Mehr als 500 Jahre nach dem Tod des Universalgenies hat sich das 2016 gestartete „Leonardo da Vinci DNA-Projekt“ das ambitionierte Ziel gesetzt, das Genom des Toskaners mithilfe molekularbiologischer Technologien zu rekonstruieren.
Spätestens nach Dan Browns Bestseller-Roman „Sakrileg“ und der Verfilmung der literarischen Vorlage im Kino-Blockbuster „The Da Vinci Code – Sakrileg“ empfiehlt es sich leider, im Rahmen von touristischen Frankreich-Erkundungen angesichts des gewaltigen Besucherstroms einen weiten Bogen um das Loire-Städtchen Amboise, das dortige Schloss sowie das etwa 500 Meter davon entfernte Herrenhaus Le Clos Lucé zu machen. In dem hatte Leonardo da Vinci auf Einladung des französischen Königs Franz I. zwischen 1516 und 1519 die letzten drei Jahre seines Lebens verbracht und sich in dieser Zeit intensiv mit der Planung des Renaissance-Châteaus Chambord beschäftigt, mit dessen Bau im Jahr 1519, dem Todesjahr des Universalgenies aus der Toskana, begonnen wurde. Wobei sich Leonardo vor allem als Inspirator oder Ideengeber betätigt und die konkreten architektonischen Pläne anderen überlassen hatte. Neben den beiden genannten Bauwerken in Amboise werden die Reisenden heute auch noch vom (vermeintlichen) Grab Leonardos angelockt, das in der gotischen Kapelle Saint-Hubert auf dem Schlossgelände besichtigt werden kann.
Inspirator und Ideengeber
Dabei ist es völlig ungewiss, ob in dem Kirchlein tatsächlich die sterblichen Überreste Leonardos aufbewahrt werden. Er wurde gemäß seinem letzten Willen im August 1519 auf dem zum Schlosspark gehörenden Friedhof der Klosterkirche Notre-Dame-Saint-Florentin bestattet. Nachdem das romanische Gotteshaus im Zuge religiöser Auseinandersetzungen im 17. Jahrhundert beschädigt worden war, wurde es 1807 komplett abgerissen. Danach galten die Gebeine Leonardos als verschollen. Knapp 60 Jahre später wurden Ausgrabungen auf dem Areal der früheren Klosterkirche durchgeführt. Dabei konnten im Juni 1863 Knochen gesichert werden, die im Schnellverfahren zu Relikten Leonardo da Vincis deklariert und 1874 in die Hubertus-Kapelle umgebettet wurden. Es wäre sicherlich möglich, eine Exhumierung vorzunehmen und bestenfalls nach Untersuchung der Gebeine mit modernster Technik sogar eine DNA gewinnen zu können. Doch zuvor müsste dafür eine Genehmigung erteilt werden, weil Schloss Amboise nicht dem französischen Staat, sondern einem Privatbesitzer gehört – der womöglich wenig Interesse daran hat, dass eine der Attraktionen seines Anwesens wegfallen könnte. Aber selbst wenn er seine Zustimmung geben sollte, wäre eine eventuell ermittelte DNA ohne Aussagekraft, weil sie ja ohne genetische Vergleichsmöglichkeiten nicht sicher Leonardo zugeschrieben werden könnte.
Diese grundlegende Problematik war selbstverständlich auch den Verantwortlichen des 2016 ins Leben gerufenen „Leonardo da Vinci DNA-Projekts“ bewusst. Für das hatte sich ein internationales Forscherteam aus Kunsthistorikern, Genealogen, Mikrobiologen und DNA-Spezialisten aus Frankreich, Italien, Spanien, den USA und Kanada zusammengefunden. Es steht unter Federführung der US-amerikanischen Rockefeller University, beteiligt sind das US-amerikanische J. Craig Venter Institute, das in der modernen Genomik eine führende Rolle spielt, und die Universität Florenz. Da 2019 der 500. Todestag Leonardos anstand, hatte das Forscherteam mehr als ambitioniert im Fachmagazin „Human Evolution“ verlauten lassen, schon in der kurzen Zeit von gerade mal drei Jahren einen Großteil des Genoms des Genies entschlüsseln zu wollen. Dazu werde man, hieß es, seine persönlichen Papiere wie die Notizbücher auf Fingerabdrücke und DNA sowie die Oberfläche seiner künstlerischen Werke auf genetisches Material untersuchen, weil Leonardo beim Arbeiten häufig seine Finger benutzt und auch oft seinen eigenen Speichel mit eingebracht habe. Zudem habe man geplant, mithilfe von Bodenradar das Grab seines Vaters oder anderer naher Verwandter in Dörfern rund um Florenz beziehungsweise in einer bestimmten örtlichen Kirche zu lokalisieren. Last but not least sollte die Suche nach lebenden und verstorbenen Nachkommen da Vincis intensiviert werden.
