Der französische Wildtier-Fotograf Vincent Munier über seinen neuen Film „Das Flüstern der Wälder“, über Schneeleoparden und Auerhähne, seine Hoffnung für eine bessere Umwelt und darüber, warum er keine Zoos mag.
Vincent Munier ist ein französischer Naturfotograf und Dokumentarfilmer, der einige Bücher über seine Expeditionen veröffentlicht hat, darunter „Im eisigen Weiß“, „Adelie: Eismeer – Eisland: An Land und unter Wasser in der Antarktis“ und „Europas Wildnis“. Mehrfach wurde der 49-Jährige mit dem Wildlife Photographer of the Year Award ausgezeichnet. Einen großen Bekanntheitsgrad erlangte Vincent Munier vor allem durch seinen Film „Der Schneeleopard“ (2021): Auf dem tibetischen Hochplateau gelangen ihm überaus seltene Aufnahmen von einem Schneeleoparden. 2022 wurde er dafür in der Sparte „Bester Dokumentarfilm“ mit dem César ausgezeichnet. Der Film war in Frankreich ein großer Publikumserfolg und lief auch sehr erfolgreich in Deutschland. Sein neuer Dokumentarfilm „Das Flüstern der Wälder“, der seit 19. Februar in den Kinos läuft, ist eine poetisch-elegische Meditation über die Flora und Fauna eines Waldes in den Vogesen. Gemeinsam mit seinem Sohn Simon begibt sich Vincent Munier auf eine Reise in die atemberaubende Schönheit einer unberührten Natur.
Herr Munier, stimmt es, dass die Leidenschaft für die Wildlife-Fotografie in Ihnen geweckt wurde, als Sie mit zwölf Jahren mit Ihrem Vater durch die nahegelegenen Wälder streiften?
Ja, wir wohnten damals in der Nähe von sehr großen Wäldern. Und zusammen mit meinen Eltern und Geschwistern habe ich viel Zeit in den Wäldern verbracht. Meine Eltern legten sehr viel Wert darauf, dass wir uns viel im Freien aufhielten. Vor allem mein Vater liebte die Natur über alles und hat mich sehr früh dazu gebracht, mit ihm zusammen Expeditionen zu unternehmen und die unberührte Natur zu fotografieren. Als ich zwölf Jahre alt war, ließ er mich –unter einer Tarndecke – allein im Wald zurück. Er gab mir eine Flasche Wasser und Proviant und meinen ersten Fotoapparat. Ich wartete dann Stunde um Stunde, aber nichts passierte. Dann hörte ich Geräusche hinter mir. Da habe ich schon ein bisschen Angst bekommen. Und dann sah ich wenige Meter vor mir ein Reh. Das war mein erstes Tierfoto. Es war nicht besonders gut, aber damals entfachte das in mir meine Leidenschaft für die Naturfotografie.
Haben Sie auch deshalb den Film „Das Flüstern der Wälder“ gemacht, um die Wunder der Natur auch Ihrem Sohn Simon nahezubringen, der Sie bei dieser Expedition begleitet hat?
Nach meinem ersten Film „Der Schneeleopard“, den ich im Hochland von Tibet gedreht habe, wo ich sehr exotische Tiere fotografierte, wollte ich jetzt etwas Intimeres machen. Etwas, das mit den Wäldern und den Tieren zu tun hat, die mir schon mein ganzes Leben vertraut sind. Außerdem wollte ich, dass diesmal auch mein Sohn mit dabei ist, damit ich meine Erlebnisse mit ihm teilen und ihm auch vieles über die Natur und die Tiere beibringen kann, was ich bei meinem Vater gelernt habe. Mein Hauptanliegen für diesen Film war aber, dass wir die Zuschauer ganz nah in diese wunderschöne Natur mit hinein mitnehmen. Und mit ihnen unsere Erlebnisse und vor allem auch unsere Emotionen teilen können.
Können Sie beschreiben, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie Hunderte Nächte geduldig in diesen Wäldern verbringen, ganz still, ohne einen Mucks zu machen, nur um darauf zu warten, dass sich etwas ereignet?
Es fällt mir schwer, darauf zu antworten. Das ist eben mein Leben. Ich lerne viel von den Tieren, wenn ich mich ganz still zur Beobachtung in diese Wälder zurückziehe. Viele Tiere sind sehr scheu und man braucht viel Geduld, um ihnen wirklich aus der Nähe zu begegnen. Wenn ich unter meiner Tarndecke sitze, bin ich ganz und gar offen für alles, was um mich herum passiert. Ich lese nicht, höre keine Musik. Ich lausche dem Wind, dem Wispern, dem Knacken, dem Zwitschern der Vögel, dem Murmeln des Baches … Ich verschmelze mit meiner Umgebung. Das ist eigentlich kein Warten, bis sich etwas ereignet. Es ist einfach ein Da-Sein. Und irgendwann kommen sie dann: die Rehe und Hirsche, der Luchs – und wenn man viel Glück hat, sogar der Auerhahn.
Wenn Sie so lange im Einklang mit der unberührten Natur waren – fällt es Ihnen sehr schwer, sich danach wieder in das laute Alltagsleben einzufügen?
