Luchino Viscontis Meisterwerk „Il Gattopardo“ schuf ein bildgewaltiges Denkmal für die bewegte Geschichte der sizilianischen Fürstenhäuser. Heute öffnen sich immer mehr der historischen Palazzi der Außenwelt.
Als Alain Delon das erste Mal nach Palermo zurückkehrte und auf der Piazza vor dem Palazzo stand, musste er weinen“, erinnert sich die Principessa. „Sie sind alle gestorben“, sagte er. Er war ganz bewegt. Nur Claudia Cardinale lebte damals noch. Carine Vanni Calvello Mantegna di Gangi lässt in Gedanken die Darsteller, die Luchino Viscontis Filmklassiker „Il Gattopardo – Der Leopard“ zu einem Meisterwerk des europäischen Kinos machten, in ihrem Ballsaal auferstehen. Delon, der in dem Epos den Neffen des „Leoparden“, den von Burt Lancaster verkörperten Fürsten von Salina, spielt, hat sie das letzte Mal hier in Palermo getroffen. Es war ein heißer Tag im September 2016. Was in dem damals 80-jährigen Schauspieler wohl vorging, als er zum ersten Mal nach 54 Jahren in den berühmten Ballsaal des Palazzo Valguarnera-Gangi trat, wo eine der bekanntesten Szenen der Filmgeschichte gedreht wurde? „Er war plötzlich nicht mehr hier bei uns“, sagt die Principessa, „er war zurück in dem Film.“
In „Der Leopard“ hielt Visconti in einer nie dagewesenen Opulenz, Sensibilität und Detailbesessenheit den Niedergang des sizilianischen Adels zur Zeit des Risorgimento, der italienischen Einigungsbewegung um 1860, fest. Für Delon, Cardinale und Lancaster gleichermaßen bedeutete die überbordend ausgestattete Ballszene, in der ein Walzer den Takt für eine komplexe Beziehungskonstellation und ein sterbendes Zeitalter vorgibt, einen Schlüsselmoment ihrer Karrieren.
Wer 50 Jahre nach dem Tod Viscontis auf den Spuren des Fürsten der italienischen Filmgeschichte durch Sizilien reist, trifft auf viel Nostalgie, verklärte Erinnerungen und Bewohner märchenhafter Palazzi, die noch heute in der Welt des Leoparden zu leben scheinen. Etliche Nachfahren sizilianischer Adeliger haben in den letzten Jahren ihre Villen und Prunkräume auch für Touristen geöffnet. Manche vermieten barocke Betten und Gemächer für Set-Jet-Urlauber, andere bieten Privatführungen durch ihre historischen Sammlungen an – etwa im Palazzo Valguarnera-Gangi.
Visconti in Sizilien bis heute verehrt
Von draußen, dem ewig lärmenden Palermo, klingt noch nicht einmal Spatzengezwitscher in die Gemächer des spätbarocken Prachtbaus. Die Schritte hallen andächtig unter dem mit üppigem Stuck gerahmten Deckenfresko. „Ich hab noch immer Alain Delons Mobilnummer“, sagt die Principessa, „ich hab seine Nachrichten aufgehoben, weil sie so zauberhaft waren. Wir sind fast bis zu seinem Tod in Kontakt geblieben. Mein Mann war sehr eifersüchtig.“
Noch immer verleiht das Funkeln der Kronleuchter dem bekannten Drehort im Herzen Palermos den Glanz rauschhafter Festlichkeit. Ganz wie im Hochsommer 1962, als Luchino Visconti hier seine berühmte Ballszene festhielt, die am Ende fast eine Dreiviertelstunde seiner Romanverfilmung „Il Gattopardo – Der Leopard“ einnehmen sollte. Nur hatte der Maestro freilich trotz brütender Hitze darauf bestanden, dass an den Kronleuchtern Hunderte Wachskerzen brannten. 48 Nächte hintereinander sollen die Dreharbeiten im Ballsaal gedauert haben.
