Die demografische Entwicklung in Deutschland sei keineswegs eine Gefahr für die Rente, räumt Journalist und Volkswirt Andreas Hoffmann in seinem Buch „Die erfundene Bedrohung“ mit Mythen zum anstehenden Untergang des Rentensystems auf.
Herr Hoffmann, ist Ihre Analyse, dass wir bei der Finanzierung der Rente in den kommenden Jahren kein demografisches Problem haben, nicht ein bisschen sehr gewagt?
Keineswegs. Ich denke nicht, dass wir keinerlei Probleme haben. Ich glaube nur, dass sie viel kleiner sind, als behauptet wird. Viele Menschen machen sich nicht klar, wie gut die Rente in den letzten Jahrzehnten funktioniert hat. Die Kosten haben wir in den Griff bekommen, obwohl wir mehr Rentner haben, die länger leben. Der Rentenbeitrag ist seit 1999 von 20,3 Prozent auf 18,6 Prozent aktuell gesunken, und das, obwohl es drei Millionen Rentner zusätzlich gibt, die im Schnitt fünf Jahre länger Rente erhalten. Das heißt, mehr Rentner, die länger leben, doch Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen weniger Rentenbeitrag als vor 25 Jahren. Das ist ein großer Erfolg.
Sie haben für Ihr Buch aber nicht nur die Zahlen eines Vierteljahrhunderts aufgearbeitet, sondern von gut 100 Jahren ...
Ich habe für das Buch viele Zahlen aus anerkannten Quellen ausgewertet und dafür zwei Jahre am Schreibtisch gesessen. Es zeigte sich: Wir diskutieren seit fast einhundert Jahren die gleichen Themen; die Rente ist angeblich kaputt, die Bevölkerung soll schrumpfen, und die Katastrophe steht dauernd vor der Tür. Doch dann wird die Katastrophe regelmäßig abgesagt.
Also bereits seit der Weimarer Republik in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts?
Ja, die Nazis haben darüber in den 30er-Jahren sogar Kongresse abgehalten, mit der Aussage, die Rente funktioniere nicht mehr, es gebe zu viele Alte und zu wenig Junge in Deutschland. Und so ging es weiter, in den 50ern, 60ern, 70ern, immer und immer wieder. Und die Rente funktioniert bis heute sehr gut. Kaum jemand redet davon, dass sie die deutsche Einheit gut bewältigt hat. Wer heute im Osten lebt, bekommt eine ordentliche Rente, viel höher als zu DDR-Zeiten. Dabei waren viele Menschen nach dem Mauerfall arbeitslos und haben so Brüche in ihrem Arbeitsleben.
Ist das damit eine absichtliche Fehldeutung von erhobenen Statistik-Zahlen?
Das Problem sind die gefühlten Wahrheiten. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman zeigte, dass die Menschen nicht an Fakten glauben, sondern an Vertrautes, das sie oft gehört haben. So ist es auch in der Rente. Einzelne Behauptungen werden so oft wiederholt, dass sie als gefühlte Wahrheiten gelten, egal ob sie stimmen oder nicht. Dass die Rente seit Jahrzehnten kaputt geredet wird und trotzdem lebt, habe ich bereits erwähnt. Viele Experten sagen etwa, dass wir immer weniger Beitragszahler und immer mehr Rentner haben. Das ist schlicht falsch! Wir haben heute mehr Beitragszahler als noch vor 25 Jahren, nämlich ungefähr sieben Millionen, die Zahl der Rentner ist im gleichen Zeitraum nur um drei Millionen angestiegen.
Also sind die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung eine politische Machtoption, ein Machtmittel?
Die Geschichte von der alternden Gesellschaft ist jedenfalls ein gutes Instrument, um dem Bürger Zumutungen zu verkaufen. Dann heißt es: Durch den demografischen Wandel können wir uns nicht mehr so viel leisten, der Einzelne muss selbst mehr zahlen. Den Frauen wird eine Mitschuld eingeredet, weil sie angeblich zu selbstbestimmt gelebt und zu wenig Kinder bekommen haben. Banken und Versicherer machen den Menschen Angst, dass sie im Alter unter Brücken schlafen werden, und wollen so ihre Versicherungen und Fonds verkaufen. Diese Botschaften sind schon sehr wirksam.
Aber eine Wahrheit ist doch, in den kommenden sechs Jahren werden mehr als 13 Millionen Arbeitnehmer rentenberechtigt sein, das ist doch schon eine Herausforderung?
Da sind wir wieder bei den Zahlen. Laut dem Statistischen Bundesamt werden in den nächsten 15 Jahren etwa 13,5 Millionen Leute den Arbeitsmarkt verlassen. Das ist sicher nicht einfach, aber durchaus zu bewältigen. Denn es wachsen auch Menschen in den Arbeitsmarkt nach, dann kommen ausländische Arbeitskräfte ins Land, und andere sterben. Entscheidend ist der Saldo. Und dieser liegt nach verschiedenen Schätzungen zwischen 180.000 und 300.000 Leuten, die jedes Jahr fehlen könnten. Das ist etwa die Größenordnung der Stadt Augsburg. Nun haben wir aber bis 2040 zwischen 46 und 48 Millionen Erwerbsfähige. Das heißt, einer von 100 Erwerbsfähigen muss aus demografischen Gründen in den kommenden Jahren ersetzt werden. Das halte ich für machbar.
Doch allein in diesem Jahr gehen fast 130 Milliarden des Bundeshaushalts als Zuschuss in die Rente, ist das nicht ein Alarmsignal?
Da haben Sie recht. Der Steuerzuschuss im Bundeshaushalt ist gestiegen, auf knapp 130 Milliarden Euro. Das ist etwa ein Viertel des Etats. Aber ist das wirklich ungewöhnlich? Wir leben in einer Gesellschaft, wo alles wächst. Löhne, Preise, Einkommen. Wachsen ist der Kern unserer Wirtschaft, und daher ist es normal, dass auch der Bundeszuschuss wächst. Die Frage ist, ob er übermäßig gestiegen ist, und das ist nicht der Fall. Der Finanzminister hat vor 25 Jahren ein Viertel seines Etats an die Rentenkasse überwiesen und macht dies auch heute. Es gibt somit keine zusätzliche Belastung, relativ betrachtet, und das, obwohl wir heute Millionen mehr Rentner haben, die länger leben.
Also Freispruch für die Baby-Boomer, über die ja gerne erzählt wird, sie, also auch wir beide, seien schuld am Niedergang der Rentenversicherung?
Unsere Rentenversicherung feiert in drei Jahren ihr 140-jähriges Bestehen. Sie hat zwei Weltkriege, diverse Krisen überstanden und lebt immer noch. Und zwar nicht schlecht. Die Beiträge sind gesunken, die Renten gestiegen, anders als bei den Privatversicherungen. Dass der Wechsel der Boomer in den Ruhestand das System taumeln lässt, halte ich für übertrieben. Wir nutzen viele Reserven nicht. Wir haben zum Beispiel 2,9 Millionen junge Leute zwischen 18 und 32 Jahren, die keine vernünftige Ausbildung haben. Wir haben Hunderttausende Migranten, die gerne arbeiten würden, wenn wir ihnen nicht Hürden in den Weg legen würden. Nein, die alternde Gesellschaft heißt nicht automatisch Niedergang. Sie lässt sich gestalten, wenn wir es denn wollen und uns nicht dauernd selbst erschrecken.