Oh, ja! Wenn ich wieder in die Zivilisation zurückkehre, brauche ich immer ein paar Tage, um mich wieder zurechtzufinden. Der Lärm, die Hektik – der Kontrast ist oft sehr brutal.
Sie haben Ihre Reisen nach Tibet erwähnt. Als Sie sich dort aufgehalten haben, um diese exotischen Tiere zu fotografieren – wie sind Sie denn der tibetischen Kultur begegnet? Sind Sie vielleicht sogar Buddhist geworden?
Ich bin sehr respektvoll mit den Menschen und ihrer Art zu leben umgegangen. Aber ihre Religion hat nicht auf mich abgefärbt. Doch wie man an meinen Filmen sehen kann, bin ich ein sehr spiritueller Mensch. Und was meine Religion betrifft … ich glaube daran, dass Gott überall ist. In der Natur, in jedem Menschen … Aber der Buddhismus, der Islam und der Katholizismus sind meine Sache nicht. Wenn ich mich so lange ganz alleine in der Natur aufhalte, ist das für mich wie eine Meditation oder ein Gebet.
Bei Ihren Filmen kann man das Schauen wieder lernen …
… ja, und die Stille. Wir reden zu viel. Viel zu viel. In meinen Filmen geht es mehr um Einkehr, um Stimmungen, Gefühle und Instinkte. Und auch darum, den Puls der Welt zu fühlen.
Ihre Filme sind auch Einübungen in die Kontemplation. Und Sie geben – im Gegensatz zu vielen anderen Wildtier-Filmern – den Tieren keine Namen.
Gut, dass Sie das ansprechen. Ja, diese Vermenschlichung finde ich furchtbar. Viele Filme über Wildtiere beschränken sich ja nicht auf Beobachtung, sondern da muss immer irgendetwas Aufregendes passieren. Ein Löwe reißt ein Gnu, ein Elefant zertrampelt ein Krokodil … Wenn diese sensationellen Bilder fehlen, kriegen viele Tierfilmer gar kein Geld von den Sendern, sei es von National Geographic oder der BBC. Ich habe da einen ganz anderen Ansatz. Und ich freue mich sehr darüber, dass meine Art, Filme zu machen, von sehr vielen Menschen geschätzt wird.
Die Erde wird schon seit vielen Jahren von uns Menschen unwiederbringlich verschmutzt, ja systematisch zerstört. Glauben Sie, wir haben den Punkt des „No Return“ bereits überschritten? Oder haben Sie noch Hoffnung?
Das ist ein sehr ernstes Thema. Es ist keine Frage, dass diese lang andauernde Umweltverschmutzung schon sehr viel Schaden angerichtet hat. Aber wir sollten die Hoffnung, dass wir das Ruder vielleicht doch noch herumreißen können, nicht aufgeben. Ich versuche mit meinen Filmen – die zwar sehr unspektakulär, aber doch sehr politisch sind –, die Menschen wieder für die Wunder der Natur zu sensibilisieren. Und ohne erhobenen Zeigefinger ihr Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir alle viel für den Erhalt dieser Natur beitragen können – und müssen. In Frankreich haben sich mehr als eine halbe Million Zuschauer meinen „Schneeleoparden“-Film im Kino angeschaut. Und „Das Flüstern der Wälder“ haben schon über eine Million Zuschauer gesehen. Das gibt mir Hoffnung. Wir sind nicht allein. Und wenn wir uns im Kampf um eine bessere Umwelt solidarisieren, können wir viel erreichen.
Aber das Problem ist doch auch, dass sich die meisten Medien kaum um die Umweltzerstörung kümmern und viel lieber Klatsch und Tratsch versenden.
Ja, vor allem im Internet werden wir doch tagtäglich mit nutzlosen Informationen zugemüllt. Ich will auch nicht jeden Tag in den Nachrichten die Visage von Trump sehen. Es gibt wirklich Wichtigeres auf der Welt. Und letztlich geht es denen, die so rücksichtslos mit den Ressourcen umgehen, doch immer nur um Geld. Um Geld und Macht. Ich finde das schrecklich.
Was halten Sie eigentlich von Zoos? Ist es gut, dass wilde Tiere eingesperrt leben, damit wir Menschen sie dort erleben und bewundern können?
Ehrlich gesagt, bin ich kein großer Freund von Zoos. Vielleicht sind sie ja sinnvoll für das Züchten seltener Arten, die in der Natur fast ausgestorben sind. Aber ein Tiger hinter Gittern? Ich bin eher dafür, dass Menschen sich die Fauna und Flora in ihrer Umgebung bewusst anschauen. Und sich, wenn möglich, einen kleinen Garten anlegen, wo sie Vögel beobachten können … Und natürlich bei Spaziergängen im Wald vielleicht Füchsen oder Dachsen begegnen. Und am Fluss die Biber in ihrem natürlichen Umfeld sehen.
Was planen Sie denn in nächster Zeit? Steht wieder eine
Expedition an?
(Lacht) Ich habe keine Pläne. Ich fühle mich gerade sehr frei. Ich muss nicht unbedingt immer etwas machen. Ich höre auf meine Instinkte. Wenn ich ein nächstes Projekt angehe, dann wird das eine sehr starke politische Aussage haben. Mit der Naturfotografie bin ich, glaube ich, ziemlich durch.