Seit einem Vierteljahrhundert ist Bernd das Brot der Star des Kinderkanals Kika. Seine Beliebtheit verdankt die Puppe, die sagt, dass ihr Leben sinnlos und die Hölle ist, aber vor allem den erwachsenen Fans.
Schicksal, wenn du mich hören kannst: Du hast total einen an der Waffel!!!“ Ob das Schicksal ein offenes Ohr für Bernd das Brot und seine Botschaft hat, ist nicht bekannt. Dafür, dass das Schicksal wirklich total einen an der Waffel hat, ist Bernd das Brot allerdings ein Beweis. In die Welt geworfen wurde es, um Kinder zu unterhalten, ihnen eine Freude zu machen, sie zum Lachen zu bringen. Es wurde zum „Inbegriff deutscher Kultur“ und zu einem Phänomen, das für einen US-Late-Night-Show-Moderator „das Deutscheste“ ist, was er je gesehen hat. Zwischendurch wurde Bernd das Brot zur Kultfigur für Erwachsene. Das alles innerhalb von 25 Jahren.
„Ich hasse mein Leben“, sagt Bernd. Das verwundert nicht, denn nach Angaben seines Schöpfers ist er ein Exemplar der Gattung des „Homo Brotus Depressivus“ – auf Deutsch: „depressiver Brot-Mensch“. Entsprungen ist diese Figur der Fantasie von Tommy Krappweis. Die Geschichte geht so: Der Kinderkanal Kika hat ein Maskottchen gesucht. Der Autor, Musiker, Produzent und Komiker Tommy Krappweis, bekannt geworden als Ensemblemitglied der Comedy-Reihe „RTL Samstag Nacht“, hatte beim Essen eine erste Idee und skizzierte sie auf einer Restaurant-Quittung. Die Idee: ein Kastenweißbrot, dem er die Gesichtszüge seines Freundes Norman Cöster verpasst hat. Angeblich hat Bernd das Brot auch einige Charakter-Eigenschaften dieses Freundes.
„Nach dem Besuch eines deprimierenden russischen Theaterstücks saßen wir in einem Restaurant“, hat Krappweis dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) anlässlich des „25 Jahre Bernd das Brot“-Jubiläums erzählt. „Beim Anblick des Brotkorbes sagte Norman: ,Brot ist lustig.‘ Dann zeichnete ich mit dem Kugelschreiber des Kellners auf die Quittung Norman als Brot“, berichtete er.
Seit 2003 nachts in Dauerschleife
„Wenn Sie mich suchen: Ich halte mich in der Nähe des Wahnsinns auf, genauer gesagt auf der schmalen Linie zwischen Wahnsinn und Panik, gleich um die Ecke von Todesangst, nicht weit weg von Irrwitz und Idiotie!“ Bis Bernd das Brot diese Ortsbeschreibung abgibt, sollte es im Jahr 2000 noch etwas dauern. Am 29. Februar 2000 erblickte Bernd das Brot das Licht der Welt. In der Puppet-Comedy „Tolle Sachen“ hatte er seinen ersten Auftritt bei Kika. Im September lief in jenem Jahr im Kika die erste Sendung mit Bernd und seinen Freunden, dem Schaf Chili und dem blühenden Busch Briegel. Die Kinder hatten Spaß. Erwachsene nahmen das Kika-Trio allenfalls am Rande wahr – wenn sie die Kinder vor den Fernseher setzten oder da wieder wegzerrten.
„Was ist dein größter Wunsch, Bernd?“ Antwort: „Ich will nach Hause.“ Daheim war die Brotpuppe im Kinderprogramm. Eine größere Fangemeinde unter den Erwachsenen bekam Bernd das Brot erst knapp zweieinhalb Jahre später. Bis dahin hatte auf dem Kinderkanal zwischen 21 Uhr abends und 6 Uhr morgens Sendepause geherrscht. Das änderte sich zum 1. Januar 2003: Kika sendete ab dann nachts durch – und zwar Bernd das Brot in Dauerschleife.
