Mit 19 Starts und neun Siegen bei seinem Heimrennen ist Lewis Hamilton der erfolgreichste F1-Pilot in Silverstone. Am Sonntag kann der Ferrari-Star beim GP von Großbritannien diese Bestmarke steigern. Ein Blick auf die Geburtsstätte der Formel 1.
Fast eine halbe Million Formel-1-Fans säumen in diesen Tagen das Asphaltband in der Grafschaft Northamptonshire, wenn die Rennserie an ihrem Geburtsort Silverstone ihre PS-Massenmesse zelebriert. Der Verkehrsinfarkt ist von Donnerstagmorgen bis Sonntagabend programmiert. Der Silverstone Circuit zählt zu den publikumsträchtigsten Rennstrecken und gehört neben Monza und Monaco zu den drei Klassikern im F1-Kalender. Der Kurs ist aber keine Formel-1-Strecke wie jede andere. Silverstone ist seit jeher bemüht, sich als das Zuhause des britischen Motorsports bezeichnen zu dürfen und sich mit dem klangvollen Namen „Home of British Motor Racing“ zu schmücken – auch wenn das Ortseingangsschild des 2.700-Einwohner-Dorfes „Vorsichtig fahren“ einfordert.
Klangvoll hin oder her, hier herrschen bei Grand Prix Rennen andere, rauere Sitten als in Miami, Las Vegas, Katar oder Abu Dhabi.
Lage auf ehemaligem Militärflughafen
Allein die Lage der Rennstrecke auf einem ehemaligen Militärflughafen der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg ist schon ganz speziell. Das berühmte „Zuhause des britischen Motorsports“ liegt in einer ziemlich verlassenen Gegend, 150 Kilometer nördlich von London zwischen Northampton und Oxford. Diese Mitte Englands ist ein toter Punkt, aber auch eine Oase auf der Insel. Eingebettet in eine reizvolle Landschaft liegt der 5,891 Kilometer lange Rundkurs mit seinen zehn Kurven nahe den Dörfern Silverstone und Whittlebury. Mit Natur pur wird der F1-Pilger für seine Anreisestrapazen belohnt – vorausgesetzt, er selbst hat ein inniges Verhältnis zu Mutter Erde und ein Auge für Auen, die unendlichen fetten, sattgrünen Wiesen, auf denen unzählige Schafsherden das saftige Gras kurz halten, die gelben Rapsfelder und brütende Wildtauben in den Weizenfeldern. Die Landschaft eignet sich eigentlich nur für Fuchs- und Hasenjagden und weniger für Autojagden. Laut bis ohrenbetäubend wird es in dieser Idylle nur, wenn am Renntag die Flugstaffel der „Red Arrows“ über das 325 Hektar große Areal donnert. Aber ausgerechnet in dieser tiefsten englischen Provinz schlägt das Herz der Formel 1. Der ehrwürdige Traditionskurs Silverstone wird als „das Wimbledon der Formel 1“ und „Wiege des Motorsports“ bezeichnet.
Campingplätze rund um das Gelände
Während es auf dem Centre Court gesittet zugeht, steppt rund um den Silverstone Circuit der Bär. Verschiedene Musikbands sorgen für beste Unterhaltung und die Fans für ausgelassene Stimmung. Eine wahre Augenweide, wie sie ihre dicken Hotdogs verdrücken und literweise die Biere Ale, Stout, Lager oder Porter in sich hineinkippen. Natürlich darf dazu das Leibgericht Fish n Chips nicht fehlen. Partystimmung herrscht bis spät in die Nacht rund um die Karussells auf dem Kirmesplatz am Streckenrand. Die längsten, heißesten und feuchtesten Partys in Silverstone gibt es auf den zahlreichen Campingplätzen rund um die Strecke. Glanz, Glitzer, Glamour und Weltstadtleben sind hier verpönt. Keine Erdbeeren mit Sahne wie beim Tennis-Mekka Wimbledon, keine neueste breitkrempige Hutmode wie beim Pferderennen in Ascot, keine Snobs, keine exzentrischen Lords oder extravaganten Ladys wie bei Mega-Konzerten oder Theater-Uraufführungen. Bei der Society steht Silverstone für „Shocking“, für die echten Formel-1- und Hardcore-Fans für „pure Lust am Leben“. Für Abwechslung ist für alle jedenfalls gesorgt, nur trinkfest sollte man sein.
Wer es weniger fetzig, ruhiger und genussvoller angehen lassen will, der flieht ins drei Kilometer entfernte Stadtzentrum. An normalen Tagen ist Silverstone, zwischen Northampton und Oxford gelegen, ein wunderschönes, verschlafenes, aber durchaus reizvolles, mittelgroßes (Dorf?) Nest mit 2.700 Einwohnern. Es scheint, als sei hier die Zeit stehen geblieben. Aber nicht an einem Grand-Prix-Wochenende. Dann hat das Nachtleben auch hier durchaus seine Reize. Nur halt eben „gedämpfter“. Für Liebhaber der britischen Trinkkultur empfehlen sich die zahlreichen Pubs an der A 43 in Silverstone. Die bekanntesten sind „The Green Man“, „The Royal Oak“ oder „The White Horse“. In diesen Pubs genießt der Gast sein Guinness oder Ale bei typisch britischer Gemütlichkeit, Musik und Smalltalk. Das Essen ist manchmal schon gewöhnungsbedürftig. Kehren wir wieder nüchtern zurück an den Silverstone Circuit.
