Wie war die Vorstellung von Jürgen Klopp als neuem Fußball-Bundestrainer? Warum hat es mit seinem Vorgänger Julian Nagelsmann bei der WM nicht mehr geklappt? Medienberater Holger Schmidt beurteilt die jüngsten kommunikativen Auftritte der beiden.
Herr Schmidt, wie fanden Sie die Vorstellungs-Pressekonferenz von Jürgen Klopp?
Insgesamt sehr gut. Jürgen Klopp ist kommunikativ bekanntermaßen sehr stark, zudem in solch wichtigen Momenten immer gut vorbereitet. Ich glaube, er war einst der Erste im Fußball, dem das Attribut „Menschenfänger“ verliehen wurde. Aber es gibt nach diesem ersten Auftritt auch Dinge, die man differenziert betrachten muss.
Zum Beispiel?
Ich denke da natürlich in erster Linie an die Mahnung, fair mit ihm umzugehen, seine Familie aus dem Spiel zu lassen und vor allem den Satz: „Dann bin ich weg“. Es ist sehr ungewöhnlich, dass der markanteste und prägnanteste Satz einer Vorstellungs-PK ein negativer ist. Beziehungsweise sogar eine Art Drohung. Und dass der Neue damit spielt, irgendwann wieder weg zu sein. Vor allem, wenn es darum geht, Aufbruchstimmung zu vermitteln.
Wieso macht Klopp das dann?
Es war ihm offenbar ein Anliegen, das direkt klarzustellen. Sich vielleicht auch etwas Zeit zu verschaffen, damit die Kritik nicht gleich so heftig wird, falls der Start misslingen sollte. Die Unterscheidung, dass Kritik erlaubt sei, Persönliches aber nicht, ist per se auch richtig und sinnvoll. Und dennoch hat mir das nicht gefallen. Das könnte Klopp irgendwann schon auf die Füße fallen und im Umgang mit den Medien eher zum Problem werden.
In welcher Hinsicht?
Es war ja doch eine Medienkritik, vor allem durch den Satz: „Was Ihr mit Julian gemacht habt“. Darin gefällt mir nicht, dass alle Journalisten über einen Kamm geschoren werden. Zweitens hat Nagelsmanns Frau sich oft im Umfeld des Teams aufgehalten oder im „Julsi“-Trikot im Stadion gestanden. Dadurch wurde sie automatisch zum Thema. Einen Bruch der Privatsphäre habe ich da schwer erkennen können. Und drittens gab es durchaus auch TV-Experten – und sie gehören ja auch zu den Medien – die Nagelsmann das Leben nicht einfacher gemacht haben. Unter anderem einer bei Magenta …
Sie meinen Klopp?
Sein kleines „noch“ wurde ausgiebig diskutiert. Ich will ihm da auch gar keine Absicht unterstellen, aber es gab schon vor der WM Gerüchte, dass Klopp nach der WM Bundestrainer werden könnte, wenn es mit Nagelsmann nicht weitergeht. Von daher war das nicht geschickt und vor allem nicht fair. So etwas darf einem medienerfahrenen Menschen wie Klopp nicht passieren.
Auf der Pressekonferenz war der Vorfall kaum ein Thema …
Weil Klopp ihn direkt proaktiv abgeräumt hat. Die erste Frage ging gleich vorsichtig in diese Richtung, daraufhin hat er sofort konkret auf das Thema geschwenkt und seine Entschuldigung und Selbstkritik wiederholt. Das war gut gelöst. Dennoch würde mich sehr interessieren, wie Klopp reagiert, wenn es bei der EM 2028 Kritik oder solche Sprüche von den Experten gibt.
Halten Sie es wirklich für möglich, dass er zurücktreten würde, wenn ihm Dinge nicht passen?
Es ist sein Traumjob, den er eigentlich nicht wegwerfen will, bevor er nicht am Ziel ist. Aber nach dieser Ansage könnte er, im Fall der Fälle, eigentlich nicht anders, wenn er glaubwürdig bleiben will. Dafür müssten aber wie gesagt weit größere Tabubrüche kommen, als es bei Nagelsmann der Fall war.
Sie haben eben gesagt, Klopp sei immer gut vorbereitet. Wie viel dessen, was man auf einer solchen Pressekonferenz hört, ist authentisch? Und wie vieles vorbereitet?
Man wird nie alle Fragen vorbereiten und antizipieren können, vor allem wenn die PK wie in diesem Fall 66 Minuten dauert. Jürgen Klopp lebt sicher auch von seiner Authentizität und Schlagfertigkeit und kann sich zumeist auf sie verlassen. Aber er ist auch Profi und weiß um die Wichtigkeit und Kraft eines solchen ersten Auftritts. Bei seiner Vorstellung in Liverpool hat er sich als „The Normal One“ vorgestellt. Das ist damals voll eingeschlagen, auch wenn ich mir bis heute nicht sicher bin, ob das spontan erfolgte oder nicht. Beim ersten DFB-Auftritt konnte man auf jeden Fall drei verschiedene Arten zu sprechen beobachten.
Welche denn?
Wenn die Aussagen spontan waren, hat Klopp meist schneller gesprochen. Dann gab es Themen, bei denen man spürte, dass er inhaltlich gebrieft ist, aber nicht im Wortlaut. Dann war er besonders konzentriert. Und schließlich gab es eben auch ein paar Sätze, die er sich wahrscheinlich so zurechtgelegt hat, diese hat er dann sehr akzentuiert vorgetragen. Zum Beispiel das erwähnte „dann bin ich weg“.
