Während die Fußball-WM langsam in ihre entscheidende Phase kommt, beginnt ein anderes Sport-Highlight. Bei der Tour de France gibt es einen Gejagten, den es für die anderen zu stoppen gilt. Aber wie?
Die diesjährige Tour de France wartet mit einer Schnapszahl auf: 3.333 Kilometer müssen die Radfahrer diesmal überwinden. Der Grand Départ findet bei der 113. Ausgabe am 4. Juli in Barcelona statt – und zwar mit einer Besonderheit: Erstmals seit 55 Jahren startet die „Große Schleife“ wieder mit einem Mannschaftszeitfahren. FORUM beantwortet die wichtigsten Fragen zum Sport-Highlight.
Triumphiert Tadej Pogacar zum fünften Mal?
Ja – das meinen fast alle Experten, und auch die Wettbüros sind sich einig. Dort beträgt die Siegquote für den slowenischen Dominator nur rund 1,25. Das bedeutet: Wer 10 Euro auf Pogacar als Gesamtsieger setzt, erhält lediglich 12,50 Euro zurück. Es wäre schon eine große Überraschung, sollte der 27-Jährige nicht mit seinem insgesamt fünften Tour-Gesamtsieg zu den Rekordgewinnern Eddy Merckx (Belgien), Jacques Anquetil, Bernard Hinault (beide Frankreich) und Miguel Indurain (Spanien) aufschließen. Seine Saison bislang war zu perfekt, er zeigte kaum eine Schwäche. An nur 16 Renntagen holte er 13 Siege –
wer soll ihn in dieser Ausnahmeform stoppen? Bei der Tour-Generalprobe lautete die Antwort darauf: niemand.
Pogacar dominierte die Tour de Suisse nach Belieben, er holte einen riesengroßen Vorsprung heraus und sendete mit seiner nahezu spielerischen Leichtigkeit an seine Konkurrenten eine klare Botschaft: Ich bin bereit für die nächste Sternstunde. Dass er in diesem Jahr auf einen Start beim Giro d’Italia verzichtete, macht es für die Rivalen noch komplizierter. Denn diesmal liegt der komplette Fokus von Pogacar und dessen UAE-Team auf der Frankreich-Rundfahrt. Der Dominator weiß, dass er der Gejagte sein wird und dass sich seine Konkurrenten womöglich auch zusammentun, um ihn aufzuhalten. Umso gewissenhafter bereitete er sich auf den Höhepunkt vor, laut Berichten aus dem Umfeld absolvierte Pogacar intensive Höhentrainingslager in Spanien. Auch soll er nochmals sein Gewicht reduziert und seine Werte in den Bergen verbessert haben.
Emotional mitgenommen hat ihn zuletzt der schwere Sturz seiner Freundin Urska Zigart, die ebenfalls Profi-Radfahrerin ist. Sie kam bei der Tour de Suisse Femmes zu Fall und brach sich den Kiefer, sie musste auch ins Krankenhaus gebracht werden. „Ich bin glücklich mit dem Etappensieg und dem Gesamtsieg, aber ich bin auch glücklich, dass ich jetzt nach Hause zu Urska gehen kann“, sagte Pogacar unmittelbar nach dem Ende der Tour de Suisse. Der Lebensgefährtin geht es aber schon wieder besser, eine emotionale Bürde sollte der Sturz für den Topfavoriten nicht sein.
Kann Jonas Vingegaard noch mal Gelb holen?
Der Däne weiß, wie es sich anfühlt, im Ziel in Paris das Gelbe Trikot zu tragen. 2022 und 2023 gewann er die Gesamtwertung, doch in den vergangenen zwei Jahren musste er sich jeweils mit dem zweiten Platz zufriedengeben. Beim Giro im Mai stand er wieder mal ganz oben auf dem Podest – allerdings war sein großer Widersacher Pogacar nicht am Start. Der Slowene ist Vingegaards größtes Problem: Ohne ihn wäre er vermutlich der aktuelle Superstar seines Sports. „Tadej ist vielleicht der Beste aller Zeiten“, meinte Vingegaard: „Aber ich habe ihn bereits geschlagen, und ich bin überzeugt, dass ich es wieder schaffen kann.“ Um Pogacar etwas mehr herauszufordern als zuletzt, hat er sein Programm und auch sein Training etwas umgestellt. „Seit mehreren Jahren war mein Rennprogramm sehr ähnlich. Ich hatte das Bedürfnis nach einer Veränderung“, sagte der 29-Jährige.
