Mit jährlich rund acht Millionen Besuchern hat sich Brügge in Belgien zu einem Touristenmagneten entwickelt. Wegen ihres komplett erhaltenen mittelalterlichen Gesamtbildes und ihrer historischen Grachten wurde die gesamte Innenstadt zum Unesco-Weltkulturerbe deklariert.
Fluch und Segen zugleich sollte die britische Gangsterkomödie „Brügge sehen … und sterben?“ (2008) der Hauptstadt der belgischen Provinz Westflandern und ihren 120.000 Einwohnern bescheren. Im Zusammenhang mit dem Film hing die „Sunday Times“, die auflagenstärkste Sonntagszeitung des Vereinigten Königreichs, Brügge das ziemlich bizarre Etikett „eine der uninteressantesten Städte Europas“ an. Obwohl das gesamte mittelalterlich geprägte historische Zentrum mit einer Gesamtfläche von rund 4,3 Quadratkilometern schon 2000 von der Unesco zum Weltkulturerbe deklariert worden war und sich bequem per pedes in knapp einer halben Stunde durchqueren lässt. In den 70er-Jahren wurde das Stadtzentrum grundlegend restauriert. Dabei wurde das Schwergewicht auf die Bewahrung der historischen, von Gotik, Renaissance, Barock und Neogotik geprägten Häuser und Kanäle gelegt. Das Ergebnis kann als geradezu märchenhaft schön bezeichnet werden. Kein Wunder daher, dass sich Brügge inzwischen zu einem Touristenmagneten entwickelt hat, wobei die besagte Krimi-Komödie, in der prägnante Bauwerke animierend in Szene gesetzt wurden, der Stadt einen enormen zusätzlichen Schub versetzte. Dieser fulminante Erfolg wird von den Stadtverantwortlichen inzwischen mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachtet. Denn das Zentrum wird von den Schaulustigen geradezu geflutet und täglich zwängen sich bis zu rund 27.000 Fremde durch die engen Gassen, worüber manche der rund 20.000 hier wohnenden Einheimischen ziemlich genervt sind. Vor allem die von den Kreuzfahrtschiffen in Zeebrugge inzwischen zu vielen Tausenden ans Land gespülten und wenig ertragreichen Tagestouristen sind für die Stadtverwaltung zu einem Ärgernis geworden.
Sehenswert trotz vieler Touristen
Doch von der anhaltenden Diskussion um den „Übertourismus“ sollte man sich nicht von einem Besuch des sogenannten Venedigs des Nordens abschrecken lassen. Und Brügge unbedingt auf die persönliche Bucketlist setzen. Weil sich das Drängeln tatsächlich nur auf wenige prominente Örtlichkeiten konzentriert, wie den Markt- und Burgplatz, die daran angrenzenden Grachten oder eine der vom Markt direkt abgehenden beiden Haupteinkaufsstraßen namens Steenstraat/Zuidzandstraat (wo vor allem die typischen Kettenläden und viele Schuhgeschäfte mit dem qualitativ exklusiven Highlight „Quicke“ anzutreffen sind). Schon wenige Schritte entfernt davon geht es bedeutend ruhiger zu, was sogar für die zweite (und noch deutlich längere) Haupteinkaufsstraße namens Geldmuntstraat/Nordzandstraat/Smedenstraat gilt, obwohl dort die viel interessanteren Shopping-Angebote, geruhsamere Cafés oder auch innerstädtische Filialen zweier Supermärkte (Carrefour und Delhaize) zu finden sind.
Obwohl die meisten Individualreisenden ihr Ziel mit dem eigenen Auto anzusteuern pflegen, ist es keine gute Idee, das Gefährt möglichst nahe dem touristischen Hotspot rund um den Großen Markt abstellen zu wollen. Weil dieser ohnehin nur Fußgängern vorbehalten ist und es im ringsum sich schlängelnden Gassengewirr nur wenige und zudem teure Parkautomaten-Stellplätze gibt. Die Stadtverwaltung rät daher zur kostenlosen Nutzung von Stellplätzen jenseits der Innenstadt, wobei man die vier wunderschön erhaltenen Stadttore namens Smedenpoort, Ezelpoort, Kruispoort und Gentpoort als Orientierungspunkte in das Navi eingeben kann. Alternativ kann man sich auch für eine der beiden riesigen Tiefgaragen entscheiden (zusammen 3.600 Stellplätze).
