Der Abschied von Mohamed Salah markiert das Ende einer Ära beim FC Liverpool – und wirft zugleich eine Frage auf: Warum wurde eine der konstant größten Karrieren der Premier-League-Geschichte oft weniger gefeiert, als sie es verdient hätte?
Als Mohamed Salah in einem schlicht inszenierten Video vor einer gläsernen Vitrine Platz nimmt, hinter ihm die Trophäen einer außergewöhnlichen Karriere, wirkt der Moment beinahe unspektakulär. „Leider ist der Tag gekommen“, sagt er – ein Satz, wie man ihn aus zahllosen Abschieden kennt. Und doch markiert er das Ende einer Ära beim FC Liverpool, die größer war, als sie im täglichen Betrieb oft erschien. Salah verlässt den Club nach neun Jahren als Champions-League-Sieger und zweifacher Englischer Meister, als einer der produktivsten Offensivspieler der Premier-League-Geschichte – und womöglich als der konstanteste. Mehr als 250 Tore und über 120 Vorlagen stehen für ihn im Liverpool-Trikot zu Buche, Zahlen, die nicht nur beeindrucken, sondern historisch sind. Und doch haftete seiner Zeit an der Anfield Road stets ein merkwürdiges Gefühl an: das einer Größe, die zur Gewohnheit geworden ist. Ein Blick auf die Zahlen unterstreicht diese Dimension noch einmal. In der Premier League kommt Salah auf 191 Treffer und liegt damit auf Rang vier der ewigen Torschützenliste – wohlgemerkt als Flügelspieler. Wettbewerbsübergreifend erzielte er für Liverpool 255 Tore in 435 Einsätzen und bereitete 122 weitere vor. Viermal gewann er den Goldenen Schuh, so oft wie kaum ein anderer vor ihm. In nahezu jeder vollständigen Saison war er direkt an weit über 30 Toren beteiligt, in seiner statistisch herausragendsten Spielzeit sogar an 47 Treffern. Werte, die nicht nur für Konstanz stehen, sondern für eine Form von Dominanz, die in dieser Liga über Jahre hinweg ihresgleichen sucht.
255 Tore in 435 Einsätzen
Dabei begann alles mit einem Umweg. Als Salah im Januar 2014 zum FC Chelsea wechselte, schien die Premier League noch nicht bereit für ihn – oder er nicht für sie. Unter José Mourinho fand er keinen Platz, ähnlich wie ein gewisser Kevin De Bruyne. Erst in Italien, bei Florenz und später bei der AS Roma, entwickelte sich jener Spieler, der im Sommer 2017 nach Liverpool kam – und dort vom ersten Moment an funktionierte. „Hit the ground running“ nennen es die Engländer. Salah tat mehr als das. In seiner ersten Saison erzielte er 44 Pflichtspieltore, brach mit 32 Treffern den damaligen Premier-League-Rekord über 38 Spieltage und setzte eine Marke, die selbst in einer Liga voller Weltklassespieler herausragte. Es war der Beginn einer Serie, die ihresgleichen sucht: Jahr für Jahr lieferte Salah Zahlen, die normalerweise Karrierehöhen markieren – bei ihm wurden sie zur Routine.
Genau darin liegt das Paradox seiner Wahrnehmung. In einer Liga, die von Geschichten lebt, von Aufstiegen und Abstürzen, von Explosionen und Einbrüchen, war Salah vor allem eines: verlässlich auf Weltklasseniveau. Während bei Manchester City unter Pep Guardiola Titel in Serie gewonnen wurden und Einzelspieler wie Erling Haaland mit Rekorden Schlagzeilen schrieben, blieb Salah konstant – und damit fast unsichtbar im Spektakel. Dabei waren es gerade die Momente, die ihn von anderen unterschieden. Tore wie jenes gegen Watford im Oktober 2021, als er auf engstem Raum mehrere Gegenspieler aussteigen ließ, als liefe das Spiel für ihn in Zeitlupe. Oder der Treffer gegen Everton, ausgezeichnet mit dem Puskás-Award. Salah war ein Spieler, der aus dem Nichts Gefahr erzeugen konnte – nicht durch Lautstärke, sondern durch Präzision und Timing.
Und doch reichte es nie ganz für die ganz große individuelle Krönung. Kein Ballon d’Or, keine dauerhafte Einordnung in die oberste globale Hierarchie, in der Namen wie Cristiano Ronaldo oder Thierry Henry selbstverständlich auftauchen. Vielleicht, weil Salah nie die Inszenierung suchte. Vielleicht, weil er aus keiner klassischen Fußballgroßmacht stammt. Vielleicht aber auch, weil seine Form von Exzellenz zu wenig Schwankung kannte, um als außergewöhnlich wahrgenommen zu werden. Selbst innerhalb der Premier League wird er in historischen Debatten nicht immer automatisch genannt – ein Umstand, der weniger über seine Leistung als über die Mechanismen der Wahrnehmung erzählt.
