Der zwölfte Titel für die Eisbären Berlin beweist: Was in der Hauptrunde passiert, ist nicht so wichtig. Die Meisterfreude wird aber vom Trainer-Abschied getrübt.
Beim Jahresauftakt waren die Eisbären Berlin vom deutschen Meistertitel meilenweit entfernt. So viel hatte sich das Team von Trainer Serge Aubin im ersten Spiel in 2026 vorgenommen, gut aus den Startlöchern wollte man kommen und die fünf Pleiten aus den vorangegangenen sechs Spielen abschütteln. Doch dann das! Mit 2:3 verlor der DEL-Rekordchampion gegen die Löwen Frankfurt. Gegen den Tabellenvorletzten und das auch noch zu Hause. Einer der Zuschauer an jenem 2. Januar war Peter John Lee, der anlässlich seines 70. Geburtstags von den Fans gefeiert wurde. Der ehemalige Spieler, Trainer und Manager des Clubs gilt als „Mister Eisbär“, ohne ihn hätten sich die Berliner sehr wahrscheinlich nicht zur erfolgreichsten Organisation der Deutschen Eishockey Liga entwickelt. Inzwischen sitzt der Kanadier im Aufsichtsrat des Clubs, doch seine Leidenschaft für die Eisbären ist die gleiche.
„Es ging nur mit täglicher Arbeit“
„Ich freue mich noch genauso wie früher, wenn wir gewinnen, und bin nicht happy, wenn wir verlieren“, sagte Lee. Deswegen war er lange in der Saison eher missgelaunt – am Ende konnte er aber jubeln. Wie so oft in der jüngeren Vergangenheit zeigten die Eisbären jene Qualität, die die nationale Konkurrenz schier zum Verzweifeln bringt: Wenn es darauf ankommt, kann das Team immer noch eine Schippe draufpacken und den kompletten Fokus auf die Titelmission legen. Und Lee, der diese Mentalität als einstiger Erfolgsmanager im Club implementiert hatte, wusste es schon im Januar, als so gut wie nichts auf eine erneute Titelehrung hingedeutet hatte. „Jede Saison ist eine neue Reise“, sagte er: „Es gehört auch mal dazu, dass es Schwierigkeiten gibt, und es nicht nur gut läuft.“ Das haben die Eisbären zu seiner Zeit gemacht, und das taten sie auch in diesem Jahr. Das „Play-off-Monster“, wie der Club in der Szene aufgrund der enormen Stärke in der Crunchtime genannt wird, hat wieder zugeschlagen.
Durch ein beeindruckendes 4:1 in der Finalserie gegen die Adler Mannheim holten sich die Eisbären ihren insgesamt zwölften Meistertitel und den dritten in Serie. „Es ging nur mit täglicher Arbeit. Wir haben uns in die Serie reingefressen“, sagte Stürmer Frederik Tiffels. Und Teamkollege Andreas Eder, der im Moment des Triumphs auch an seinen im Vorjahr an Krebs gestorbenen Bruder Tobias Eder erinnerte, meinte: „Wir haben eine brutal geile Truppe.“ Mit der angesprochenen Geschlossenheit und einer gnadenlosen Effektivität zwangen die Eisbären die Mannheimer in die Knie. Die zarte Hoffnung, die die Adler nach dem 4:3 nach Verlängerung in Spiel vier schöpften, war nur von kurzer Dauer. Mit einem 4:1-Sieg in Mannheim machte der DEL-Rekordchampion den Titel perfekt. „Die Eisbären wissen gar nicht, wie man verlieren kann“, sagte NHL-Star Moritz Seider, der sich zur WM-Vorbereitung in Mannheim aufhielt: „Sie sind so abgeklärt, so effizient.“
Den Nimbus der Unbesiegbarkeit verkörpert keiner mehr als Serge Aubin. Der Trainer hat alle seine 15 Play-off-Serien mit Berlin gewonnen – eine Wahnsinns-Bilanz. Für Aubin dürfte der Titel auch eine Genugtuung sein, denn Anfang des Jahres wurde er noch von diversen Medien angezählt. „Hat sich Trainer Serge Aubin nach sieben Eisbären-Jahren abgenutzt, wirken seine Ansprachen nicht mehr?“, schrieb zum Beispiel das Boulevardblatt „BZ“. Die klare Antwort in den Play-offs lautet: Ja! „Für mich ist dieser Titel etwas Besonderes, denn es gab eine lange Zeit Zweifel an uns“, sagte der 51-Jährige: „Wir sind damit gut umgegangen und zur richtigen Zeit aufgestanden.“ Die richtige Zeit ist für Aubin wohl auch in anderer Hinsicht gekommen: Er verlässt die Eisbären. „Wir sind Serge unglaublich dankbar für seine Arbeit in den letzten Jahren. Er ist einer der besten und erfolgreichsten Trainer der Eisbären-Geschichte“, sagte Sportdirektor Stéphane Richer. „Serge erklärte uns, dass er eine neue Herausforderung annehmen möchte.“ Diese wird er beim SC Bern angehen, die dem Kanadier einen Vertrag bis zum Ende der Saison 2028/29 anboten. In der Schweiz hatte der frühere Profi einst selbst gespielt und auch gecoacht, ehe er nach Berlin gekommen war und dort eine Erfolgsära prägte.