Ob all das Früchte trägt und seine Beine in den Bergen gut genug für den Angriff aufs Gelbe Trikot sind, wird sich zeigen. „Man muss am Ende an seinem absoluten Maximum sein. Ich hatte meine besten Tage oft in der dritten Woche. Also hoffe ich, dass dies wieder der Fall sein wird“, sagte der Kapitän von Visma-Lease a Bike. Dafür muss er aber fit und gesund sein. Der schwere Sturz bei der Baskenland-Rundfahrt 2024 hinterließ Spuren – körperlich und mental. „Es hat Zeit gebraucht, zwei Jahre“, sagte er. Sollte Vingegaard wirklich komplett erholt und wieder in der Form der Jahre 2022 und 2023 bei der Tour aufschlagen, könnte er eine Chance auf den Sieg haben.
Warum tritt Red Bull mit einer Doppelspitze an?
Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen hat das deutsche Team in Florian Lipowitz (25) und Remco Evenepoel (26) gleich zwei Top-Klassementfahrer in seinen Reihen. Und zum anderen dürfte es die größte Chance darstellen, um Pogacar zu stoppen. „Ich bin überzeugt, dass das sehr gut funktioniert“, sagte Teamchef Ralph Denk: „Nach wie vor ist Remco schon der Frontmann und Florian so ein bisschen der Wingman.“ Der Belgier Evenepoel steht als Doppel-Olympiasieger also noch etwas mehr im Rampenlicht, was Lipowitz aber durchaus entgegenkommen könnte. Auf den Tour-Dritten des Vorjahres lastet so nicht der gesamte Druck. „Ich habe mich im Vergleich zum letzten Jahr verbessert“, sagte Lipowitz, dessen Tour-Vorbereitung komplett aufzugehen scheint: „Von Rennen zu Rennen fühle ich mich besser.“ Bei der Katalonien-Rundfahrt im Frühjahr war sich der für viel Geld verpflichtete Evenepoel nicht zu fein, Lipowitz Helferdienste zu leisten. „Man hat ganz neue Seiten gesehen von Remco in dem Fall als Edelhelfer für Florian“, meinte Denk.
Dass die beiden Topfahrer bei der diesjährigen Tour den Titelverteidiger Pogacar mit Doppelangriffen quasi zermürben und so vom Thron stoßen können, daran mag Ex-Profi Rolf Aldag aber nicht so recht glauben. „Das wäre der Idealfall und eine Traumvorstellung. Ob sie realistisch ist? Da habe ich so meine Zweifel, dass Remco am Berg so attackieren kann“, sagte der 57-Jährige: „Man kann das Szenario einmal spielen, aber ich denke, die Gegner sind zu stark und können parieren.“ Für den früheren Sportlichen Leiter bei Red Bull ist klar, dass Lipowitz im Laufe des Wettbewerbs die Kapitänsrolle übernimmt. Denn wenn es ganz steil bergauf geht, habe der leichtere Lipowitz körperlich die besseren Voraussetzungen als sein belgischer Teamkollege. Dann sei es „nicht mehr entscheidend, was du willst, und ob du ein Leader bist, sondern was du kannst“, meinte Aldag, „und Florian ist der bessere Rennfahrer, wenn es lange berghoch geht“.