In Liverpool selbst war sein Status dagegen unantastbar. „Ich hätte mir nie vorstellen können, wie sehr dieser Verein, diese Stadt und diese Menschen Teil meines Lebens werden würden“, sagte Salah zum Abschied. Es ist ein Satz, der mehr ist als eine Floskel. Die Verbindung zwischen Spieler und Stadt war echt – und sie wirkte über den Fußball hinaus. Studien zeigten, dass Salahs Präsenz sogar gesellschaftliche Effekte hatte, etwa einen Rückgang islamfeindlicher Vorfälle in der Region. Gleichzeitig wurde sein öffentliches Leben immer wieder politisch aufgeladen, etwa wenn der praktizierende Muslim Familienfotos vor dem Weihnachtsbaum teilte. Salah war längst mehr als nur ein Fußballer, er war Projektionsfläche, Identifikationsfigur und Symbol zugleich.
Doch auch große Karrieren verlaufen nicht ohne Brüche. In den vergangenen Jahren mehrten sich die Reibungen. Diskussionen über Einsatzzeiten, öffentliche Kritik am neuen Trainer Arne Slot, Vertragsverhandlungen, die sich über Monate zogen. Salah, lange Zeit ein eher zurückhaltender Profi, wurde hörbarer – und angreifbarer. Aussagen wie „Ich hab den Eindruck, dass mich jemand nicht im Verein haben will“ passten nicht zu dem Bild des stillen Stars, das ihn zuvor begleitet hatte. Auch sportlich war die letzte Phase nicht mehr frei von Zweifeln. Die Explosivität ließ nach, die Leichtigkeit früherer Jahre wich phasenweise einer spürbaren Schwere. Und doch blitzte immer wieder jene Qualität auf, die ihn über Jahre ausgezeichnet hatte – in einzelnen Aktionen, in entscheidenden Momenten, in Zahlen, die selbst im vermeintlichen Abfall noch überragend blieben.
Der Abschied zur richtigen Zeit
Vielleicht ist es genau dieser Punkt, an dem sich erklärt, warum sein Abschied nun zur richtigen Zeit kommt. Nicht, weil Salah sportlich keine Rolle mehr spielen könnte, sondern weil sich die Wahrnehmung zu verschieben drohte. Ein weiteres Jahr, eine weitere schwierige Phase – und die Erinnerung hätte Risse bekommen. Stattdessen geht er nun in einem Moment, in dem die Bilanz noch über allem steht. Mit 255 Toren in 435 Spielen gehört er zu den größten Spielern der Clubgeschichte, hinter Ikonen wie Ian Rush und Roger Hunt. In der Premier League liegt er als Flügelspieler auf Rang vier der ewigen Torschützenliste – eine statistische Ausnahmeerscheinung. Viermal gewann er den Goldenen Schuh, gleichauf mit Thierry Henry. Zahlen, die keinen Interpretationsspielraum lassen.
Auffällig ist dabei auch, wie sehr Salahs Wirken an strukturelle Bedingungen geknüpft war – und wie wenig ihm das in der öffentlichen Wahrnehmung zugestanden wurde. Unter Jürgen Klopp war er nie nur Vollstrecker, sondern integraler Bestandteil eines Systems, das auf Dynamik, Tiefe und permanenter Bedrohung basierte. Das Zusammenspiel mit Roberto Firmino und Sadio Mané funktionierte nicht nur, es definierte eine der prägendsten Offensivreihen der vergangenen Dekade. Während Firmino Räume schuf und Mané sie attackierte, war es Salah, der sie in Zahlen übersetzte. Dass gerade er in Diskussionen oft hinter schillernderen Profilen zurücktritt, wirkt deshalb fast widersprüchlich. Denn anders als viele Stars, die für sich funktionieren, funktionierte Salah immer auch für das große Ganze. Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Erklärung: Wer sich so konsequent in den Dienst einer Idee stellt, wird seltener als Einzelphänomen begriffen. Und doch war es genau diese Verbindung aus individueller Klasse und mannschaftlicher Einbindung, die Liverpool über Jahre auf ein Niveau hob, das ohne ihn kaum denkbar gewesen wäre.
Dennoch bleibt am Ende eine Frage offen: Warum fühlt sich diese Karriere nicht noch größer an? Vielleicht, weil sie nie laut war. Vielleicht, weil sie zu gleichmäßig verlief. Vielleicht, weil Salah nie das Bedürfnis hatte, mehr zu sein als ein herausragender Fußballer. Einer, der liefert, ohne sich ständig zu erklären. In Liverpool wird man ihn nicht daran messen. Dort bleibt er, unabhängig von allen Debatten, der „Egyptian King“, eine Figur, die den Club über Jahre getragen hat – sportlich wie symbolisch. Einer, der aus einem guten Team ein großes gemacht hat, der Titel gewann, Tore erzielte, Spiele entschied. Und einer, bei dem man erst im Moment des Abschieds begreift, wie außergewöhnlich diese Selbstverständlichkeit eigentlich war.