Nachdem er keinen NBA-Vertrag bekommen hat, unterschreibt Jack Kayil einen Vertrag bei Alba Berlin. Dieser Wechsel ist ein Gewinn für den Club – und soll auch den Spieler voranbringen.
Kaum etwas kann Jack Kayil aus der Ruhe bringen. Die Gelassenheit des 20-Jährigen auf und neben dem Parkett ist wirklich erstaunlich. „Ich bin so erzogen, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Dass ich Fehler machen kann“, erklärte der Basketballprofi: „Das sagen mir meine Eltern, meine Trainer, meine Mitspieler.“ Diese Eigenschaft hätte viel damit zu tun, „wie man aufwächst, wer um dich herum ist. Da kann ich mich sehr glücklich schätzen, dass ich tolle Menschen um mich herum habe“, sagte Kayil. Ein Ausdruck dieser Gelassenheit ist auch, dass er die Dinge im Leben so nimmt, wie sie eben kommen. „Ich bin niemand, der sehr lange im Voraus plant“, verriet der Nationalspieler. Er rede deswegen auch nicht so gerne über seine Zukunft. „Da kann so viel passieren. Da will ich nicht spekulieren. Ich bin da eher im Hier und Jetzt. Ich kann es eh nicht beeinflussen. Außer mein Bestes zu geben. Und schauen, was dabei rauskommt.“ Herausgekommen ist in diesem Sommer bezogen auf seine persönliche Zukunft ein ziemliches Hin und Her, an dessen Ende sein Bleiben bei Alba Berlin steht. Zumindest vorerst.
„Fünfjahresvertrag für Jack Kayil“ – mit dieser Überschrift verschickte Alba am 8. August eine Pressemitteilung, die in der Szene für Aufsehen sorgte. Denn selbst optimistische Alba-Fans hatten kaum noch damit gerechnet, dass der beste Nachwuchsspieler der abgelaufenen Bundesliga- und Champions-League-Saison weiterhin für Berlin auflaufen wird. Die Houston Rockets hatten den hochtalentierten Basketballer in der zweiten Runde des NBA-Drafts an 39. Stelle gezogen, ihn in einem Trade aber an Meister New York Knicks abgegeben. Und Kayil hatte stets betont, dass er sich möglichst schon jetzt in der besten Basketballliga der Welt versuchen wolle – egal wo. Doch die Wünsche des Spielers zählen in der NBA nur wenig, hier entscheiden alleine die Franchises darüber, wer wann und wo spielt. Die topbesetzten Knicks gaben Kayil keinen direkten Vertrag, und ein sogenannter Two-Way-Vertrag war aus vertragsrechtlichen Gründen nur schwer umsetzbar. Das große Ziel NBA hat Kayil zumindest in diesem Jahr verfehlt. Aber er gibt nicht auf.
„Die NBA ist und bleibt mein großer Traum – und Alba ist für mich genau der richtige Ort, diesen Weg weiterzugehen“, wurde der Point Guard in der Pressemitteilung zur Verpflichtung zitiert: „Der Club hat mir bereits geholfen, die entscheidenden Schritte in diese Richtung zu machen. Ich bin einfach froh und dankbar, wieder in dieser unglaublichen Umgebung zu sein.“ Die Vorsaison mit dem überraschenden Titelgewinn, zu dem der Jungstar auch seinen Teil beigetragen hatte, sei „super erfolgreich“ gewesen und habe ihm „total viel Spaß gemacht“. Daran wolle er nun anknüpfen. „Ich kann es kaum erwarten, wieder loszulegen und da anzuknüpfen, wo wir aufgehört haben“, sagte Kayil. Und bei Alba sind sie richtig stolz auf den Transfercoup. „Das ist ein großer Erfolg für unser Programm“, meinte Sportdirektor Himar Ojeda. Der Club und das Team würden Kayil beste Voraussetzungen ermöglichen, „um seine starke individuelle Entwicklung weiter fortzusetzen“. Davon soll dann auch der Spieler profitieren und als dritter Berliner nach Franz und Moritz Wagner „den Sprung von der Alba-Jugend in die NBA zu schaffen“, hofft Ojeda.