Sollte sich Pogacar bis zum vorletzten Tag auf der zweiten Alpe-d’Huez-Etappe einen beruhigenden Vorsprung herausgearbeitet haben, dürfte sich an dessen Sieg wohl auch nichts mehr ändern. Sollten die Abstände aber klein sein, erwartet nicht nur Ex-Profi Jens Voigt an diesem Tag ein Radsport-Spektakel – mit Lipowitz und Evenepoel in Hauptrollen. „Dann kann es noch zu einem Generalangriff kommen und die Etappe könnte schon am Col de la Croix de Fer eskalieren, und es gibt keine Kontrolle mehr“, sagte Voigt. Zumal sich dem Red-Bull-Duo auch Vingegaard anschließen könnte.
Was ist von Jungstar Paul Seixas zu erwarten?
Viel – wenn auch noch nicht der Gesamtsieg. Der 19 Jahre alte Franzose wird bei seiner Tour-Premiere mit Sicherheit auch Lehrgeld zahlen müssen, doch die Hoffnungen seiner Landsleute auf künftige Titel sind riesig. Denn auch sein Talent ist riesig. „Dass jemand auf dem Niveau so gut und konstant ist, kann kein Zufall sein“, sagte Frankreichs Rad-Idol Bernard Hinault (71): „Er hat etwas an sich, das Optimismus für die Zukunft weckt. Hut ab, wirklich Hut ab.“ Frankreich wartet seit 1985 auf einen Tour-Gesamtsieg durch einen Franzosen – ist Seixas der „Auserwählte“?
Zumindest hat er das komplette Paket: Er klettert sehr gut in den Bergen, ist ein starker Zeitfahrer und beherrscht auch die Abfahrten perfekt. Ähnlich wie bei Pogacar sieht bei dem jungen Franzosen alles sehr leicht aus, fast so, als müsse er sich nie wirklich komplett verausgaben. Dass Seixas keine Scheu hat, sich auch Pogacar zu stellen, zeigte er beim Monument Lüttich–Bastogne–Lüttich. Dort konnte er als einziger Fahrer bis zum letzten Anstieg jeden Angriff des Superstars mitgehen und wurde am Ende Zweiter. Sein Sieg Ende April beim anspruchsvollen Ardennen-Klassiker Flèche Wallonne sorgte in der Szene auch für Aufsehen.
Wie ist das Streckenprofil?
Nach dem Mannschaftszeitfahren beim Grand Départ in Barcelona gibt es noch ein zweites Rennen gegen die Uhr: Auf der 16. Etappe steht ein 26 Kilometer langes Einzelzeitfahren zwischen Évian-les-Bains und Thonon-les-Bains auf dem Plan. Doch wie eigentlich fast immer dürfte die Tour in den Bergen entschieden werden. Diesmal geht es zuerst in die Pyrenäen, dann das Zentralmassiv, die Vogesen sowie den Jura und dann in die Alpen. Von insgesamt 21 Etappen sind acht Bergetappen, wobei fünf von ihnen auch in der Höhe enden: in Gavarnie-Gèdre, am Plateau de Solaison, in Orcières–Merlette und gleich zweimal in Alpe d’Huez. Dass der Radsport-Mythos gleich doppelt befahren wird (19. und 20. Etappe), gab es erst einmal im Jahr 1979. Für Ex-Profi Voigt ist vor allem der zweite Anstieg eine „Angst-Etappe für jeden“. Der heutige Eurosport-Experte meint: „Für die Helfer ist dieses Programm mit vier schwersten Anstiegen der Todesstoß, für die Berg- und Klassementfahrer geht es noch um etwas.“
Das sogenannte „Dach der Tour“ ist in diesem Jahr aber der Col du Galibier mit einer Höhe von 2.642 Metern. Insgesamt müssen die Fahrer 54.450 Höhenmeter überwinden. „Um ehrlich zu sein, hätte ich es mir ein bisschen früher ein bisschen schwerer gewünscht“, sagte Vingegaard. Noch schärfer kritisierte Ex-Profi Thijs Zonneveld das Streckenprofil 2026. „Selbst die Königsetappen wirken wie verpasste Gelegenheiten“, sagte er. Die 18. Etappe von Orcières nach Merlette zum Beispiel sei „eine Schande“, wetterte Zonneveld: „Sie nennen es Bergetappe, aber es ist mehr die Lightversion eines Tages mit einem Anstieg.“