Die Entwicklung der Migration nach Europa bleibt ein politisch hoch aufgeladenes Thema – trotz rückläufiger Zahlen. Im Gespräch ordnet Migrationsforscher Gerald Knaus die Lage ein, erklärt die Ursachen und zeigt auf, warum die europäische Asylpolitik vor entscheidenden Herausforderungen steht.
Herr Knaus, die Flüchtlingszahlen in die EU und nach Deutschland sind seit einiger Zeit rückläufig, gleichzeitig haben wir die Kriege im Nahen
Osten. Wie ist die Situation aus Ihrer Sicht?
Wir sehen eine Fortführung von Entwicklungen, die wir schon seit Jahren beobachten. 2011 brach in Syrien der Bürgerkrieg aus. Dieser führte dazu, dass Millionen Syrer in die Nachbarländer flohen. Eineinhalb Millionen syrische Flüchtlinge kamen nach Europa, während mehr als fünf Millionen in die Türkei, in den Libanon und nach Jordanien kamen und dort blieben. Dazu gab es in den letzten Jahren weitere Kriege auf der arabischen Halbinsel, im Jemen wie im Libanon. Trotz Waffenruhe in Gaza geht die Gewalt dort weiter, im Libanon wurden seit Februar 2026 binnen weniger Wochen mehr als eine Million Menschen erneut vertrieben. Dazu kommt der Krieg mit und um den Iran. Es ist eine Serie von Katastrophen, Kriegen und Gewalt, die, je länger sie dauert, zur Flucht von Millionen Menschen, zumeist innerhalb dieser Länder, führt. So schwindet in der gesamten Region jede Aussicht auf Stabilität und über den Menschen hängt nach jeder Waffenruhe das Damoklesschwert noch größerer Kriege. Dabei sind die Wenigsten in der Lage, aus ihrem Land zu fliehen. Es gab in den letzten Jahren keine Flucht aus Gaza, weil dort Grenzen mit Gewalt geschlossen waren. Es gab in den letzten Jahren kaum Flucht aus Syrien in die Nachbarländer mehr, weil diese ihre Grenzen geschlossen haben. Insofern hängt die Antwort auf die Frage, wie viele dieser Menschen irgendwann nach Europa kommen könnten, von der Politik der Staaten an den Grenzen ab. Und diese Grenzen sind heute fast überall mit Gewalt geschlossen.
Das Gemeinsame Europäische Asylsystem, kurz GEAS, ist beschlossen, auch in Deutschland. Wird das helfen, die Entwicklung künftig besser zu regeln?
Kaum. Es gibt, grob gesagt, zwei Möglichkeiten, an Grenzen zu handeln. Die eine sehen wir an der israelischen Grenze zu Ägypten: Man baut einen Zaun, dazu stoßen Soldaten jeden zurück. So war es auch seit 2011 an der israelischen Grenze zu Syrien: Es gab Millionen syrische Flüchtlinge in Jordanien, im Libanon, in der Türkei – es kamen keine nach Israel. Warum? Weil dort Soldaten mit einem Schießbefehl standen. So ist es heute in Gaza. 90 Prozent der Menschen dort haben kein Haus, die Kinder gehen nicht in die Schule, die Lage ist verzweifelt, die Menschen leben in Zelten, aber kaum jemand stellt in der EU oder in Israel einen Asylantrag. Niemand kommt aus Gaza heraus: Die brutale Wahrheit ist, dass man Grenzen mit Gewalt schließen kann, und Israel und Ägypten tun das. Wenn man sich nun aber der Flüchtlingskonvention, der Menschenrechtskonvention und der Menschenwürde verpflichtet fühlt, dann ist diese Art von Grenzsicherung nicht zulässig. An einer europäischen Außengrenze wäre es illegal, Soldaten damit zu beauftragen, Migration mit Gewalt zu stoppen. Allerdings gibt es Parteien, die das ändern wollen, um so zu handeln wie Donald Trump in den USA. Die USA haben sich vom Flüchtlingsschutz und dem Asylgedanken verabschiedet. Die Europäer nicht. Für sie stellt sich daher die Frage: Wie kann man die in einer Demokratie notwendige Unterstützung von Mehrheiten für eine Politik erhalten, die vorsieht, Menschen an den Außengrenzen der EU – oder, wenn sie in der EU sind, in den Staaten, in denen sie einen Asylantrag stellen – im Einklang mit der Flüchtlings- , Menschenrechts-, Kinder- und Antifolterkonvention zu behandeln? Und wie kann man gleichzeitig irreguläre Migration im Einklang mit diesen Werten reduzieren? Kann man irreguläre Migration reduzieren, ohne Menschenrechte zu verletzen? GEAS bietet dabei ab Juni 2026 einen Ausweg. Aber nur, wenn man ihn ergreift.