Die Dynamik hinter den Kulissen
Für den Deal gingen die Club-Bosse auch bis an die finanziellen Grenzen. Laut übereinstimmenden Medienberichten hat Alba eine Ablösesumme an Mega Basket gezahlt, denn beim serbischen Verein stand Kayil noch ein Jahr unter Vertrag. In der Vorsaison war er in Berlin nur dank einer Leihe aufgelaufen. „Alba hat einen sehr, sehr, sehr hohen Betrag gezahlt“, bestätigte Kayils Berater Milan Nikolić dem „Hamburger Abendblatt“. Die Summe sei in etwa so hoch gewesen, „als würde man im Fußball von einem 50-Millionen-Euro-Transfer sprechen“. Dies sei für „95 Prozent der europäischen Vereine“ nahezu unmöglich, erläuterte Nikolić. Das Kayil-Lager sei „sehr, sehr dankbar“ für diese Wertschätzung, „die so im heutigen, geschäftsgetriebenen Sport eigentlich nicht mehr“ vorkomme.
Dass Kayil aber tatsächlich fünf Jahre für Alba spielt, ist unwahrscheinlich. Sein Riesentalent ist unbestritten, und mit den Knicks gibt es laut Nikolić einen klaren NBA-Plan. „New York wird während der Saison auch Leute rüberschicken. Wir arbeiten an Jacks Defiziten, dass er körperlich stärker und generell stabiler wird“, sagte der Berater. Im Idealfall werde sein Schützling bereits „im nächsten Sommer fest zu den Knicks wechseln“. Die Verantwortlichen des NBA-Champions hätten beim Draft gewusst, „dass er viel zu talentiert für diese Position ist“ – und deswegen zugeschlagen, so Nikolić: „Sie meinten, wir holen den jetzt einfach. In der Kommunikation war aber direkt klar, dass es aus Kader- und Finanzgründen schwierig werden könnte. Es ist keine Frage des Talents von Jack.“ Diese Einschätzung decke sich auch mit dem Feedback, das er und Kayil beim Vorspielen in der Summer League erhalten haben, so Nikolić. Danach seien sie davon ausgegangen, dass Kayil beim Draft am Ende der ersten Runde gezogen wird, was ihm einen festen Vertrag in der NBA gebracht hätte. Doch es kam anders.
Hat sich Kayil also verzockt? So einfach sei es nicht, betonte dessen Berater. Die Dynamik hinter den Kulissen könne niemand wirklich abschätzen. Und die Absage ans College in Gonzaga (Washington), wohin Kayil ursprünglich eigentlich hatte wechseln wollen? „Er hat sehr viele Spiele gesehen und sich letztlich dort einfach nicht gesehen“, erklärte Nikolić: „Er ist auch nicht der einzige Europäer, der zurückkommt.“ Dass Kayil am College viel Geld hätte verdienen können, sei bei der Entscheidung nebensächlich gewesen. „Ums Geld ging es nie. Das kommt, wenn man die richtigen Entscheidungen trifft, früher oder später sowieso“, meinte Nikolić. Auch bei anderen Clubs in Europa hätte Kayil wohl mehr kassieren können als jetzt bei Alba, laut seines Beraters hätten auch mehrere EuroLeague-Teams um ihn gebuhlt. „Ich habe aber alle Angebote sehr schnell abgelehnt“, sagte er: „Für uns war immer Alba der erste Ansprechpartner.“ Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Hier weiß Kayil, dass er gut aufgehoben ist und gebraucht wird. Hier besaß er einst als Jugendlicher selbst eine Dauerkarte und fieberte auf der Tribüne mit. Hier hat er Freunde und ein stabiles Umfeld. „Wir wollten an einen Ort, den wir kennen, wo alles heimisch ist und vor allem, wo einem der Spielplan erlaubt, an den individuellen Defiziten zu arbeiten“, sagte Nikolić: „Das geht bei einem 80-Spiele-plus-Spielplan in der EuroLeague nicht.“
Dass sein Weg nicht schon jetzt in die NBA führt, soll sich im Nachhinein nur als kleiner und vielleicht sogar notwendiger Rückschritt erweisen. Kayil glaubt weiter fest an dieses Ziel und nimmt sich die Wagner-Brüder dabei als großes Vorbild. „Es ist gut zu sehen, dass es funktioniert. Dadurch weiß ich: Es ist möglich, es gibt Wege“, sagte Kayil: „Zumal sie ein ähnliches Umfeld hatten: Alba, Familie, die Stadt Berlin. Ich habe tolle Freunde hier, ich bin froh, dass ich hier aufgewachsen bin. Das hat mich auch weitergebracht.“ Für den Rest des Weges braucht es noch ein bisschen Arbeit und Geduld. Aber für den gelassenen Jack Kayil dürfte das kein Problem sein.