Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer traf Indira Gandhi, Michail Gorbatschow sowie Diktatoren und finanzierte verschiedene Hilfsprojekte weltweit. In seinem neuen Buch kritisiert der 84-jährige Politiker die „Doppelmoral des Westens“.
Er traf Indira Gandhi und Michail Gorbatschow, aber auch Diktatoren wie Chiles Pinochet und Syriens Assad. Er war Vize-Chef im Medienkonzern Burda und 18 Jahre CDU-Bundestagsabgeordneter. Als er seinen Chef Helmut Kohl kritisierte, war seine CDU-Karriere praktisch beendet. Doch der Mann schwamm weiter gegen den Strom und behielt Rückgrat: Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer darf man getrost als Ausnahmepolitiker bezeichnen. Oft sprach er unbequeme Wahrheiten aus, was vielen nicht in den Kram passte. Doch Todenhöfer macht immer weiter, auch im 85. Lebensjahr!
Noch mit 79 Jahren bestieg das Unikum Südtirols höchsten Gipfel, den Ortler (3905 Meter). Mit seiner Partei „Team Todenhöfer“ scheiterte er bei der vorletzten Bundestagswahl dagegen krachend – wohl auch, weil er mitten im Wahlkampf wegen der Machtergreifung der Taliban nach Afghanistan reiste, um Kindern in einem seiner Waisenhäuser beizustehen. Zugleich half er Afghanen, die den deutschen Truppen bei deren Mission vor Ort halfen und nun von den Taliban bedroht werden, das Land zu verlassen. Die Bundesrepublik Deutschland hatte das nach Darstellung Todenhöfers in mehreren Fällen nicht für nötig gehalten.
„Terrorismus weltweit wird gestärkt“
Jetzt legt der Mann, der in Krisengebieten mit eigenem Geld Krankenhäuser, Schulen und Waisenhäuser bauen ließ, seine beeindruckende Biografie vor: „Und folgt dir keiner, geh allein” erschien bei Bertelsmann. Darin hadert der Münchener unter anderem mit der Doppelmoral des Westens, der einige Diktaturen hofiert, gegen andere aber Kriege führt.
Ein Vorwurf: „Viele unserer Politiker, die über Kriege beziehungsweise Waffenlieferungen entscheiden, kennen die Lage vor Ort nicht. Sie haben noch nie einen Krieg erlebt”, sagt Todenhöfer im Interview. Oft fehle es an Geschichtswissen und – so merkwürdig es klingen mag – an politischer Bildung, um Situationen korrekt beurteilen zu können. „Als ich vor Ort Kinder sterben sah, als ich sah, wie Zivilisten durch unsere Waffen verstümmelt wurden, machte das was mit mir. Irgendwann beginnt man, alles zu unternehmen, um mitzuhelfen, militärische Konflikte zu verhindern oder zu beenden. Dieses Ziel sehe ich bei unseren jetzigen Politikern leider nicht. Das sind Sofastrategen.“
Jürgen Todenhöfer, der Putins verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine genauso so verabscheut wie seiner Ansicht nach völkerrechtswidrige Angriffe der USA und des Westens in Syrien, Afghanistan und im Irak, findet: „Mit der Zerstörung syrischer und irakischer Städte wird der weltweite Terrorismus nicht geschwächt, sondern gestärkt. Das waren Terror-Zuchtprogramme.“
Das sagt ein Mann, der als Kind miterleben musste, wie seine Heimatstadt Hanau in 17 Minuten in Schutt und Asche bombardiert wurde. „Für mich folgte daraus: ‚Nie wieder Krieg‘. Es ist unsere verdammte Pflicht, alles zu tun, damit auch unsere Kinder und Enkel noch in Frieden leben können.”