Hat sein Auftritt denn am Ende Optimismus geschürt oder nicht?
Alleine Klopps Ernennung hat schon dafür gesorgt. Deshalb konnte er sich die Abschieds-Drohung überhaupt erlauben. Bei vielen anderen hätte es gleich geheißen: „Dann geh doch einfach wieder“. Er hat es aber schon geschafft, seine Vorfreude und seine Motivation zu vermitteln. Er hat klargemacht, dass dies sein Traumjob ist und er danach in seiner Karriere nichts mehr geplant hat. Und er hat vor allem seinen Status untermauert.
Wie meinen Sie das?
Er hat sehr klargemacht, dass er künftig alle Macht im DFB hat und sonst auch nicht gekommen wäre. Das hat er aber so elegant gemacht, dass dies in Zitaten schwer greifbar war. Als er zum Beispiel davon sprach, dass „wir jeden Stein umdrehen werden“, meinte er offensichtlich den gesamten Verband. Hat das so explizit aber nicht gesagt. Denn das ist ja eigentlich gar nicht seine Aufgabe als Trainer. Doch Marc Kosicke – der ja ausdrücklich „sein“ Co-Trainer ist und nicht der des DFB – und er werden da künftig alle Fäden in der Hand halten.
Er hat ja auch wenig zu verlieren. Wenn er die Mannschaft wieder auf Kurs bringt, ist er der Held. Wenn nicht, war sie eben einfach nicht mehr zu retten.
Das sehe ich anders. Zum einen hat man immer was zu verlieren, auch wenn er hier zweifelsohne mehr zu gewinnen hat. Aber er hat drei Vereine in schwierigen Situationen revolutioniert und erfolgreich gemacht und ist nie entlassen worden. Wenn das beim letzten Job, der eigentlich als Krönung angedacht ist, nicht funktioniert, wäre das schon ernüchternd. Und man hat ja unter Nagelsmann gesehen, wie schnell das Bild sich wandelt und dass der Trainer am Ende dann doch gefühlt an allem schuld ist.
Was ist bei Nagelsmann passiert, dass sich das Bild von ihm so gewandelt hat? Und hat sich nicht auch seine Kommunikation gewandelt?
Das ging ein wenig miteinander einher, und man weiß nicht mehr so recht, was zuerst da war. Wäre die WM erfolgreich gewesen, würden wir über viele Dinge, die nun seziert werden, nicht sprechen. Aber er hat sich natürlich zuletzt auch angreifbar gemacht.
Womit?
Mit einigen unglücklichen Aussagen, allen voran im Fall von Deniz Undav nach dem Ghana-Spiel im März. Den Siegtorschützen schlechtzureden, weil einen die Diskussion nervt, ist schon ausgesprochen unsouverän und kontraproduktiv. Das hat ihm bei den Fans, bei den Medien und sicher auch innerhalb der Mannschaft geschadet.
Aber Nagelsmann galt doch auch als guter Kommunikator?
Absolut. Ich habe ihm immer sehr gerne zugehört. Er war für mich fast wie Klopp der Inbegriff eines kommunikativen Naturtalents. Weil er auch die Gabe hat, komplizierte Dinge griffig und für jeden begreifbar darzustellen. Ich habe kürzlich für einen Podcast von „T-Online“ die wichtigsten Schritte seiner Karriere kommunikativ analysiert. Und mir dabei auch wieder seine kompletten ersten Pressekonferenzen in Hoffenheim oder München und andere prägnante Auftritte angesehen. Das war in sehr frühen Karriere-Phasen teilweise schon sehr beeindruckend. Er hat das auch als Bundestrainer die allermeiste Zeit sehr gut gemacht. Aber in den letzten Monaten ist er etwas vom Weg abgekommen.
Wieso? War er falsch beraten?
Das würde ich so nicht sagen. Wenn überhaupt waren es zu viele Einflüsse, die in ihm miteinander gerungen haben. Er wird von seiner Agentur kommunikativ beraten, seine Frau als ehemalige „Bild“-Journalistin wird ihm auch das eine oder andere geraten haben, dazu kamen gleich drei Einflüsse vom DFB: durch den Verband, durch die Kommunikationsstelle der Nationalmannschaft und durch Rudi Völler. Alle für sich sind sicher gute Ratgeber. Vielleicht waren es bei ihm dann doch ein oder zwei zu viel.
Eine überraschende Aussage von jemandem wie Ihnen, der quasi als zusätzlicher Berater für Trainer und Manager wirkt.
Das mag auf den ersten Blick so wirken. (lacht) Ich habe dennoch die Erfahrung gemacht, dass es vor allem in besonderen Phasen immer dann am erfolgreichsten ist, wenn man sich auf wenige enge Ratgeber verlässt. Wenn jemand also zum Beispiel die Expertise der Vereins-Kommunikation abfragt und dazu dann meine als jemanden, der frei von Abhängigkeiten ist und nur im Sinne meines Klienten denkt. Das kann man dann sehr gerne auch kombinieren. Gibt es zu viele unterschiedliche Stimmen mit unterschiedlichen Herangehensweisen oder gar Interessen, wird es schwierig. Dann bist du Bundestrainer, bist angespannt, weil du die Wucht des Amtes und einer WM spürst. Und vielleicht auch ein Gefühl entwickelst, dass es sportlich schwierig wird. Und dann verlierst du vielleicht auch das Gespür für den richtigen Satz im richtigen Moment. Aber ich bin sicher: Er wird es wiederfinden.