In den kleinen Straßen jenseits des südwestlich des Zentrums stehenden Smedenpoorts findet man Parkplätze, wo man mit Parkscheibe vier Stunden lang nichts bezahlen muss. Auf dem Fußweg gen Zentrum kommt man dabei sogleich zwangsläufig am wohl größten und exklusive Marken führenden Bekleidungsgeschäft „Villa Marie“ vorbei. Das zudem für clevere Schnäppchenjäger einen Outlet-Ableger um die Ecke bereithält, in dem sämtliche Klamotten und Schuhe von Nobel-Brands (Schwerpunkt auf Damen-Fashion, aber auch interessante Menswear-Angebote) mit einem Abschlag von stolzen 60 Prozent offeriert werden. Von hier aus gelangt man schnell auf der überschaubar frequentierten Smedenstraat zum kleinen, vom Guide Michelin völlig zu Recht wegen des tollen Preis-Leistungs-Verhältnisses mit dem Bib Gourmand ausgezeichneten Mittagsrestaurant „Tou.Gou“ (Tipp: Rindfleisch-Sashimi mit Rucola und Parmesan).
Schön shoppen und genießen
Wer seinen verständlichen Heißhunger auf die touristischen Hauptsehenswürdigkeiten noch etwas bezähmen kann und sich ihnen gelassen flanierend annähern möchte, dem werden auf dem Weg immer geradeaus eine ganze Reihe von verlockenden Geschäften, Feinkost- und Lebensmittelläden, Cafés oder Eisdielen begegnen. „Jam Jam konfituur“ hält ein Sortiment von mehr als 100 verschiedenen handwerklich hergestellten Marmeladensorten bereit. Ebenfalls noch auf der Smedenstraat wartet mit „De Kaasbolle“ die beste Fromagerie der Stadt, wobei der verschmitzt-vielsprachige Chef jeden Kunden in einen netten Plausch verwickelt (die lokale Alternative in Sachen Käse findet sich unweit des Burgplatzes im „Kaashuys Den Hof“). Nur einen Steinwurf voneinander entfernt warten auf der Noordzandstraat mit „Max Mara“, „Virgul“ und „L’Heroïne“ (mit belgischen Luxuslabels wie Dries Van Noten) gleich drei hochkarätige Damenmode-Boutiquen auf zahlungskräftige Kundinnen. Danach bietet sich in der Nachbarschaft eine Rast im stets gut besuchten „Café au Lait“ an, in dem besonders diverse belgische Waffel-Spezialitäten zu empfehlen sind – sofern man sich nicht für später den Besuch des „Otto Waffle Ateliers“ aufheben möchte. Dieses befindet sich im Schatten der Liebfrauenkirche, die mit ihrer Backstein-Gotik und Michelangelos Marmorstatue „Madonna mit Kind“ verzaubert, und des Gruuthusemuseums, das mit einer gotischen Fassade aufwartet und die Geschichte Brügges in der Zeit zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert dokumentiert.
Berühmtes Glockenspiel
Mit dem Erwerb beliebter Mitbringsel wie der weltberühmten Brügger Spitze oder den geradezu süchtig machenden belgischen Pralinen gilt es, noch etwas zu warten. Zum schnellen Auffinden der Spitzen-Fachgeschäfte wie dem „’t Apostelientje“ oder dem „Kantcentrum“ sollte man sich am besten direkt auf dem Großen Markt den Stadtplan im als touristisches Informationsbüro fungierenden Historium besorgen, das sich mit seinem neogotischen Stil bestens ins mittelalterliche Gesamtbild des Platzes einfügt und zudem als Erlebnismuseum die Besucher in Brügges Goldenes Zeitalter im 15. Jahrhundert entführt. Hier, direkt im Herzen der Stadt, findet sich mit „Elisabeth“ an exponierter Stelle auch ein herrlicher Chocolatier, dem im unmittelbaren Umfeld jedoch jede Menge weiterer Pralinen-Läden gehörig Konkurrenz machen. Einen Wow-Moment erleben viele Besucher beim Anblick des Belfrieds. Der 83 Meter hohe Turm inmitten einer Ansammlung von malerischen Giebelhäusern aus dem 13. Jahrhundert mit seinem berühmten Glockenspiel bietet eine Plattform, die man nach 366 Stufen erreicht.
Ein weiterer Hotspot ist der Burgplatz, der ursprünglich als Festung angelegt worden war. Heute wird der Platz, der flächenmäßig sogar den Großen Markt übertrifft, von diversen historischen Gebäuden eingerahmt. Zum Beispiel der Heilig-Blut-Basilika mit bis in die Romanik zurückreichenden Bauteilen, dem spätgotischen Rathaus, der Alten Zivilkanzlei im Renaissance-Gewand, der im verspielten Barock erbauten ehemaligen Propstei des Heiligen Donatian oder dem früheren Landeshaus des Brügger Freiamts, das nach Umbauten in schönstem Klassizismus erstrahlt.
