Die Vereinigten Staaten feiern in diesem Jahr, dass sie sich vor 250 Jahren für unabhängig erklärten. Ihr Gründungsmythos wirkt bis heute, aber die inneren Widersprüche treten immer offener hervor.
Vor 250 Jahren lösten sich die Vereinigten Staaten vom britischen Weltreich und begründeten ein politisches Experiment, dessen Widersprüche bis heute nachwirken. Aus dem Protest gegen Besteuerung ohne politische Vertretung wurde ein Unabhängigkeitskrieg, aus 13 Kolonien ein Staat, aus einer Revolution ein regelrechter Gründungsmythos. Thomas Jefferson, einer der zentralen Architekten dieses Aufbruchs und der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, formulierte dafür in einem Ton von Selbstbehauptung, der bis heute erstaunlich aktuell klingt: „Wir vertrauen auf unsere Stärke, ohne damit zu prahlen; wir respektieren die Stärke anderer, ohne sie zu fürchten.“ Doch die Vereinigten Staaten standen nie nur für Stärke – so wie manche Zeitgenossen sie heute sehen wollen, – sondern immer auch für Spannungen, Konflikte und Brüche.
Spannungen, Konflikte und Brüche
Die amerikanische Revolution war nicht allein ein ökonomischer Aufstand gegen Steuern und Handelsbeschränkungen. Sie war auch ein Kampf um Souveränität, Repräsentation und die Frage, wer überhaupt zum „politischen Volk“ gehören sollte. Mit der Unabhängigkeitserklärung wurde der Anspruch formuliert, „dass alle Menschen gleich geschaffen sind“. Jeffersons Satz klang universal, war es aber nicht, wie der Stanford-Historiker Jack Rakove feststellt. Gemeint waren in der Realität vor allem freie weiße Männer. Frauen, Sklaven, Indigene und später auch Millionen Zugewanderte waren von diesem Versprechen zunächst ausgeschlossen. Der Gründungsmythos der USA trägt damit von Beginn an einen Widerspruch in sich: Freiheit als Leitidee, Ungleichheit als gesellschaftliche Ordnung.
Genau aus diesem Spannungsverhältnis erklärt sich vieles von dem, was die USA bis heute prägt. Der Satz von der Gleichheit der Menschen wurde im Lauf der Geschichte immer wieder neu ausgelegt, erweitert und umkämpft. Erst über den Bürgerkrieg, die Abschaffung der Sklaverei, die Bürgerrechtsbewegung und lange politische Auseinandersetzungen erhielt er auch eine reale individuelle Bedeutung für Schwarze und viele weitere Gruppen in den Vereinigten Staaten. Doch die historische Last der Ausgrenzung ist nicht verschwunden. Sie wirkt fort in Debatten über Bildung, Justiz, den Wohnungsmarkt, Polizei, Einwanderung und politische Teilhabe.
Hier setzt beispielsweise die Critical Race Theory (CRT) an, ein Beispiel für die historische Auseinandersetzung eines Landes mit sich selbst. „Rasse“ wird hier als soziale und nicht als biologische oder andere naturwissenschaftliche Kategorie gesehen. Jene US-amerikanische Wissenschaftsrichtung betrachtet Rassismus nicht als Randphänomen oder bloßes Vorurteil, sondern als Strukturfrage von Recht, Institutionen und Machtverhältnissen. Genau deshalb steht sie in den USA unter Beschuss konservativer Kräfte. Denn wer strukturellen Rassismus thematisiert, rüttelt nicht nur an politischen Gewissheiten, sondern auch am nationalen Selbstbild. Die Kritik an der CRT ist deshalb mehr als eine Debatte über akademische Begriffe. Sie wird zum Kulturkampf um die Deutung der amerikanischen Geschichte.
Für demokratische Gesellschaften ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit unverzichtbar. Sie schafft nicht automatisch Einigkeit, aber sie verhindert Verdrängung. Die USA haben aus ihrer eigenen Geschichte heraus über Generationen immer neue Erzählungen entwickelt: von Freiheit, Aufstieg, Ordnung und Führungsanspruch. Doch die politische Polarisierung zwingt zur Wahl einer Seite: links und rechts, oben und unten, Republikaner und Demokraten, arm und reich, schwarz und weiß, Mittlerer Westen und Küstengebiete. Je stärker das Land wirtschaftlich, sozial und kulturell auseinanderdriftet, desto schwieriger wird es, diese Erzählungen zusammenzuhalten: Der „American Way of Life“ war nie ein fertiger Zustand, sondern immer ein Versprechen, und für die meisten, die daran glaubten, blieb er ein Mythos.
Was würde Thomas Jefferson heute dazu sagen? Vielleicht würde er trotz des aufgeheizten politischen und gesellschaftlichen Klimas einen Satz wiederholen: „Ich habe Meinungsverschiedenheiten in Politik, Religion oder Philosophie nie als Grund angesehen, mich von einem Freund zurückzuziehen.“ Ob er in den heutigen USA damit durchkäme, ist jedoch eine andere Frage. Das amerikanische Experiment jedenfalls geht weiter.