor allem sogenannte Checkpoint-Inhibitoren eingesetzt, die „Bremsen“ im Immunsystem lösen und dadurch Abwehrzellen gegen den Tumor aktivieren. Dabei nutzt die Immuntherapie die Fähigkeit des Immunsystems, veränderte Krebszellen als fremd zu erkennen. Immuntherapien mit anderen Wirkstoffen und Wirkmechanismen werden aktuell in klinischen Studien an Darmkrebspatienten untersucht.
In den vergangenen Jahren hat die Forschung das Mikrobiom (die Gemeinschaft der Bakterien und anderer Mikroorganismen des Darms) im Fokus: Bei vielen Darmkrebs-Patientinnen und -Patienten bestehen gegenüber gesunden Personen deutliche Abweichungen der bakteriellen Zusammensetzung. Einige Bakterien werden mit höheren Entzündungswerten oder mit krebserregenden Stoffwechselprodukten in Verbindung gebracht. Das weckt Hoffnungen: Vielleicht kann man künftig durch Probiotika, spezielle Ernährung oder andere Methoden das Darmkrebs-Risiko reduzieren. Derzeit werden diese Ansätze in Studien geprüft, sind aber noch keine allgemeine Empfehlung zur Prävention. Einige Forscher analysieren auch, wie das Mikrobiom des Darms den Erfolg einer Immuntherapie beeinflusst. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Mikrobiom ein wichtiger Faktor für die Wirksamkeit immunbasierter Behandlungsansätze sein kann.
Im Rahmen von klinischen Studien wird eine weitere Methode erprobt, die eine Krebsbehandlung spezifischer machen soll. Dies ist die Testung von Medikamenten an „Mini-Tumoren“, die aus patientenindividuellen Krebszellen in der Kulturschale gezüchtet werden. Wissenschaftler isolieren dazu Zellen aus dem Tumor eines Krebspatienten und bringen sie in eine Nährlösung, in der sie wachsen und sich dreidimensional organisieren. Anschließend können die Wissenschaftler vor der Behandlung testen, ob und wie der Tumor auf unterschiedliche Medikamente reagieren wird. Ob bestimmte Therapien wirken oder nicht. Auch Resistenzen, also wenn ein Medikament bei einem Krebskranken nicht wirkt, lassen sich so möglicherweise vorhersagen. Bis diese aufwendige Methode in der Regelversorgung eingesetzt werden kann, muss sie sich jedoch erst noch in Studien bewähren.
Ein Verfahren, das derzeit ebenfalls nicht zur Regelversorgung bei Darmkrebs gehört, aber in klinischen Studien getestet und in einigen Zentren eingesetzt wird, ist die „Liquid Biopsy“ („Flüssig-Biopsie“). Dies ist eine Methode zur Analyse von Körperflüssigkeiten, um daraus Krebserkrankungen zu diagnostizieren und zu überwachen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Biopsien, bei denen feste Gewebeproben entnommen werden, ist dieses Verfahren minimalinvasiv – und damit risikoärmer. Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang sind sogenannte Biomarker. Dabei handelt es sich um Moleküle und Substanzen in den Körperflüssigkeiten, die auf biologische Zustände oder Prozesse im Körper von Patienten hinweisen können.
Zu diesen Molekülen zählen auch Proteine und Erbinformationen von Tumorzellen. Daher erhoffen sich Wissenschaftler und Ärzte, dass die Methode helfen kann, Krebserkrankungen zu erkennen oder auszuschließen. Darüber hinaus erhoffen sich die Experten eine erleichterte Auswahl der besten Behandlungsmethode und eine verbesserte Überwachung des Therapieerfolgs. Nicht zuletzt könnte die „Liquid Biopsy“ wesentliche Informationen über das gesamte Tumor-Geschehen im Körper liefern – auch aus Bereichen, die bei einer Gewebeentnahme schwer zugänglich wären.
Ein Beispiel für Biomarker, die derzeit erforscht werden, sind im Blut zirkulierende Erbgut-Fragmente (ctDNA) von Tumorzellen. Dazu laufen Studien an mehreren Universitätskliniken in Deutschland. Vorreiter-Indikation ist eine bestimmte Art des Lungenkrebses. Ziel des ctDNA-Einsatzes ist das Auffinden von Metastasen. Therapieerfolge können damit überwacht und Rückfälle frühzeitig erkannt werden. Tauchen ctDNA-Fragmente auf, ist dies ein starker Hinweis auf ein erneutes Aufflammen der Krankheit. Durch individuelle Analysen ist auch eine präzisere Therapie möglich. Beispielsweise können Chemotherapien bei ctDNA-negativen Patienten vermieden werden. Aber all dies muss bei Darmkrebs noch näher erforscht werden.
Für Patienten mit weit fortgeschrittenem Darmkrebs, bei denen Standardtherapien nicht mehr wirken, gibt es neue zugelassene Medikamente. So können einige Substanzen die Bildung neuer Blutgefäße im Tumor unterdrücken und sein Wachstum verlangsamen. Forscher prüfen ebenfalls, ob die Anwendung einer Chemotherapie vor oder nach der Operation effektiver ist. Außerdem suchen sie nach neuen Medikamenten-Kombinationen, durch die Mediziner die Wirkung von Strahlentherapien verbessern können. In der Chirurgie geht der Trend bei Patienten mit lokal begrenzten Tumoren zu mehr Präzision und weniger Belastung. Operationen werden heute daher häufiger minimalinvasiv, also mittels der „Schlüsselloch-Technik“, durchgeführt. Das bedeutet kleinere Schnitte, weniger Schmerzen, eine schnellere Genesung und geringere Narbenbildung.
Prävention und Vorsorgeuntersuchungen wirken! Viele Fälle von Darmkrebs lassen sich verhindern oder früh entdecken. Gleichzeitig fordern neue Trends, etwa die Zunahme von Fällen bei Jüngeren, zusätzliche Aufmerksamkeit und Forschung. Die Therapie wird „klüger“: Durch die personalisierte Medizin, insbesondere durch den Einsatz der Immuntherapie sowie gezielter Wirkstoffe, verbessern sich die Überlebenszeiten von immer mehr Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs. Wichtige Fortschritte gibt es auch in der Erforschung des Mikrobioms. Doch viele dieser Ansätze sind noch nicht so weit, dass sie in der klinischen Routine eingesetzt werden können.
Noch besser ist, dem Darmkrebs durch eine Kombination aus gesundem Lebensstil, der Teilnahme an empfohlenen Screening-Programmen und einer Nachverfolgung bei auffälligen Befunden vorzubeugen.