In Sizilien wird Visconti bis heute besonders verehrt. Hier drehte der gebürtige Mailänder 1948 bereits vor „Il Gattopardo“ einen seiner frühen Filme. „Die Erde bebt“ gilt als Klassiker des italienischen Neorealismus. Er schildert den Aufstand der Bewohner eines Fischerdorfs gegen übermächtige Großhändler. Als Kommunist, der gleichzeitig Spross einer einflussreichen lombardischen Adelsfamilie war, rang Visconti sein Leben lang mit dem Paradox seiner Vita. Die Komplexität und Widersprüchlichkeit des zudem homosexuellen Visconti schufen einige der meistbeachteten Filme seiner Zeit, darunter auch die seiner „Deutschen Trilogie“: „Die Verdammten“, „Der Tod in Venedig“ und „Ludwig II.“ mit Helmut Berger und Romy Schneider, die sich darin von der puppenhaften Sissi der 50er-Jahre endgültig befreite und Kaiserin Elisabeth ein letztes Mal als exzentrische und desillusionierte Frauenfigur verkörperte.
„Er war ein absoluter Perfektionist, ein Ultra-Pedant“, sagt die Principessa, „genau wie ich.“ 1995, als die in Haute-Savoie aufgewachsene Französin nach ihrer Heirat mit Giuseppe Vanni Calvello Mantegna di Gangi nach Palermo zog, machte sie den Erhalt des berühmten Palazzo der Familie zu ihrer Lebensaufgabe und steckte Millionen in die detailgetreue Restaurierung eines der bis heute am besten erhaltenen Adelspaläste Siziliens.
Sie hat seit Jahren keiner Filmproduktion mehr im Ballsaal ihres Palazzos zugestimmt. Auch die Macher der im letzten Jahr auf Netflix ausgestrahlten Neuverfilmung des Leoparden ließ sie abblitzen. „Ich kann es nicht ertragen, wenn Dinge schlecht gemacht werden“, sagt sie, „Filmdrehs bedrohen den Palazzo. Er ist zu zerbrechlich für so etwas, und meine Aufgabe ist es, ihn zu beschützen.“ Geld für die nie endende Instandhaltung verdient sie nun vielmehr mit Privatführungen, exklusiven Cocktail-Empfängen und Dinnern mit geringer Gästezahl. Viele ihrer Gäste lockt dabei noch immer, in der bittersüßen Welt des Leoparden zu schwelgen.
„Leopard“ bestimmt den Tourismus
„Ob es einem gefällt oder nicht: Denkt die Welt an Sizilien, denkt sie entweder an die Mafia oder an den Leoparden“, sagt Bernardo Tortorici di Raffadali. Der Palazzo del Principe liegt nur etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt vom Palazzo Valguarnera-Gangi, ebenfalls in der Altstadt Palermos. In der historischen Residenz seiner Ahnen, die bis ins 15. Jahrhundert zurückgeht, erinnern goldgerahmte Porträts, Vitrinen mit wertvollen Vasen und edlem Porzellan an die Bedeutung der aristokratischen Familie. „Wie viele Palazzi litt auch dieser unter den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg“, sagt der Principe. 1943 wurde die Altstadt von den Bomben der Alliierten getroffen. „Infolgedessen verließen auch viele adelige Familien ihre Palazzi oder gaben sie ganz auf“, erklärt der Principe von Raffadali. Seine Familie jedoch restaurierte den Wohnsitz und empfing als eine der ersten auch Touristen.
Während Visconti sein Meisterwerk im vom Krieg weitgehend unversehrten Palazzo Valguarnera-Gangi drehte, lag ein großer Teil der Altstadt noch immer in Trümmern. Die Morde der Mafia, die in der „Mattanza“, dem Zweiten Großen Mafiakrieg Anfang der 80er-Jahre, gipfelten, machten die Innenstadt lange zur No-go-Zone für Sizilien-Reisende. „In den 90ern hatte die Stadt dann genug“, sagt c „die Leute wollten einen Neuanfang und einen Wiederaufbau.“
Die Öffnung nicht nur der Palazzi Palermos, sondern des kulturellen Erbes Siziliens insgesamt wurde zur Berufung des Principe. Vor mehr als 25 Jahren gründete er eine Organisation zur Förderung der Museen und zum Erhalt historischer Denkmäler Siziliens. Später initiierte er mehrere Kunstfestivals und Kulturwochen. Viscontis unübertroffenes Meisterwerk „Der Leopard“, in dem neben vielen Adeligen Siziliens auch sein Onkel zu sehen ist, bestimme dabei noch immer den Tourismus. Auf etwa 50 schätzt er die Zahl historischer Villen und Palazzi, die noch immer zumindest teilweise den Nachfahren sizilianischer Adelsgeschlechter gehören. Manche davon können auch von Touristen besichtigt werden, einige dienen mittlerweile als Hotels, andere Eigentümer vermieten ihre Gemächer für Hochzeiten und ähnliche Feierlichkeiten.