Fingerabdrücke und genetisches Material
Mit all diesen Maßnahmen war die Hoffnung verbunden, „ein ausreichend umfassendes genetisches Profil zu erhalten, um seine Fähigkeiten und seine Sehschärfe besser zu verstehen“, so Jesse Ausubel von der Richard Lounsbery Foundation und der Rockefeller University. Es könnten damit neue Erkenntnisse über Leonardos Leben, seine Ernährung, sein Aussehen und seine genetischen Veranlagungen gewonnen, womöglich sogar die Wurzeln seines Genies aufgedeckt werden. „Es werden immer mehr Techniken entwickelt, um die DNA von Menschen zu gewinnen, die Dinge berühren. Ich denke daher auch, dass sich in Gemälden möglicherweise biologisches Material befindet. Die Herausforderung besteht darin, dieses Material tatsächlich zu entfernen, ohne das Kunstwerk zu beschädigen“, so Rhonda Roby, Genetikerin am J. Craig Venter Institute. Man wird sich jetzt wohl schon die „Begeisterung“ der Louvre-Chefs vorstellen können, falls bei ihnen eine Anfrage zur diesbezüglichen Untersuchung der „Mona Lisa“ eingehen sollte. Auch die anderen Besitzer der wenigen Leonardo zugeschriebenen Gemälde – insgesamt sind es derzeit gerade mal 15 –
werden wohl kaum glücklich über eine etwaige Bitte sein.
Das Jubiläumsjahr 2019 wurde weltweit gefeiert, ohne dass die Verantwortlichen des Projekts mit spektakulären Ergebnissen dazu hätten beitragen können. Auf der aktuellen Webseite steht seitdem zu lesen: „Ziel des Leonardo da Vinci DNA-Projekts ist es, durch Vergleich der DNA-Profile mit denen bekannter Verwandter endgültig festzustellen, ob die angeblichen Überreste Leonardo da Vincis im Schloss Amboise tatsächlich seine eigenen sind. Darüber hinaus wollen wir Genomsequenzierungsdaten von Leonardos Überresten nutzen, um seine außergewöhnlichen Talente und seine Sehschärfe anhand genetischer Assoziationen besser zu verstehen. Darüber hinaus wollen wir mithilfe neuartiger Informatik-Ansätze dreidimensionale Bilder von da Vinci anhand der Genomsequenzdaten erstellen. Neben der Bestätigung der Überreste da Vincis gehören zu unseren weiteren Zielen die Untersuchung von Proben aus privaten und öffentlichen Sammlungen von Kunstwerken der Renaissance. Aktuell haben wir Pilotstudien abgeschlossen, um unsere Fähigkeit zur Identifizierung nützlichen biologischen Materials aus alternden Kunstproben zu bestätigen und die mikrobielle Flora auf und in den Kunstwerken zu untersuchen. Mittels 16S-Sequenzierung konnten wir zeigen, dass es unterschiedliche Bakteriengemeinschaften zwischen Kunstwerken auf Holz und Leinwand sowie zwischen Mikroben auf Skulpturen aus Stein, Marmor und Gips gibt. Wir konnten außerdem nachweisen, dass bestimmte Gattungen oxidativ positive Stämme auf Gemälden auf Holz und Leinwand aufweisen, die möglicherweise für deren Verfall und Verblassen verantwortlich sind.“
Stammbaumforschung bis zum heutigen Tag
Bleibt abzuwarten, inwieweit diese vielfältigen molekularbiologischen Vorarbeiten das Projekt voranbringen werden. Ein erstes konkretes Ergebnis wurde bislang nur mit dem klassischen Weg der Ahnenforschung erzielt. Sprich mit dem mühsamen, jahrelangen Durchstöbern von Archiven, Kirchenregistern oder Bibliotheken. Hauptverantwortlich war dafür der italienische Kunstkritiker Alessandro Vezzosi, ein ausgesprochener Da-Vinci-Experte, der sich schon seit 1993 mit der Stammbaum-Forschung Leonardos beschäftigt und seitdem immer wieder seine Fortschritte publiziert hat. Unterstützung bei seiner Ahnenforschung hat er inzwischen durch die Historikerin Agnese Sabato erhalten, die das 1993 von Vezzosi im Dörfchen Vinci, dem Geburtsort des Universalgenies und des Kunstkritikers, gegründete Museo Ideale Leonardo da Vinci leitet.
Bereits im Sommer 2021 hatte das Duo einen Beitrag im Fachmagazin „Human Evolution“ veröffentlicht und darin eine Analyse des Stammbaums Leonardos über die väterliche Linie über 690 Jahre bis zum Ursprung im Jahr 1331 vorgestellt. Zudem wurde angemerkt, dass man 14 heute lebende Nachfahren des Da-Vinci-Clans habe ausfindig machen können.
In einem im Frühjahr 2025 erschienenen Sachbuch „Genia da Vinci. Genealogie und Genetik für Leonardos DNA“ haben die beiden Protagonisten den komplexen Stammbaum nochmals aktualisiert. Von 1331, als Michele da Vinci, der Gründer der Familie und Urururgroßvater Leonardos, nachweislich noch gelebt haben musste, bis zum heutigen Tag konnten 21 Generationen mit insgesamt über 400 Personen dokumentiert werden, von denen 219 (davon 119 Männer und 100 Frauen) dem Zweig da Vinci/Vinci zugewiesen werden konnten.
