Mit einem Schweizer auf dem Trainerposten hat der 1. FC Union Berlin sehr gute Erfahrungen gemacht. Ist genau das das Problem von Mauro Lustrinelli? Er will bei den Eisernen seine eigene Geschichte schreiben.
Dass Meistertrainer Mauro Lustrinelli in der Fußball-Bundesliga beim 1. FC Union Berlin eine neue Herausforderung suchte, verstand nicht jeder in der Schweiz. „Damit täte sich Mauro Lustrinelli keinen Gefallen“, stand in einem Kommentar der „Berner Zeitung“ vor der offiziellen Verpflichtung. Und der Autor erklärte auch detailliert, warum er diese Meinung vertritt. Lustrinelli würde in Berlin-Köpenick von Tag eins an mit seinem Landsmann Urs Fischer verglichen werden, zumal er unter ihm einst als Assistenz beim FC Thun gearbeitet habe. Und Fischer sei bei den Eisernen nun mal „ähnlich wie Jürgen Klopp in Dortmund und Xabi Alonso in Leverkusen: der Trainer, an dem sich seine Nachfolger messen lassen müssen“, hieß es in dem Kommentar. Faktisch könne er „nur scheitern“. Außerdem könne Lustrinelli mit dem „vergleichsweise bescheidenen Kader“ von Union seine Philosophie nicht umsetzen.
Bewusste Entscheidung
Lustrinelli dürfte sich über all das viele Gedanken gemacht haben, bevor er den Vertrag beim Tabellen-Elften der abgelaufenen Saison unterschrieb. Der 50-Jährige dürfte auch andere Angebote gehabt haben, denn der sensationelle Meistertitel in der Schweiz mit Aufsteiger Thun war eine glänzende Bewerbung. Und trotz der Bedenken anderer Leute entschied sich Lustrinelli bewusst für Union – und erklärte das mit seinen Emotionen. „Die größten Entscheidungen in meinem Leben habe ich immer mit meinem Herz getroffen“, sagte er: „Für mich war schnell klar, dass ich gute Menschen getroffen habe, und dass ich gerne mit solchen Menschen arbeiten würde. Und die ganze Geschichte von Union hat mich unglaublich fasziniert.“ Ein gutes Gefühl habe er vor allem nach den Gesprächen mit Club-Präsident Dirk Zingler und Sport-Geschäftsführer Horst Heldt gehabt. In den ersten drei Stunden sei das Gespräch gar nicht über Fußball gegangen, „sondern über das Leben und über Menschen“, verriet der Schweizer: „Es geht darum, zu schauen, ob wir die gleichen Werte haben.“ Und das scheint der Fall zu sein.
Zingler und Heldt wollten ihn unbedingt als Nachfolger von Interimstrainerin Marie-Louise Eta verpflichten, die Union zum endgültigen Klassenerhalt geführt hatte und in der kommenden Saison die Frauen-Bundesligamannschaft übernimmt. „Wir sind überzeugt, dafür den richtigen Trainer gewonnen zu haben, und freuen uns auf die Zusammenarbeit“, sagte Heldt. Die Anforderungen an den neuen Coach sind klar: Er soll nicht nur für den Ligaverbleib sorgen, sondern die in der Vorsaison größtenteils verunsichert wirkende Mannschaft weiterentwickeln. Auch, damit sich die Marktwerte der einzelnen Spieler erhöhen und der Club wieder Millionen-Einnahmen verbuchen kann – denn in dieser Hinsicht hat Union deutlich Nachholbedarf. Doch Lustrinelli sei kein Individualtrainer, sondern einer, der eine Gruppe führen und begeistern könne, betonte Heldt. Der Titel in der Schweiz beweise zudem seine fachliche Qualität, und der Fußball, den der FC Thun gespielt habe, sei genau das, was auch den Vorstellungen des 1. FC Union entspreche. „Wir wollen aktiver spielen, verstärkt junge Spieler integrieren und gemeinsam erfolgreich sein“, sagte der Sport-Geschäftsführer.