Und Jürgen Todenhöfer tut anscheinend eine ganze Menge: einerseits mit seinen Büchern, allesamt Bestseller („Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“), andererseits mit weltweiten Hilfsprojekten, von ihm selbst aus seinen Buchhonoraren finanziert. In Bangladesh ließ er ein mobiles Krankenhaus, in Gaza Fußballplätze errichten. In Afghanistan baute er zwei Waisenhäuser sowie Sportstätten. In Israel finanziert er eigenen Angaben nach Versöhnungsprojekte zwischen Juden und Muslimen, um nur einige Projekte zu nennen.
Dem promovierten Staatsrechtler Privates zu entlocken, ist nicht so leicht. Er springt von einem Krisenherd zum nächsten, von einem Polit-Treff mit Rebellen und Präsidenten zum anderen. Nur so viel: Seit rund 30 Jahren lebt der gebürtige Offenburger in München, hat aber auch eine „Berghütte“ in Südtirol. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Kinder.
Todenhöfer ist zwar in der ganzen Welt unterwegs, doch auch im Osten Deutschlands kenne er sich ein wenig aus. Einige Ecken Berlins kenne er sogar wie seine Westentasche, sagt er auf Nachfrage. „Vor der Wende tagte der Bundestag regelmäßig auch im Reichstag, damals in Westberlin. In dieser Zeit lernte ich den Westteil der Stadt gut kennen. Ich habe dort viele Freunde und Vertraute. Berlin ist ein Teil von mir.” Seine erstaunliche Fitness habe er wohl den Genen zu verdanken, obwohl er fast täglich auch ein paar Gewichte stemme und an der Isar spaziere, sagt Todenhöfer und lächelt. Sein Vater wurde 97 und ihm selbst bescheinigten Ärzte, er habe das Zeug, noch älter zu werden.
Auf seine prominenten Gesprächspartner angesprochen, will Jürgen Todenhöfer keinen besonders hervorheben. „Fast immer war ich überrascht, was man in persönlichen Gesprächen – auch mit Rebellen und Diktatoren – erreichen kann“, sagt der Autor.
„Wir müssen uns wehren“
Sein Antrieb, trotz vieler Anfeindungen stets weiterzumachen? „Ich vertrete in Friedens- und Rassismusfragen bewusst die Haltung der UN und unseres Grundgesetzes. Ich werde nie aufhören, das zu tun. Das ist kein Privatvergnügen, sondern unsere Pflicht. Obwohl führende deutsche Politiker sich immer weiter vom Geist des Grundgesetzes entfernen. Im Grundgesetz steht nicht, dass wir ‚kriegstüchtig‘ werden sollen, sondern dass wir ‚dem Frieden der Welt zu dienen‘ haben. Das Grundgesetz garantiert ferner Meinungsfreiheit. Stattdessen erleben wir, dass es in Deutschland etwa in Fragen von Krieg und Frieden oder in Fragen des Rassismus immer schwerer wird, seine Meinung frei zu äußern“, so Todenhöfers Kritik.
„Dagegen müssen wir uns wehren. Sonst geht unsere Demokratie kaputt. Vielleicht wird ja einer meiner Leser später einmal führender Politiker oder sogar Kanzler und versucht, wie ich, die Irrwege unserer Zeit zu korrigieren“, das ist die Hoffnung des Münchners.
Zum Schluss kommt das Gespräch noch mal auf Helmut Kohl: „Kanzler der Einheit? Von wegen“, seufzt der Autor. Der damalige Kanzler musste „zum Jagen getragen werden“, erinnert sich Todenhöfer. Vielmehr habe Kohl, ähnlich wie Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand und die britische Premierministerin Margaret Thatcher, eine Lösung mit zwei deutschen Staaten bevorzugt. Todenhöfers Erfahrungen im direkten Umfeld des Kanzlers stehen im Buch.
Die Philosophie des Mannes, der in 60 Jahren 15 Kriege vor Ort erlebte: „Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst! Und lebe jeden Tag wie ein ganzes Leben!“