„Habt Ihr nicht auch manchmal das Gefühl, dass das Universum nur da ist, um Euch wie einen Idioten aussehen zu lassen?“ Diese Art Fragen waren für Menschen, die gerade die Kinder ins Bett gebracht haben, nach einem harten Arbeitstag endlich auf dem Sofa lagen oder mitten in der Nacht vom Feiern nach Hause kamen, offenbar genau das Richtige. Und bevor sie selbst ins Bett gingen, ließen sie sich von Bernd noch erzählen: „Mein Lieblingstraum ist, wie Hänsel und Gretel mich zu Brotkrumen zerbröseln.“
Kastenbrot mit viel zu kurzen Ärmchen
„Jetzt bin ich mit der Gesamtsituation unzufrieden“, grummelt der missmutige Bernd schon mal. Der Sender ist überaus zufrieden. Denn im Jahr nach Bernds Start im Nachtprogramm bekam der Kinderkanal den Grimme-Preis, also einen der wichtigsten deutschen Fernsehpreise, für Bernd das Brot. Der „Anti-Spaß-Guerillero“ nehme sich „inmitten einer grellen Fun-Event-Kultur mit lauter gehypten Mega-Emotion-Shows das Recht auf schlechte Laune“, begründete die Jury ihre Entscheidung. Im Gegensatz zu den meisten Protagonistinnen und Protagonisten, die sonst so im Programm sind, hat Bernd das Brot sich auch nicht ins Scheinwerferlicht gedrängt. Im Gegenteil. „Ob er will oder nicht, er ist seitdem untrennbar mit Kika verbunden“, teilt der Sender zum 25. Geburtstag seines Stars mit. Und verrät, was eh schon alle Fans wissen: „Puppenspieler Jörg Teichgraeber spielt Bernd das Brot und verleiht ihm seine charakteristische Stimme.“
„Irgendwie hab’ ich das schon mal erlebt. Ach ja! Gestern, vorgestern und eigentlich jeden Tag. Das ist deprimierend“, beschreibt Bernd sein Dasein als Fernsehstar. Sein Sender erklärt es so: „Bernd, das miesgelaunte Kastenbrot mit den viel zu kurzen Armen, ist unfreiwilliges Kika-Maskottchen und zufällig ausgewählter Testkandidat gleichermaßen. Auch wenn ihn nur das Muster seiner Raufasertapete und eine Portion Mehlsuppe mit Schirmchen interessieren: Bernd gerät immer wieder in Situationen, in denen er zu Recht fordert: ,Ich will hier weg!‘“
„Mist!“, würde Bernd das kommentieren – und das mit Tapete bestätigen: „Oh ja, ich habe ein Hobby: Ich lerne das Muster meiner Raufasertapete auswendig.“ Dass Bernd ständig in Situationen kommt, die er lieber vermieden hätte, liegt auch an seinen beiden Serien-Freunden: Da sind die abenteuerlichen Stunts von Chili dem Schaf und die nicht selten explosiven Erfindungen von Briegel dem Busch. Und ebenso unfreiwillig, wie er ins Fernsehen kam, ist er nun auch mit Videos im Internet präsent. Dort ist Bernd das Brot längst nicht nur bei deutschsprachigen Fans beliebt. Wobei das internationale Publikum etwas anders lacht – da ist es einfach auch urkomisch, dass im deutschen Fernsehen nachts ein depressives Brot vor sich hinredet.
„Deutscheste, was ich je gesehen habe“
„Alles ist wie immer, nur schlimmer“, hat Bernd schon sehr früh in seiner Bildschirmkarriere gesagt. Dabei konnten weder er noch seine Fans ahnen, dass es ihm tatsächlich mal gelingen würde, aus der Kika-Blase zu entkommen – nur um auf der nächsten Mattscheibe zu landen. Im September flog Bernd über den großen Teich. Er war von der amerikanischen Late-Night-Show „Last Week Tonight with John Oliver“ eingeladen worden. Der Moderator war außer sich vor Begeisterung. Sein Publikum auch. John Oliver bezeichnete Bernd als einen Inbegriff deutscher Kultur. „Bernd bedient alle Klischees vom humorlosen Deutschen, der ständig etwas zu meckern hat“, vermutet der Radiosender „Deutsche Welle“. John Oliver amüsierte sich: „Das ist das Deutscheste, was ich je gesehen habe.“ Im Internet wird seitdem der „weird German bread guy“, der „seltsame deutsche Brotkerl“, regelrecht gefeiert.
„Der Schicksalseisbrecher hat gerade seinen Hafen verlassen, und wir sind nur die Eisschollen, die nichts weiter tun können, als die Bugwelle zu bestaunen, die unaufhörlich näherkommt im Ozean des Leidens“ – Bernd hat es immer gewusst. Nun kündigt Kika an: „Keine Ruhe in Sicht für Bernd das Brot.“ Auf seiner Internetseite hat der Kinderkanal die neue Puppet-Comedy „Besser mit Bernd“ gestartet. Darin versuchen Chili das Schaf und Briegel der Busch, das mürrische Kastenbrot zum ‚Brotfluencer‘ zu machen. Ob das gelingt? „Manchmal sollte man Rätsel ungelöst lassen“, würde Bernd das Brot sagen.