Die Starttische und Anlagen auf dem Weltraumbahnhof Kourou sind eindrucksvoll. Sie müssen aber auch zu 100 Prozent verlässlich funktionieren. Und daran ist mit MT Aerospace Guyane ein deutsches Unternehmen maßgeblich beteiligt.
Eigentlich war das kleine Haus erst vor Kurzem in frischem Gelb gestrichen worden. Aber das tropische Regenwaldklima setzt auch dem neuen Anstrich schnell zu, erklärt Michael Gärtner fast entschuldigend, als er uns in dem Haus in Kourou empfängt, aus dem er mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Arbeit der MTA in Kourou managt. Ein Haus am Rand einer kleinen Siedlung, die in den Anfangsjahren des Weltraumbahnhofs für Beschäftigte und ihre Familien errichtet wurde. MT Aerospace ist seit über 30 Jahren wesentlich an der Realisierung aller Startanlagen beteiligt.
Seit knapp elf Monaten ist Michael Gärtner Directeur MT Aerospace Guyane. Ein Unternehmen, das „am Boden“ dafür sorgt, dass alles rund läuft. Ein Engagement, dem Deutschland in jüngster Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung zukommen lässt. So wird bei einer Ministerialkonferenz im November dieses Jahres, bei der es auch um die Festlegung von Budgets gehen wird, das Thema „europäischer Weltraumbahnhof in Guyana“ eine für Deutschland wichtige Rolle spielen, „was vorher so diesen Platz nicht eingenommen hat“, berichtet Gärtner. Er bezieht das weniger auf das Engagement bei Raketen oder Satelliten, sondern auf die Aktivitäten „am Boden“, also Anlagen auf dem Gelände des CSG-Areals (CSG steht für Centre Spatial Guyanais, das Europäische Raumfahrtzentrum in Französisch Guyana).
Was auch damit zusammenhängt, dass neben der ESA auch Deutschland ein Interesse daran hat, mehr darauf Einfluss zu haben, dass möglicherweise auch deutsche Launcher (so werden hier die Raketen genannt) künftig von Kourou aus starten. „Das ist derzeit nicht gegeben, aber es entwickelt sich jetzt gerade sehr schnell und stark.“
Bei der Vergabe europäischer Budgets wird auch auf einen sogenannten Geo-Return geachtet, heißt, dass Aufträge auch in die Länder zurückfließen, die in das gemeinsame Budget eingezahlt haben. Und von dem deutschen Return könne dann eben auch sein Unternehmen profitieren.
Michael Gärtner hat sich für unser Gespräch Zeit genommen. Dass er so relativ entspannt fast den ganzen Nachmittag in seinem weitläufigen Büro verbringt, ist eher die Ausnahme. Normalerweise ist er unterwegs zu den Anlagen, wo seine Leute tätig sind. Und die sind überall auf dem riesigen Areal im Einsatz, so dass er am Tag schon mal gut 80 Kilometer abfährt zwischen Startanlage, großen Hallen, Spezial- und Bürogebäuden.
MT Aerospace Guyane ist im Grunde ein großer Dienstleister für Anlagen auf dem Weltraumbahnhof. „Man kann sich das hier wie ein riesiges Camp mit großen Industrieanlagen vorstellen, die durch Unternehmen wie uns am Laufen gehalten werden, und am Ende wird dadurch ein Raketenstart bedient: Das ist letztlich das Endprodukt, auf das wir alle hinarbeiten.“
Zu den Aufträgen gehört die Wartung großer Hallen, auch der Reinraumhallen, in denen Satelliten für den Start vorbereitet werden, Klimaanlagen in Hallen und Büros, die in dem tropischen Klima ständig gefordert sind, bis hin zur Wartung der Startanlagen oder speziellen Transportern mit Tanks für flüssigen Wasserstoff oder Sauerstoff mit 20 oder mehr Rädern an jeder Seite. Schon die Aufzählung erinnert stark an einen Flughafenbetrieb, was im Grunde Kourou auch ist, allerdings nur mit Starts – ohne Landungen.