Der Aubin-Abgang trifft den Club hart und dämpft die Euphorie. Dabei war die Freude über den Meistertitel auch deswegen so groß, weil nicht viele damit gerechnet hatten. Vor Play-off-Start wurden anderen Teams deutlich größere Titelchancen eingeräumt. Doch auch schon in der Halbfinal-Serie gegen die Kölner Haie hatten die Berliner bewiesen, dass nicht wirklich zählt, was in der Vorrunde war. Denn die hatten die Haie mit Abstand gewonnen, während sich Berlin als Sechster gerade so noch das direkte Viertelfinal-Ticket sichern konnte. Am Ende aber zogen die Eisbären mit 4:2 nach Spielen ins Finale ein und die Kölner waren draußen. Auch im Viertelfinale bezwang der Hauptstadtclub in den Straubing Tigers (3.) ein Team, das in der Hauptrunde klar besser positioniert war.
Serge Aubin geht in die Schweiz
Für Verteidiger Constantin Braun, der mit den Eisbären fünf Meistertitel holte und inzwischen für die Nürnberg Ice Tigers spielt, sei die Effizienz „ein Trumpf, den die Eisbären haben, vor allem in den Play-offs“. Gerade deswegen lautet Brauns Schlussfolgerung: „Die Eisbären darf man nie abschreiben. Die Banner unter dem Hallendach sprechen für sich.“ Der 38-Jährige erinnerte sich an seine letzte Meisterschaft mit dem Club zurück, als die Eisbären in der Vorrunde ebenso mit Ach und Krach Sechster geworden war. „Da erinnert mich vieles an dieses Jahr. Vor allem wissen die Jungs, die drin sind, wie man Titel gewinnt.“
Das trifft ohne Zweifel auf Leo Pföderl zu. Der Angreifer bewies, dass er vor allem in den Play-offs seine Scorer-Qualitäten abrufen kann. Dazu gehört auch Kai Wissmann. Der Kapitän räumte als Abwehrspieler auf dem Eis kompromisslos ab und führte das Team mit seiner natürlichen Autorität an. Den vierten Sieg gegen Mannheim konnte er auf dem Eis aber nicht aktiv miterleben, er war nach einem Check gegen den Kopf in Spiel drei gesperrt. Ein großes Problem war das aber nicht, im dritten Spiel sprang beispielsweise Eric Mik in die Bresche. Der 26-Jährige sorgte mit drei Toren maßgeblich für den Sieg – es war der erste Dreierpack eines Verteidigers in der DEL-Final-Geschichte. „Wahnsinn, wir gönnen es ihm, es war geil anzuschauen“, sagte Tiffels.
Der Kern des Meisterteams wird zusammenbleiben. Die Nationalspieler Wissmann, Jonas Müller, Pföderl und Tiffels sind vertraglich langfristig an den Club gebunden. „Wir sind ja mit Sicherheit nicht die allergrößten Superstars hier, um die herum alles gebaut wird. Aber die Eisbären sind immer gut damit gefahren, einen sehr starken deutschen Stamm zu haben“, sagte Tiffels: „Jetzt können sie darauf bauen, dass wir alle erst mal hierbleiben – und hoffentlich Teil weiterer Erfolge werden.“ Er selbst sei „definitiv noch lange nicht satt“, versicherte der Außenstürmer: „Ich werde nach meiner Vertragsverlängerung mit Sicherheit nicht ruhiger oder lockerer.“
Doch es wird auch Veränderungen im Kader geben. Der 34-jährige Marcel Noebels verlässt nach zwölf Jahren den Club, sein Ziel ist vermutlich Köln. Außerdem muss sich der Club nach den in Medien bereits vermeldeten Wechseln der Torhüter Jonas Stettmer (Ingolstadt) und Jake Hildebrand (Mannheim) ein neues Goalie-Duo finden. Spekulationen zufolge steht der kanadische Torhüter Olivier Rodrigue (25) als ein Torwart für die kommenden Saison bereits fest.