Auf Borneo soll das wohl letzte wild lebende Borneo-Nashorn eingefangen werden. Die Geschichte von Pari ist mehr als ein Drama aus dem Regenwald. Vom Verschwinden einer Art und den verzweifelten Rettungsversuchen.
Pari weiß nicht, dass sie ein Symbol ist. Sie weiß nichts von Roten Listen, Forschungsprogrammen, Ministerien und Nachrichtenagenturen. Pari ist ein Nashornweibchen in den Wäldern von Ost-Kalimantan. Sie bewegt sich durch Dickicht, sucht Blätter, badet im Schlamm. Und doch liegt auf diesem Tier eine Last, die kein Tier tragen sollte: Pari gilt als das letzte bekannte Borneo-Nashorn in freier Wildbahn.
Die indonesischen Behörden wollen sie nun einfangen. Nicht, weil ein Gehege der bessere Lebensraum wäre, sondern weil der Wald für sie zwar noch Freiheit bedeutet, aber kaum noch Zukunft. Von den Borneo-Nashörnern sind nur zwei Weibchen bekannt: Pahu, etwa 40 Jahre alt, im Kelian-Reservat, und Pari, offenbar jünger, noch draußen im Schutzgebiet Kutai Kartanegara. Ein Männchen ist nicht mehr bekannt. Natürliche Fortpflanzung ist damit ausgeschlossen. Eine Unterart steht nicht vor einer Delle in der Statistik, sondern vor dem Ende.
Das Borneo-Nashorn gilt als Unterart des Sumatra-Nashorns. Auch dessen Lage ist dramatisch. Nur noch etwa 34 bis 47 Tiere leben nach aktuellen Schätzungen in freier Wildbahn. Früher kamen Sumatra-Nashörner in weiten Teilen Südostasiens vor, heute sind sie fast vollständig auf Indonesien zurückgedrängt. Es sind die kleinsten Nashörner der Welt, urtümlich wirkende Waldbewohner mit zwei Hörnern und einem rötlich-braunen Haarkleid. Sie sind scheu, einzelgängerisch, schwer zu zählen und schwer zu schützen.
Befruchtung im Labor geplant
Bei Pari soll nun versucht werden, was eher nach Hochsicherheitsmedizin als nach klassischem Naturschutz klingt. Sie soll gefangen, in eine Einrichtung gebracht und für eine Entnahme von Eizellen vorbereitet werden. Diese Eizellen könnten im Labor mit Sperma eines Sumatra-Nashornmännchens befruchtet werden. Wenn daraus ein Embryo entsteht, müsste vermutlich ein anderes Weibchen als Leihmutter dienen. Es wäre kein Zurück in eine unberührte Natur, sondern der Versuch, wenigstens einen Teil der genetischen Linie zu sichern.
Die Vorbereitungen zeigen, wie absurd konkret die letzte Phase des Artensterbens sein kann. Ari Wibawanto, Leiter der zuständigen Naturschutzbehörde in Ost-Kalimantan, sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Wir haben mehrere Simulationen mit Rindern durchgeführt, die ungefähr so groß sind wie Pari.“ Man hat also mit Kühen geübt, um ein Nashorn zu retten. Jeder Fehler kann tödlich sein, jeder Transport, jede Betäubung, jeder Moment von Stress. Wibawanto betonte deshalb: „Wir haben unsere Verfahren verschärft.“ So nüchtern klingt Hoffnung, wenn sie in Einsatzpläne übersetzt wird.
Dass es so weit gekommen ist, hat mehrere Gründe. Wilderei spielt bei Nashörnern seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle. Ihr Horn, biologisch vor allem Keratin, wie Fingernägel, wird auf illegalen Märkten als Statussymbol und vermeintliches Heilmittel gehandelt, obwohl es keinen wissenschaftlichen Beleg für medizinische Wunderwirkungen gibt. Beim Sumatra-Nashorn wiegt heute jedoch ein anderes Problem mindestens genauso schwer: der Verlust und die Zerschneidung seines Lebensraums. Wälder werden gerodet, umgewandelt, durch Straßen, Plantagen und Siedlungen geteilt. Zurück bleiben kleine Inseln von Natur, in denen einzelne Tiere überleben, aber einander kaum noch begegnen.
Weltweit 26.700 Nashörner
So beginnt Aussterben oft nicht erst mit dem Tod des letzten Tieres. Es beginnt, wenn Begegnungen ausbleiben. Wenn ein Weibchen brünstig wird, aber kein Männchen in Reichweite ist. Wenn eine Population so klein wird, dass jeder Zufall zählt. Wenn Tiere noch leben, aber keine funktionierende Gemeinschaft mehr bilden. Die biologische Uhr läuft also nicht nur, sie läuft gegen eine Art, die ohnehin fast keinen Spielraum mehr hat.