In der politischen Diskussion wird oft allgemein und pauschalisierend von „illegaler Migration“ gesprochen. Die Lage ist aber etwas differenzierter. Worüber müssen wir reden?
Ukrainer kommen regulär aus der Ukraine in die Europäische Union. Sie hatten schon vor dem Krieg Visafreiheit und brauchen keine Schmuggler. Was wir an den Außengrenzen der EU im Mittelmeer sehen, sind Menschen, die nicht das Recht haben, regulär in die EU einzureisen, die daher auf eigene Faust oder mit Schmugglern versuchen, irregulär zu kommen. Das ist ein großer Unterschied, gerade auch aus Sicht der Menschen. Dazu kommt: Es ist nicht illegal, einen Asylantrag zu stellen, auch wenn man irregulär in die EU kommt. Aber abgelehnte Asylbewerber müssen meist wieder ausreisen. Hier stellt sich die Frage der Abschiebung. Und da stellen wir fest, dass kein europäisches Land in der Lage ist, in nennenswerter Zahl Menschen, die ausreisepflichtig sind oder länger als gestattet geblieben sind, abzuschieben. Das gelingt weder Italien noch Spanien, weder den Briten noch Franzosen, auch Deutschen und Österreichern nicht. Und da stellt sich die Frage: Was ist das für ein System? Wenn auf der einen Seite infolge außergewöhnlicher Krisen wie in Syrien historisch hohe Zahlen Schutzsuchender ankommen und dazu noch Hunderttausende ohne Asylanspruch einreisen, entsteht eine politisch explosive Lage. In dieser Situation gewinnen rechtspopulistische Forderungen an Boden, die Grenzen nach dem Vorbild anderer Staaten mit Gewalt zu schließen. Das wäre das Ende des Flüchtlingsschutzes. Das Argument von Trump ist, dass die irreguläre Migration eigentlich eine Invasion ist. Das ist der Mythos der Rechtsextremen vom „großen Austausch“ und einer „Landnahme“. Trump oder auch Viktor Orbán sehen Menschen, die ohne Schutzanspruch kommen, nicht in ihrer Menschenwürde, sondern als die Speerspitze einer Invasionsarmee. So sehen sie alle Mittel erlaubt: Schläge, Verhaftungen, selbst Folter. Das Versprechen, irreguläre Migration zu reduzieren, um damit Wahlen zu gewinnen, führt dann zu einem Abbau von Menschenrechten – und das ist ein sehr hoher politischer und moralischer Preis.
Die Zahlen gehen, wie erwähnt, zurück, trotzdem wird mit dem Thema Migration Wahlkampf betrieben. Wie erklärt sich diese Diskrepanz zwischen objektiver Situation und öffentlicher Debatte?