Im Oktober 1948 wurde hier, etwa einen Kilometer südlich des Dorfes Silverstone, auf einem alten Flugplatz der erste Grand Prix nach dem Krieg ausgefahren. Allerdings ohne WM-Status. Die Streckenführung wurde damals lediglich durch Strohballen markiert. Mit dem Grand Prix von Großbritannien erlebte die Formel 1 am 13. Mai 1950 in Silverstone ihre Geburtsstunde. Erster WM-Sieger war der Italiener Giuseppe (Nino) Farina im Alfa Romeo. Trotz zahlreicher Umbauten und dem Einbau etlicher Schikanen hat der Kurs von seinem Reiz nichts verloren. Die berühmtesten Kurven heißen nach wie vor: „Copse“ (kleiner Wald), „Becketts“ (erinnert an Thomas Beckett, den Erzbischof von Canterbury, der um 1300 ermordet wurde, weil er gegen die Monarchie war), „Chapel“ (die dazugehörige Kapelle), „Stowe“ (ein vornehmes Mädchen-Pensionat), „Abbey“ (Abtei) und „Woodcote“ (ein Forstgebiet, das dem englischen Automobilclub gehört). Alle Fahrer, egal, ob die Alten oder schon die jungen Wilden, schwärmen von einer der aufregendsten Passagen, die zweifellos „Becketts“ ist. In der Strecken-Charakteristik heißt es: „‚Maggott‘ und anschließend ‚Becketts‘ ist mit die irrste Kurvenkombination in der Formel 1. Die beiden Vollgaskurven machen tierischen Spaß. In ‚Maggotts‘ droht der Fahrer bei Höchstgeschwindigkeit um die 280 km/h im siebten Gang regelrecht zur Seite abzuheben, für ‚Becketts‘ schaltet der Pilot nur einen Gang zurück, ist bei etwa 230 km/h, dreht das Lenkrad kurz nach links – und schon ist der Fahrer durch“. Diese Kurvenkombination gut zu erwischen, ist wichtig, um Geschwindigkeit auf die folgende Gerade mitzunehmen. Unvergessen die saloppe Beschreibung von Vierfach-Champion Sebastian Vettel, um optimal durch die „Copse“-Kurve zu kommen: „Hier brauchst du die ‚dicken Eier‘, um mit Vollgas durchzufahren.“ In der Schikanenkombination „Copse“ werden die Fahrer mit 4 g (dem Vierfachen ihres Körpergewichts) belastet. Für Weltmeister Lando Norris „ist Silverstone das Wochenende, das ich am meisten genieße“, offenbarte der McLaren-Star und Publikumsliebling bei den britischen F1-Fans. Der elfte britische Formel-1-Champion ist eine der Figuren im Fahrerfeld, die in der wachsenden jungen Fangemeinde der Formel 1 besondere Popularität entfalten. Sein britischer Landsmann Lewis Hamilton beteuert: „Silverstone war immer mehr als eine Rennstrecke für mich.“
„Konnte eigene Ideen nicht einbringen“
Nach seinem Premieren-Sieg mit Ferrari beim Großen Preis von Barcelona-Katalonien ist Lewis Hamilton plötzlich wieder in der Formel-1-Welt in aller Munde. Plötzlich wird er nach diesem lang ersehnten „roten Sensationsstreich“ schon als WM-Kandidat gehandelt. Der Rekordweltmeister scheint nach einer ziemlich desaströsen Saison 2025 ohne Podestplatz bei Ferrari endgültig angekommen zu sein. Hamilton erklärt: „In meiner ersten Ferrari-Saison saß ich in einem Auto, das ich übernommen hatte und bei dessen Entwicklung ich kein Mitspracherecht hatte. Ich konnte meine eigenen Ideen nicht einbringen. Vor dieser Saison war das für das neue Auto anders. Da hatte ich ein Mitspracherecht.“ Sein Ex-Mercedes-Chef Toto Wolff hat seinen „Ex-Starfighter“ jedenfalls ziemlich dick auf dem Zettel als WM-Mitfavorit. Es ist Hammertime bei Ferrari – und am Sonntag Showtime auf und neben dem Geburtsort der Formel 1, dem Silverstone Circuit (16 Uhr MESZ/Sky).
Der Große Preis von Großbritannien ist der einzige Grand Prix, der in der 76-jährigen Geschichte der Formel 1 ohne Unterbrechung ausgefahren wurde. Jahrelang fand er im Wechsel zwischen Aintree bei Liverpool fünfmal statt, doch 1964 zog man nach Brands Hatch um, wo zwischen 1964 und 1986 abwechselnd mit Silverstone zwölf Rennen stattfanden. Seit 1987 oder 39 Jahren gastiert die Königsklasse Formel 1 nun unablässig in Silverstone und ist die alleinige Austragungsstrecke des Großbritannien Grand Prix – am Sonntag zum 40. Mal ohne Wechsel mit einer anderen Austragungsstrecke. Rechnet man die 20 F1-Rennen, die vor 1987 in Silverstone ausgefahren wurden, hinzu, dann ist Silverstone am Sonntag zum 60. Mal Schauplatz der schnellsten Vierrad-Artisten. Dann spielt der im Motorsport wichtigste Begriff „Speed“ damals wie heute eine Hauptrolle. Um dieser gerecht zu werden, müssen die Piloten „Speed“ geben. Vielleicht haben die beiden Briten Hamilton und Norris bei ihrem Heimspiel ja diesen gewissen „Speed“, um ihre Rekordmarken nach 2024 von neun auf zehn Heimsiege auszubauen (Hamilton) oder Vorjahressieger Norris seinen zweiten Heimsieg einzufahren – bei seinem neunten Auftritt im heimischen Silverstone.