Pari ist ein Extremfall, aber kein Einzelfall. Weltweit leben noch rund 26.700 Nashörner, verteilt auf fünf Arten. Diese Gesamtzahl klingt zunächst beruhigender, als sie ist. Das Südliche Breitmaulnashorn hat nach einem historischen Tief mit weniger als 100 Tieren eine bemerkenswerte Erholung geschafft. Das Panzernashorn in Indien und Nepal zeigt ebenfalls, dass konsequenter Schutz wirken kann. Gleichzeitig leben vom Java-Nashorn nur noch etwa 50 Tiere, alle in Indonesien. Vom Nördlichen Breitmaulnashorn existieren nur noch zwei Weibchen. Es gibt Erfolge, Rückschläge und Fälle, in denen Artenschutz inzwischen eher einer Notfallmedizin ähnelt.
Bei diesem Nördlichen Breitmaulnashorn ist die Parallele offensichtlich. Najin und Fatu, die letzten beiden Weibchen, leben in Kenia unter Schutz. Nach dem Tod des letzten Männchens Sudan 2018 ist natürliche Fortpflanzung unmöglich. Ein internationales Forschungsteam arbeitet deshalb mit eingefrorenem Sperma verstorbener Männchen, entnommenen Eizellen und Embryotransfers. 2024 gelang bei einem Südlichen Breitmaulnashorn erstmals eine Schwangerschaft nach Embryotransfer. Der Projektleiter Thomas Hildebrandt sagte dem „Guardian“: „Dieses kleine Baby ist der Beweis für alles.“ Der Embryo ging zwar nicht in eine Geburt über, doch der Nachweis war entscheidend: Bei Nashörnern ist diese Technik grundsätzlich möglich.
Raum, Schutz, Sozialverhalten
Für Pari ist das Hoffnung und Warnung zugleich. Hoffnung, weil Labormethoden inzwischen mehr können als noch vor wenigen Jahren. Warnung, weil ein technisch möglicher Schritt noch lange keine gerettete Art bedeutet. Ein Embryo ist kein stabiler Bestand. Ein Kalb ist noch keine Population. Und eine Population braucht mehr als Genmaterial: Raum, Schutz, Sozialverhalten, Zeit, Zufall. Man kann eine Linie im Stickstofftank erhalten. Aber ein Nashorn wird erst wieder Teil der Welt, wenn es in einem sicheren Lebensraum aufwächst und später selbst Nachwuchs bekommt.
Darum führt der Fall Pari in eine größere Debatte. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES warnte bereits 2019, dass etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, viele davon innerhalb von Jahrzehnten. Die wichtigsten Treiber sind bekannt: veränderte Land- und Meeresnutzung, direkte Ausbeutung von Organismen, Klimawandel, Verschmutzung und invasive Arten. Es ist keine mysteriöse Naturkatastrophe, sondern eine von Menschen geprägte Entwicklung. Der damalige IPBES-Vorsitzende Robert Watson brachte es auf den Punkt: „Der Zustand der Ökosysteme, von denen wir und alle anderen Arten abhängen, verschlechtert sich schneller als je zuvor.“
Das Artensterben ist schwer zu erzählen. Es geschieht selten wie in einem Katastrophenfilm. Meist geschieht es administrativ, schleichend, in Zahlenreihen, Schutzgebietskarten und wissenschaftlichen Anhängen. Ein Wald wird kleiner. Eine Straße schneidet ein Revier. Ein Tier verschwindet aus einer Kamerafalle. Ein zweites wird nicht mehr gefunden. Irgendwann bleibt ein Name. Pari. Pahu. Fatu. Najin. Aus Arten werden Individuen, aus Populationen werden letzte Trägerinnen einer Linie.
Man kann diese Rettungsversuche kritisch sehen. Sie sind teuer, kompliziert und kommen spät. Doch der Gegensatz zwischen Labor und Lebensraumschutz ist zu einfach. Ohne sichere Wälder haben Labore keinen Sinn. Ohne moderne Reproduktionsmedizin ist es für manche Arten aber womöglich schon zu spät. Der Fehler liegt nicht darin, Pari retten zu wollen. Der Fehler liegt darin, dass ihre Rettung überhaupt auf diese Weise nötig geworden ist.
Am Ende bleibt ein Bild von beklemmender Klarheit. Ein einzelnes Nashorn bewegt sich durch den Wald, ein Tier, das äußerlich wirkt, als könne ihm nichts etwas anhaben. Dicke Haut, Horn, Gewicht, jahrmillionenalte Entwicklungsgeschichte. Und doch ist seine größte Bedrohung nicht ein einzelner Feind, sondern Leere. Die Leere eines Waldes, in dem es keinen Partner mehr findet. Die Leere einer Unterart, die nur noch aus zwei bekannten Weibchen besteht.
Vielleicht wird Pari eingefangen. Vielleicht übersteht sie den Transport problemlos. Vielleicht gelingt eine Eizellentnahme, vielleicht entsteht ein Embryo, vielleicht irgendwann ein Kalb. Nichts davon ist sicher. Sicher ist nur, dass ihre Geschichte schon jetzt mehr erzählt als die Geschichte eines Nashorns. Sie erzählt vom Zustand einer Welt, in der Rettung immer häufiger bedeutet, das Letzte zu sichern, bevor es endgültig verschwindet. Und sie stellt eine unbequeme Frage: Wie viele Arten müssen erst auf einen Namen zusammenschrumpfen, bevor ihr Verlust wirklich verstanden wird?