Die politische Debatte wird von einer verzerrten Wahrnehmung bestimmt, auch in der Mitte der Gesellschaft, über das, was in Europa in den letzten zehn Jahren passiert ist. Wir hatten eine historisch hohe Zahl von Menschen, die irregulär in die EU kamen. Von diesen ist eine außergewöhnlich hohe Zahl in nur wenige Länder gegangen, um dort Schutz zu erhalten. Es gab etwa keine europaweite Syrien-Flüchtlingskrise, sondern eigentlich war es eine Krise vor allem in zwei europäischen Ländern, Österreich und Deutschland. 80 Prozent derjenigen, die Schutz bekommen haben, erhielten diesen in Österreich und Deutschland. Deutschland hat in einem Jahr (2024, Anm. d. Red.) 77.000 Syrern Schutz gewährt. Das hängt mit der großen Zahl Syrer zusammen, die aus der Türkei nach Deutschland kamen. Im Jahr 2025 war diese Zahl dann nicht mehr 77.000, sondern 25.000. Das war eine drastische Veränderung nach dem Sturz von Assad. Es handelte sich von 2015 bis 2024 um eine sehr spezifische Situation. Das wird aber nicht gesehen. Stattdessen wird diskutiert, als wäre nach 2015 etwas Strukturelles in der Welt passiert, als ginge es um Klimawandel, Demografie oder extreme Armut. Tatsächlich gab es in Syrien einen Krieg, der eine außergewöhnlich große Zahl von Menschen über die Türkei in eine kleine Zahl von europäischen Ländern gebracht hat. Und seit 2022 flüchteten dazu noch viereinhalb Millionen Menschen aus der überfallenen Ukraine in andere europäische Länder. Das war die größte Flüchtlingskatastrophe seit den 1940er-Jahren. Sie erhielten Schutz, etwa 1,3 Millionen in Deutschland, eine außergewöhnliche Situation. Die Erzählungen von links und rechts erfassen das nicht. Zugespitzt formuliert heißt es von links, Massenmigration werde sich aufgrund von Klimawandel, Armut und Konflikten zwangsläufig fortsetzen; man müsse sich daran gewöhnen, Eingreifen sei weder möglich noch geboten. Von rechts wiederum wird behauptet, der Zustrom werde dauerhaft anhalten, würde man ihn nicht durch sehr harte Maßnahmen aufhalten. Es wird suggeriert, Menschen weltweit säßen auf gepackten Koffern nach Europa. Beide Deutungen
verkennen die Lage.
Das hieße, ohne die Kriege in Syrien und der Ukraine hätte es die Krise nicht gegeben?
Ja. Es ging um zwei Kriege: einen Krieg nahe Europa und einen in Europa selbst. In dieser Perspektive wird klar, dass die größten Flüchtlingskatastrophen der vergangenen zehn Jahre mit dem Handeln eines einzelnen Mannes verknüpft sind: Wladimir Putin. Zunächst stabilisierte Russlands militärisches Eingreifen 2015 das Assad-Regime im syrischen Bürgerkrieg und verlängerte damit eine Krise, die Millionen zur langen Flucht zwang. Später führte die Invasion der Ukraine dazu, dass erneut Millionen Menschen, vor allem Frauen, ihr Land verlassen mussten. Und hier wird es absurd: Ausgerechnet jene rechtsextremen Parteien in Europa, die besonders laut vor Migration warnen und fantasierte Bedrohungsszenarien entwerfen, zeigen häufig Sympathie für genau den politischen Akteur, dessen Kriege die größten Flüchtlingskatastrophen seit dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich verursacht haben. Mit einem Ende des Krieges in der Ukraine würde auch diese außergewöhnliche Situation abklingen. Doch das verbreitete Gefühl eines dauerhaften Kontrollverlusts bleibt bestehen – und wirkt als politischer Sprengstoff.
Der Weg zum Gemeinsamen Europäischen Asylsystem war lang und mühsam. Viele sehen es als
Erfolg, Sie bleiben äußerst skeptisch. Warum?
