Berlin ist das neue Zentrum des Eiskunst-Paarlaufens. Nach Minerva Hase und Nikita Volodin trainieren jetzt auch Annika Hocke und Robert Kunkel wieder in der Hauptstadt. In die neue Saison starten beide Paare ungewohnt spät.
Oberstdorf sollte der Anfang sein. Schweren Herzens mussten Annika Hocke und Robert Kunkel ihre für Ende September geplante Teilnahme an dem traditionellen Wettbewerb um die Nebelhorn-Trophy absagen. Der Grund: ein zu großer Trainingsrückstand. Bereits ihr Start in die neue Saison hatte im Sommer unter keinem guten Stern gestanden. Einen sechswöchigen Lehrgang als Mitglieder in der Bundeswehr-Sportfördergruppe hatten sie eingeplant, nicht aber eine Verletzung von Annika Hocke. Ende Juni zog sie sich im Training einen Anriss des rechten Syndesmosebandes zu. Auf eine schnelle OP verzichtete sie. „Es war wichtig, die Verletzung gut auszukurieren, weil ich alles auf dem rechten Fuß lande“, hatte sie die konservative Behandlung begründet und sich beim Wiedereinstieg ins Training noch optimistisch gezeigt. Eine ähnliche Situation hatte das Paar bereits im vergangenen Jahr gemeistert. Da hatte eine Handverletzung von Robert Kunkel einen Trainingsausfall zur Folge.
Eine Verletzung Ende Juni
Nun waren acht Wochen Rückstand dann doch nicht aufzuholen. Deshalb musste das Paar seinen Wettkampfeinstieg verschieben. In der neuen Saison wollen Hocke/Kunkel so weitermachen, wie sie die alte vor sechs Monaten beendet hatten, mit spektakulären Auftritten. Nach EM-Platz vier und Rang zehn bei der olympischen Premiere finalisierten sie bei der Weltmeisterschaft in Prag als Siebente eine gelungene Saison. Mit ihrem Kürvortrag hatten sie das Publikum zu Standing Ovations hingerissen. Als Erste in einem offiziellen Wettbewerb zeigten sie den „Head Banger“, ein Element, das aus den professionellen Eisrevuen kommt und lange Zeit verboten war. Dabei hält der 1,85 Meter große Kunkel seine 29 Zentimeter kleinere Partnerin an einem Bein und schleudert sie in Wellenbewegungen im Kreis, ihr Kopf ist dabei immer wieder nur knapp über dem Eis.
Das Paar, das seit 2019 gemeinsam läuft, will damit den manchmal etwas stereotypen Eiskunstlauf aufbrechen. Diesen Weg des Entertainment-Eislaufens wollen sie gemeinsam bis Olympia 2030 fortsetzen. Dafür sind sie in ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt. Die hatten die 26-jährige Hocke und ihr ein Jahr älterer Partner vor vier Jahren verlassen und fortan im italienischen Paarlaufzentrum Bergamo trainiert. „Der Standard in Berlin war damals weit unten gewesen“, benennt Robert Kunkel beim Gespräch mit FORUM noch mal den Grund für den damaligen Wechsel. An Eiszeiten habe es gemangelt, an einem geeigneten Trainer auch. „Es hat niemanden interessiert, dass wir eine Medaille gewonnen haben.“ Die Situation hat sich inzwischen grundlegend verbessert. Die Zukunft des Bundestützpunktes ist für die nächsten Jahre gesichert. „Hier sollen der Spitzensport und der Nachwuchs auch künftig weiter auf hohem Niveau gefördert werden“, erklärt DEU-Sportdirektor Jens ter Laak. Der Verband verfolgt noch weitergehende Ziele. „Zu unseren beiden Top-Paaren wollen wir noch internationale Gäste akquirieren, um das Trainingsumfeld entsprechend gestalten zu können. Es hat sich international erwiesen: Wo Konkurrenz vorhanden ist, entwickeln sich Sportler sehr gut weiter.“
Mit Nolan Seegert haben Annika Hocke und Robert Kunkel auch einen neuen Trainer. Er gehörte zwar bereits 2024 zum Trainerteam in Italien, hat aber jetzt die Chefrolle übernommen. „Mein Ziel ist, ihre Stärken weiter auszubauen. Sie sollen das Entertainment beibehalten, aber das Tempo der Kür erhöhen. Damit sie bei einem Top-Event auch mal einen Podestplatz erreichen“, formuliert der 34-Jährige seine Absichten. Dafür will Seegert, der acht Jahre Laufpartner von Minerva Hase war, Reserven im Sprungbereich erschließen. „Es wäre schön, wenn bald ein zweiter Dreifachsprung dazu käme.“ Mit dem jazzigen Kurzprogramm „Black & Gold“ wollen Hocke/Kunkel jetzt gemeinsam mit Choreograf Joti Polizoakis etwas Neues ausprobieren. Ihre große Kür gestalten sie zu einem Medley von Queen. „Wir wollen nach den Erfahrungen aus der letzten Saison wieder etwas Unterhaltsames bieten, damit das Publikum mitgehen kann“, erzählt Robert Kunkel.
Auszeit nach einer langen Saison
Im Sportforum in Hohenschönhausen trainieren Hocke/Kunkel jetzt auf derselben Eisfläche wie Minerva Hase und Nikita Volodin. „Das ist etwas Positives für uns alle. Wir verstehen uns sehr gut und sportliche Konkurrenz gehört nun mal dazu“, findet Trainer Knut Schubert, der das Weltmeister-Paar Hase/Volodin weiterhin in Berlin betreuen wird – in Koordination mit dem russischen Coach Dmitri Sawin. Die Olympia-Dritten von Mailand wollen ihre Karriere auch bis zu den Winterspielen in vier Jahren fortsetzen. Nach einem Urlaub und dem Bundeswehr-Lehrgang von Minerva haben auch sie etwas später mit dem Training begonnen. „Es war uns wichtig, nach der langen Saison mal eine Auszeit zu nehmen. Das hat geholfen, ein wenig Abstand vom Eislaufen zu gewinnen“, hatte die gebürtige Berlinerin schon vor Wochen in einem Interview erklärt. „Sie wissen, was auf sie zukommen wird. Sie sind die Gejagten“, schätzt Trainer Schubert die internationale Situation ein. „Die Jagdgesellschaft hat sich zwar verkleinert, weil die japanischen Olympiasieger aufgehört haben. Aber die bekanntermaßen starken russischen Paare kommen wieder.“ Das hatte der Weltverband ISU im Juni beschlossen. Etwas Besonderes haben sich Hase/Volodin für ihr neues Kurzprogramm einfallen lassen. „Wir erzählen die Story Berlins. Wir greifen das Thema des Mauerfalls auf, die Seiten Ost und West und die Wiedervereinigung am Ende“, sagt Minerva Hase. Die Musik wird Techno-Vibes des Songs „1989“ des Elektronik-DJs Laake enthalten. Die Kostüme werden, inspiriert von der Mauer, einen Graffiti-Look haben. Ihren Saisoneinstand wollen sie Mitte Oktober in Katowice geben. Im Anschluss beginnt für die beiden deutschen Sportpaare die Grand-Prix-Serie. Minerva Hase und Nikita Volodin laufen im November beim Skate America und der NHK-Trophy in Japan. Annika Hocke und Robert Kunkel wollen nach hoffentlich aufgeholtem Trainingsrückstand Ende Oktober beim Grand Prix de France in Angers loslegen.