Sechs der heutigen Nachfahren waren mit einer Untersuchung ihrer DNA einverstanden, die genetische Analyse wurde vom Molekular-Anthropologen und Präsidenten des Museumssystems der Universität Florenz David Caramelli gemeinsam mit der forensischen Anthropologin Elena Pilli durchgeführt. Dabei konnten die Wissenschaftler weitestgehende genetische Übereinstimmungen im Y-Chromosom feststellen, das ausschließlich vom Vater an den Sohn weitergegeben wird und über viele Generationen hinweg nahezu unverändert bleibt. So lässt sich die genetische Kontinuität der männlichen Da-Vinci-Linie bis zu Leonardos Vater Piero und seinem Halbbruder Domenico – insgesamt soll er 22 Halbbrüder gehabt haben – zurückverfolgen. Teile von Leonardos genetischem Erbe könnten also die Jahrhunderte bis in die Gegenwart überdauert haben. Wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass Leonardo als aller Wahrscheinlichkeit nach homosexueller Mann keine leiblichen Kinder hatte. Weshalb auch die lebenden Nachkommen letztendlich nur auf der Nachkommenschaft seines Halbbruders Domenico beruhen, weil die Linien der anderen Halbbrüder wohl irgendwann ausgestorben sind.
Das jüngst ermittelte uralte Y-Chromosom könnte in nächster Zeit ziemlich hilfreich sein. Denn in ihrem Buch konnten Vezzosi und Sabato auf die unlängst begonnene archäologische Erkundung des historischen Familiengrabs der Da-Vinci-Familie in der Kirche Santa Croce in der Gemeinde Vinci hinweisen. Vermutet werden dort die sterblichen Überreste von Leonardos Großvater Antonio, seinem Onkel Francesco sowie seinen Halbbrüdern Antonio, Pandolfo und Giovanni. Einige Knochenfragmente konnten von dem Team unter Leitung der Anthropologen Alessandro Riga und Luca Bachechi vom Institut für Biologie der Universität Florenz schon geborgen werden. Ein Relikt wurde bereits einer Radiokarbon-Analyse unterzogen, wobei das männliche Geschlecht und das zu Leonardos erhofften Verwandten zeitlich passende Alter festgestellt werden konnten. „Es muss geprüft werden, ob die extrahierte DNA ausreichend erhalten ist. Auf Grundlage der Ergebnisse könnten wir sie mit dem Y-Chromosom der lebenden Nachkommen vergleichen“, so David Caramelli, der die anthropologischen und molekularen Aspekte des Ausgrabungsprojekts koordiniert. „Auf jeden Fall müssen wir weitere Proben gewinnen und Informationen über mögliche weitere Gräber männlicher Verwandter Leonardos finden.“
Gesundheitszustand und Todesursache
Ein positives Ergebnis dieses Vergleichs würde nicht nur die Gültigkeit der genealogischen Rekonstruktion bestätigen, sondern könnte auch der Startschuss für ein neues Stadium des gesamten Projekts werden. Nämlich die Suche nach Leonardos DNA auf Gegenständen, die dem Genius gehörten, egal ob es sich dabei um Gemälde, Manuskripte oder Notizbücher handelt. „Schon ein winziger Fingerabdruck auf einer Seite könnte Zellen enthalten, die wir sequenzieren können“, so Jesse Ausubel, „die Biologie des 21. Jahrhunderts verschiebt die Grenze zwischen dem Unwissbaren und dem Unbekannten. Schon bald könnten wir Informationen über Leonardo und andere historische Persönlichkeiten erhalten, die man für immer verloren glaubte.“ Unter dem Leitprinzip der Rückverfolgbarkeit des seit Jahrhunderten nahezu unveränderten Y-Chromosoms könnten bald womöglich viele der Geheimnisse Leonardos gelüftet werden. „Die Untersuchung von Leonardos DNA kann uns dazu führen, die biologischen Grundlagen seines Genies und vielleicht seines Gesundheitszustandes und der Todesursachen zu verstehen“, so Alessandro Vezzosi, der auch schon etwas über die konkreten Planungen für einen internationalen Dokumentarfilm und eine weitere Filmproduktion über das gesamte Projekt verraten hat. Wobei womöglich auch noch ein etwaiges Frühwerk Leonardos eine Rolle spielen könnte. Denn an der Wand eines alten Gebäudes in Vinci, das einstmals im Besitz des Genius gewesen war, wurde jüngst eine Kohlezeichnung entdeckt, der man den Spitznamen „Einhorndrache“ gegeben hat. Auch wenn die Restaurierung und die wissenschaftlichen Analysen erst begonnen haben, so konnten Experten doch schon formale Ähnlichkeiten mit späteren Werken aufzeigen. Und vielleicht könnte es als Krönung einer erfolgreichen Leonardo-DNA-Ermittlung künftig auch noch zu einem Abgleich mit den im Schloss Amboise befindlichen sterblichen Überresten kommen …