Um eine wirkliche Migrationswende mit weniger Toten, weniger irregulärer Migration und ohne Menschenrechtsverletzungen zu erreichen, bietet das neue GEAS nur einen Ansatz: die Möglichkeit von Abkommen mit sicheren Drittstaaten. Das war ursprünglich nicht vorgesehen und ist ganz zum Schluss im Dezember noch reingekommen. Die Idee ist, dass Menschen, die irregulär nach Europa kommen, in einen sicheren Drittstaat gebracht werden können – auch wenn es zu diesem keine Verbindung gibt, was bislang Voraussetzung war. Damit wird es möglich, mit Staaten entlang der wichtigsten Routen in die EU-Abkommen zu schließen, in denen Asylverfahren durchgeführt werden. Wie schon bei der EU-Türkei-Erklärung von 2016 würde das die Zahl irregulärer Einreisen in die EU schlagartig zum Einbruch bringen. Vor dem EU-Türkei-Abkommen erreichten innerhalb von zwölf Monaten rund eine Million Menschen Griechenland; im Jahr danach waren es nur noch etwa 26.000 – ein Rückgang um mehr als 97 Prozent. Auch die Zahl der in der Ägäis Ertrunkenen fiel um 90 Prozent von über 800 im Jahr 2015 auf etwa 70 im Jahr 2017. Wenn es also auf diesen Routen sichere Drittstaaten gibt, in denen die Verfahren stattfinden, ist das die gute Nachricht. Die schlechte ist: Ohne solche Abkommen ändert sich an den Außengrenzen fast nichts. Das zweite Problem ist die Erwartung, dass ein System, das seit zwei Jahrzehnten nicht verlässlich funktioniert, nun plötzlich greifen soll: das sogenannte Dublin-System. Auch die neuen Vorschläge im Rahmen von GEAS setzen weiterhin stark auf Rücküberstellungen in die Ersteinreiseländer. Doch die zentrale Frage bleibt: Warum sollten Staaten, die diese Rücknahmen bisher oft verweigert oder nur begrenzt umgesetzt haben, ihr Verhalten ohne neue Anreize grundlegend ändern? Statt auf ein administrativ komplexes und politisch fragiles System zu setzen, sollte der Fokus darauf liegen, irreguläre Migration deutlich zu reduzieren. Instrumente wie Vereinbarungen mit sicheren Drittstaaten können dazu beitragen, ohne grundlegende Schutzrechte infrage zu stellen. Entscheidend ist, dass Lösungen praktisch umsetzbar sind und sichtbar Wirkung zeigen.
Ihre Skepsis bezieht sich auch auf die deutsche Politik.
Ich erkenne noch nicht, dass dies derzeit die nötige Priorität hat. So droht die Umsetzung von GEAS zu scheitern. Dabei ist das Ziel klar formuliert: Kontrolle schaffen, ohne Menschenrechte zu verletzen. GEAS wurde gemeinsam beschlossen, ebenso wie im Koalitionsvertrag die Möglichkeit von Lösungen mit sicheren Drittstaaten angelegt ist. Die entscheidende Frage ist daher, ob es gelingt, daraus eine praktisch funktionierende Strategie zu entwickeln. Wenn politische Akteure auf Bundes- und Länderebene den Anspruch formulieren, irreguläre Migration deutlich zu reduzieren und zugleich humane Standards zu wahren, dann ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: Eine solche Kombination könnte zeigen, dass demokratische Parteien der Mitte handlungsfähig sind. Dazu gehört auch, den Fokus auf die Außengrenzen zu legen, statt dauerhaft auf Binnengrenzkontrollen zu setzen, die den Schengen-Raum infrage stellen. Für Parteien, die sich traditionell zu Europa bekennen, liegt es nahe, Freizügigkeit zu erhalten und gleichzeitig Verfahren so zu gestalten, dass sie wirksam und rechtsstaatlich sind. Wenn es gelingt, irreguläre Migration zu verringern, legale Verfahren zu stärken und dabei die Menschenwürde zu achten, dann entspricht das genau dem Anliegen der allermeisten Bürger.