Gleich jenseits des Burgplatzes, nur durch eine winzige Grünanlage abgetrennt, kann man im „Philipstockstraat“ in gemütlich-rustikalem Ambiente mittags ein Drei-Gänge-Menü unter 40 Euro genießen. Dieses sollte unbedingt um den belgischen Dessert-Klassiker Dame Blanche ergänzt werden, weil nirgendwo sonst diese Delikatesse aus cremigem Vanilleeis mit heißer Schokoladensauce in besserer Qualität serviert wird.
Danach kann man bei einem kleinen Verdauungsspaziergang im sogenannten Hanseviertel rund um den nahen Jan-van-Eyck-Platz wunderschöne Stadtpalais aus Brügges Glanzzeit besichtigen. Auch bequem und mühelos vom Burgplatz oder Markt per Fuß zu erreichen, zählen die Brügger Grachten mit ihren romantischen Brücken seit jeher zu den Hauptattraktionen der Stadt. Der Brügger Rozenhoedkaai wird wohl ewig das Instagram-tauglichste Motiv liefern. In unmittelbarer Nähe werden halbstündige Bootsfahrten (Preis für Erwachsene: 15 Euro) angeboten, mit denen man die historischen Verbindungsadern der Stadt bis hin zu einem kleinen See namens Minnewater in Seelenruhe erkunden kann. Vor dem Einsteigen kann man noch einen Blick auf den Fischmarkt mit seiner klassizistischen Kolonnade werfen oder gleich gegenüber bei „Les Coquettes“, einer pfiffigen Kombination von Café/Bar und Friseur-Beauty-Salon, eine köstliche Schokoladentarte genießen oder einen Behandlungstermin buchen.
Mit einem Minibus kann man in einer 50 Minuten dauernden Stadtrundfahrt (Preis für Erwachsene: 25 Euro) auch etwas entferntere Perlen wie den nahe des Minnewaters errichteten Beginenhof, dessen Geschichte bis ins Jahr 1230 zurückreicht, mit seinen strahlend weißen Häusern und seinem lauschigen Garten erreichen. Der wurde ab dem 14. Jahrhundert zu wohltätigen Zwecken errichtet mit über das gesamte Stadtgebiet verteilten Stiftungshäusern für schutzbedürftige Mitbürger. Die Balstraat mit ihren weiß getünchten Arbeiterhäusern nicht zu vergessen, in deren Umfeld auch das Johannishospital in herrlicher Backsteingotik einen Besuch lohnt.
„Königin der Badeorte“
Natürlich dürfen die belgischen Fritten und das ebenso hoch geschätzte belgische Bier, das seit zehn Jahren von der Unesco zum immateriellen Weltkulturerbe gezählt wird, nicht gänzlich unerwähnt bleiben. Den Pommes ist sogar ein eigenes Museum gewidmet, auch für den Gerstensaft gibt es unweit des Marktplatzes ein entsprechendes museales Pendant namens „Bruges Beer Experience“. Selbstverständlich sind die Einheimischen auch stolz auf ihr eigenes Stadtbier „Brugse Zot“.
Übernachten kann man übrigens auch sehr gut an der nahen Nordseeküste. Empfehlenswert ist das Städtchen Koksijde-Bad samt dem eingemeindeten Sint-Idesbald. Hier hält sich der übliche Touristenrummel noch in Grenzen. Das vor allem bei deutschen Urlaubern hoch im Kurs stehende De Haan hat sich wunderschön herausgeputzt und lässt damit die glorreiche Epoche von Art nouveau und Art déco wiederauferstehen. Auch wenn dem Ganzen ein Disneyland-Flair anhaftet. Allerdings gibt es im Vorort Vlissegem mit dem „Le Kok sur Mer“ ein Restaurant, dessen Küche für kleines Geld regelmäßig Sternstunden beschert. Das Bib-Gourmand-Menü mit drei Gängen für 55 Euro und mit vier Gängen für 69 Euro auf Ein- bis Zwei-Sterne-Niveau ist eine kulinarische Sensation. Nieuwpoort verfügt über einen pittoresken Hafen und ist abseits des Strands eine ruhige Oase. In Oostende, der mit Abstand größten Stadt der belgischen Küste, die noch immer vom einstigen Ruhm als „Königin der Badeorte“ zehrt und daher auch über ein Casino verfügt, ist ein Besuch beim Bäcker- und Konditorei-Pionier „Paul“ gleichsam Pflicht. Die modebewussten Herren finden hier das Bekleidungshaus „Brutus“, in dessen benachbartem Outlet-Ableger exklusive Kleidung und Schuhe mit einem Rabatt von 60 bis 70 Prozent angeboten werden. Wenige Meter weiter reihen sich drei Luxus-Boutiquen aneinander, für Kids „Little John & Petit Coco“, für die Damen „Julis“ und „Icons“ (samt Edelcouture für die Herren).