Sizilien-Reisen boomen seit einigen Jahren. Insbesondere die Zahl der Touristen aus den deutschsprachigen Ländern stieg seit der Pandemie kontinuierlich an. Viele führen die Beliebtheit der größten Insel im Mittelmeer auch auf ihre zunehmende Präsenz im Film in den vergangenen Jahren zurück. Insbesondere die Netflix-Produktion „Der Leopard“ und die zweite Staffel der erfolgreichen HBO-Serie „The White Lotus“ dürften dafür verantwortlich sein, dass zuletzt immer mehr Set-Jetter ihre Lieblingsfilmschauplätze in Sizilien erkundeten.
Der Principe von Raffadali steht Netflix-Produktionen wie der Neuverfilmung des „Gattopardo“ aus dem letzten Jahr hingegen skeptisch gegenüber. „Kultur darf kein Fastfood sein“, sagt der 67-Jährige. „Gegenüber Viscontis Meisterwerk erscheint mir das wie eine Kopie der Mona Lisa.“ Er plädiert jedoch dafür, dass Urlauber auch das jüngere Kino Siziliens wie das Werk Giuseppe Tornatores entdecken. Der bei Palermo aufgewachsene Regisseur wurde mit „Cinema Paradiso“ bekannt und drehte zuletzt Dokumentationen wie „Ennio Morricone – Der Maestro“.
Weil Carine Vanni Calvello ihren Palazzo nicht für das Netflix-Remake zur Verfügung stellen wollte, machten sich die Macher des Sechsteilers auf die Suche nach einem ebenbürtigen Ersatz. In Catania, Siziliens zweitgrößter Metropole und Palermos ewiger Rivalin auf der anderen Inselseite, stießen sie auf den Palazzo Biscari – den prunkvollsten Palast der Stadt am Fuß des Ätna.
Ballsaal wurde zur Tennishalle
„Ich habe die Netflix-Serie überhaupt nicht gesehen“, sagt Ruggero Moncada Paternò Castello, „für mich ist es einfach unmöglich, sich das anzusehen. Die Kopie kann einfach nicht an das Original heranreichen.“ Der Cavaliere ist einer der letzten Erben der Prinzen von Biscari. Sizilianische Medien nennen ihn bisweilen auch den „Gattopardo von Catania“. „Mein Vater hatte schon Viscontis Original nicht gemocht, weil ein sizilianischer Prinz einfach nicht so spricht wie der Amerikaner Burt Lancaster und im Film eine Waffe verwendet wurde, die erst 20 Jahre nach der Originalzeit aufkam.“ Er selbst jedoch liebt Viscontis „Leoparden“.
Wenn der Cavaliere ausgewählte Gäste durch seinen Palazzo führt, weiß er im lockeren Plauderton von den Ahnen- und Deckengemälden zu erzählen. Bis in die 90er-Jahre wohnte noch seine Großmutter in dem Barockpalast. „Hier bin ich als Sechsjähriger zu ihr unter die Decke geschlüpft, als mein Großvater starb“, erzählt der 70-Jährige, während er vorbei an einem Bett unter einer gewölbten Stuckdecke schreitet. Auch von den illustren Besuchern des Palazzos weiß er Kurzweiliges und Kurioses zu erzählen: von Goethe, Wagner und Vargas Llosa, von Queen Mum, Mick Jagger und Coldplay, die hier ihr „Violet Hill“-Musikvideo drehten. Und von den Alliierten, die den barocken Ballsaal in der Nachkriegszeit kurzerhand in eine Tennishalle umfunktionierten. Dabei zeigt er ein Porträt einer Principessa, an dem man bis heute den Einschlag eines Tennisballs sieht.
„Als mein Großvater starb, hatte er noch sicherlich 15 Leute als Personal. Nun aber sind wir eine ganz normale Familie.“ Als einer der Hausherren hat er über 30 Jahre lang inzwischen unzählige Gäste durch den Palazzo geführt. Seit der Netflix-Serie sind es noch mehr geworden. „Man hat damit so viel Geld verdient. Darüber waren wir jedenfalls sehr glücklich – und es ist eine gute Werbung.“ Die Ballszene soll für Netflix in gerade einmal zwei Tagen im Kasten gewesen sein – ganze 46 Tage weniger, als sie Visconti für sein Spektakel benötigte.
Wie schon im Meisterwerk des Maestros scheint heute auch im Palazzo Biscari zu gelten, was Alain Delon als Tancredi Falconeri bedeutungsschwer ausspricht: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“