In zwei Hallen wird das Material für Feststoff-Booster herstellt, „Im Prinzip wie ein Plastiksprengstoff“, und alles beginnt in einem Riesen-Mixer, groß wie ein kleines Einfamilienhaus, von denen es in dieser Art zwei identische in Guyana und wohl nur noch einen weiteren weltweit gibt (in den USA bei der NASA). Solche Mixer müssen gewartet werden, wie auch die riesigen 200-Tonnen-Krane und hydraulischen Hebebühnen. Oder die an die 40 Tonnen schwere Stahltür zu dieser Halle. Das alles ist den tropischen Witterungsbedingungen von um die 30 Grad Celsius und über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit ausgesetzt. Was wäre, wenn die Stahltür klemmen und die gefüllten Booster nicht planmäßig zum Starttisch kämen bei den bekanntlich oft engen Zeitfenstern für Starts?
Gut aufgestellt für neue Aufträge
Zu den Aufträgen gehört auch die Wartung von Starttisch und Startpaletten für die Vega und Ariane 6. Rakete und Booster (bei der Ariane 6 können entweder zwei oder vier Booster montiert werden) stehen auf riesigen Metallplatten in Ausmaßen wie sein großes Arbeitszimmer, zeigt Michael Gärtner, und „die sehen das Feuer, wie man hier sagt“.
Auf die neugierige Frage, welches Material das aushält, konnte oder wollte Gärtner keine genaue Auskunft geben, nur so viel: Die werden für die nächsten Starts wiederverwendet. Wobei wiederum sein Unternehmen im Spiel ist. „Die Paletten werden immer wieder benutzt, man nimmt nicht jedes Mal neue. Nach dem Start müssen die wieder aufbereitet werden. Die werden dann rausgefahren, in einem speziellen Bereich gereinigt, wieder für einen neuen Start hergerichtet.“ Booster werden permanent hergestellt, auf solche Paletten gestellt und in einer Halle gelagert, stehen somit bereit für den Flug, für den sie bestimmt sind.
Die MT Aerospace Guyane verfügt in Kourou auch über ein Physiklabor, Reinräume, in denen Satelliten gewartet werden, können permanent überwacht werden, auch Zertifizierungen sind möglich. Aber die Schwerpunkte sind die großen Anlagen auf dem CSG.
Rund 60 Mitarbeitende sind für die MT Aerospace Kourou tätig, vorwiegend Einheimische. Damit verfolgt das Unternehmen traditionell eine etwas andere Strategie als viele, die sonst noch auf dem CSG aktiv sind und die Mitarbeitende oft projektbezogen befristet nach Französisch-Guyana einfliegen.
Derzeit liegt der Schwerpunkt noch deutlich bei den beschriebenen Dienstleistungen. Aber mit der erkennbar neuen Strategie der Europäer in Sachen Raumfahrt stellt man sich bei MT Aerospace Guyane auch auf mögliche neue Herausforderungen ein. „Wir haben jetzt zum Beispiel auch einen Bauingenieur eingestellt und eine eigene Abteilung aufgebaut für Bauprojekte, um auf Ausschreibungen antworten zu können. Das gab es vorher lange nicht. Das sind jetzt Herausforderungen, die wir jetzt treffen müssen, um auch den deutschen Geo-Return nachher bedienen zu können, wenn deutsche Bauprojekte hier gefordert werden.“
Und die dürften kommen im Zuge der weiteren strategischen Entwicklungen. Deutsche Start-ups arbeiten schon lange an der Entwicklung von (Mini- und Macro-) Launchern. Ein erster Start einer „Spektrum“ von Isar Aerospace ging zwar – eigentlich wie erwartet – schief, war aber dennoch in mehrfacher Hinsicht ein Durchbruch. Gestartet wurde vom norwegischen Andøya Spaceport. Der einzige europäische Kontinentalstartplatz (außerhalb Russlands) eignet sich aber nur für bestimmte Flüge. Und so gibt es längst mehr als nur reine Gedankenspiele, Kourou mit seiner idealen Lage in Äquatornähe für neue Aufgaben vorzubereiten, zusätzlich zu der großen Ariane 6 und der kleineren Vega. „Vielleicht neue Startanlagen hier schaffen für mittlere und kleinere Launcher oder vielleicht auch einen weiteren großen Launcher“, hält Gärtner nicht nur für möglich, sondern für eine realistische Perspektive. Und auf die will nicht nur er vorbereitet sein.