Dem FC Thun verordnete Lustrinelli einen sehr aktiven Spielstil, der durch hohe Intensität, Energie und frühes Pressing geprägt ist. Dass das Meisterteam in der Schweizer Super League die meisten Zweikämpfe bestritt und auch gewann, war kein Zufall. Union agierte in der Spielzeit 2025/26 aber oft zögerlich, auch die jahrelang gefürchtete Zweikampfhärte ging dem Team um Kapitän Christopher Trimmel mitunter ab. Erst in den letzten zwei Saisonspielen spielte das Team mutiger – und auch erfolgreicher. „Die letzten Spiele von Union haben viel von meiner Idee gehabt“, sagte Lustrinelli: „Die Mannschaft hat dynamischer gespielt. Ich möchte offensiv, dynamisch, nach vorne, mit Energie und mit Leidenschaft spielen.“ Dass er dafür als neuer Coach zunächst die Köpfe der Spieler erreichen muss, ist ihm klar. „Für mich ist es wichtig, eine Beziehung zu den Spielern zu kreieren. Nur wenn ich eine gute Beziehung kreiere, kann ich ihnen auch helfen.“
„Wichtig, ich selbst zu sein“
Der zweifache Familienvater gilt als Spieler-Versteher, der aber nichts schleifen lässt. „Als Trainer verlange ich viel. Ich verlange auch viel von mir selbst“, sagte er. Er verlange „nur das Beste“ und dass alle im Team „jeden Tag diese Winner-Mentalität haben“. Jeder müsse in jedem Moment besser werden wollen – diese intrinsische Motivation setzt er bei den Spielern, aber auch im Staff voraus. Wer diese nicht mitbringt oder sie sich zumindest nicht aneignen kann, dürfte ein Problem mit dem Coach bekommen. Er selbst will die Prinzipien vorleben und „die Spieler inspirieren“. Dabei dürfte er authentisch rüberkommen. Denn Lustrinelli hat sich in seiner „komischen Karriere“, wie er sie selbst nennt, auch alles mit dem richtigen Mindset und harter Arbeit erkämpft. Nichts fiel ihm in den Schoß. „Während andere den Lift nach oben nehmen, habe ich die Treppe genommen“, sagte er über seinen Karriereweg: „Aber dann sieht man mehr.“ Der frühere Stürmer wurde erst mit 23 Jahren Profi, sechs Jahre später debütierte er in der Nationalmannschaft seines Heimatlandes. Als Trainer war für ihn zunächst auch die Co-Trainer-Rolle vorgesehen, ehe er in Thun als Chef übernahm.
„Für mich ist es wichtig, ich selbst zu sein und meinen Weg zu finden“, sagte Lustrinelli. Das wird bei Union schwierig werden, denn natürlich werden automatisch Vergleiche mit Fischer aufkommen – vor allem, wenn es mal nicht läuft. Deswegen verspüre er aber keinen Druck, den könne man sich „nur selbst machen“, meinte Lustrinelli. „Für mich ist es wichtig, diese Reise zu genießen und das als Challenge zu sehen. Und nicht zu viel mit dem Vergleich arbeiten.“ Der Respekt vor dem, was Fischer als Architekt des Aufstiegs 2019 und der anschließenden Jahre in der Bundesliga bei Union geschaffen hat, ist bei ihm aber riesengroß. „Urs hat bei Union eine fantastische Reise gemacht“, sagte Lustrinelli, der aber auch betonte: „Jetzt haben wir eine ganz neue Situation.“
Wie Lustrinellis Reise in Köpenick verläuft, hängt aber nicht nur an seiner Arbeit. Auch die Sommer-Transferperiode spielt dabei eine wichtige Rolle, und mit Heldt und dem Scoutingteam hat sich der neue Trainer diesbezüglich bereits intensiv ausgetauscht. „Natürlich habe ich Ideen, ich habe schon ein paar Spieler gesehen“, sagte er. Namen nannte er natürlich keine, man wolle alles „in aller Ruhe besprechen und analysieren“. Das alles passiert parallel zu seinem Urlaub, ehe es am 28. Juni dann mit dem Trainingsauftakt losgeht. Lustrinelli hat aber schon ein ganz anderes Ereignis im Hinterkopf, auf das er schon jetzt und ab Vorbereitungsstart dann noch stärker hinfiebert: „Ich freue mich, das erste Mal in die Alte Försterei zu kommen und das ganze Stadion voll zu sehen. Darauf freue ich mich am meisten.“ Die Kommentare in der Schweizer Heimat dürften ihm spätestens dann herzlich egal sein.