In „Pillion“ lässt sich der schüchterne Colin auf eine masochistische Beziehung mit seinem Traummann ein. Er genießt Strenge, Erniedrigung und Demut, bis das Verhältnis eine Wende nimmt.
Zwischen zwei Menschen sind die Seiten meist geregelt – oft, ohne sie auszusprechen. Jeder oder jede hat Aufgaben, Stärken, Schwächen, in der Öffentlichkeit sowie privat. Alltag für beide Seiten. In manchen Beziehungen jedoch werden diese Verhaltenskodexe streng gehandhabt und unterliegen festen Gesetzen, weil Dominanz und Unterwerfung zu den sexuellen Vorlieben gehören. Der erfolgreiche Film „Fifty Shades of Grey“ hat das Interesse an diesen Verhältnissen boomen lassen, wurde aber stark kritisiert. Zu romantisch, zu steril sei das Drama, und vor allem verherrliche die Story die Unterdrückung der Frau. In „Pillion“ beginnen zwei schwule Männer ein Sado-Maso-Verhältnis. Der Film ist hart und dürfte vor allem in der ersten Hälfte für Unverständnis sorgen, bis die Handlung einen unerwarteten Weg nimmt.
Vom ruhigen Dasein zum Untergebenen
Colin führt ein ruhiges Leben. Er wohnt als 30-Jähriger bei seinen Eltern, hat einen etwas öden Job in der Verkehrsüberwachung seiner kleinen englischen Stadt, singt in einem Chor und ist Single. Das Besondere an ihm: Er ist schwul, was seine Eltern unterstützen, die Mutter verschafft ihrem schüchternen Sohn sogar Verabredungen mit Männern aus der Umgebung. Aber ein Prinz für Colin ist nicht dabei. Eines Abends schiebt ihm der sehr gut aussehende Motorrad-Biker Ray schweigend einen Zettel mit einem Treffpunkt über den Tisch. Bei diesem ominösen Date muss Colin Rays Stiefel lecken und seine sexuellen Wünsche erfüllen. Das ist der Anfang einer langen Beziehung, in der Ray die Rollen klar und streng definiert: Colin muss kochen, den Haushalt führen und auf dem Bettvorleger schlafen, während Ray wortkarg den Meister spielt, Befehle gibt und sexuell dominant ist. Zu seiner eigenen Überraschung unterwirft sich Colin gern und empfindet große Lust in seiner Rolle. Aber Ray demütigt ihn zunehmend, sogar vor seiner Motorrad-Gang und beim Abendessen mit Colins Familie. Das leitet ein Umdenken bei Colin ein. Ist das Leben mit Ray das Richtige für ihn?
Eine schmerzhafte Entscheidung
Regisseur Harry Lighton gibt mit „Pillion“ sein Langfilmdebüt und kann sich über viel Kritikerlob freuen. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde das Drama ausgezeichnet. Mit Recht, denn „Pillion“ ist sehenswert für alle, die Filme abseits des Hochglanzzelluloids aus Hollywood mögen. Die Bilder zeigen kühl und etwas spröde das provinzielle Leben einer britischen Kleinstadt, die einem jungen schwulen Mann mit einer Neigung zur sexuellen Demut nicht viel zu bieten hat. Harry Melling, der seine Karriere in den „Harry Potter“-Filmen begann, spielt den schüchternen Colin wie eine Alice im Sado-Maso-Land. Voller Staunen und Naivität entdeckt er seinen Partner, seine Motorrad-Gang und sein neues Leben. Colin wandert mit wachsender Neugier immer weiter und lernt andere in seiner Position kennen ebenso wie deren Meister. Aber „Pillion“ (was so viel wie „Beifahrer auf einem Motorrad“ bedeutet) ist kein romantischer oder komischer Film. Recht deutlich zeigt er die sexuellen Praktiken der Szene, ohne sie lächerlich zu machen. Vielmehr präsentiert er die SM-Szene unter Männern als einen ebenbürtigen Lebensentwurf wie viele andere auch. Die Männer unternehmen Freizeitaktivitäten, feiern Geburtstage und leben einen ganz normalen Alltag, nur eben als Meister und Untergebene.
Für Colin ist das die Erfüllung und er erlebt eine persönliche Entwicklung, die so lange auf sich hat warten lassen. Er habe das Talent der Hingabe, sagt er. Als aber seine Mutter ihrer Krebserkrankung erliegt, verwehrt Ray ihm das Mitgefühl. Der Schauspieler Alexander Skarsgård (mehrmals zu Schwedens „sexiest Man“ gekürt) zeigt als Ray nur wenige Emotionen, was zunehmend ein Problem darstellt in der Beziehung. Zwar flackert noch einen Tag lang eine gewisse Unbeschwertheit auf, aber letztlich trifft der attraktive Biker eine überraschende und für Colin seelisch schmerzhafte Entscheidung. Am Ende wird dennoch klar, dass er der Stärkere der beiden ist. Colin entwickelt sich weiter, während Ray dazu nicht fähig ist.
Im Kern ist „Pillion“ eine emotionale Selbstfindungsgeschichte, die auf den ersten Blick durch das fremde Biker-SM-Milieu überdeckt wird. Unverkrampft und ohne Hollywood-Weichzeichner zeigt der Film, dass auch ungewöhnliche Beziehungen einen Platz in der Gesellschaft haben.