Warum vor Gott und seinen Häusern doch nicht alle gleich sind
Ich will mal kurz beten. – „Macht 12 Euro!“ So ähnlich könnte das ab Juli am Haupteingang des Kölner Doms ablaufen, den jährlich mehr als sechs Millionen Menschen besuchen. Zugegeben, die allermeisten davon wollen nicht beten, sondern staunen, ein Selfie machen oder einfach mal dagewesen sein.
Ich kenne allerdings auch Kölner und Kölnbesucher, die einfach für ein Viertelstündchen zum Innehalten im Dom Ruhe und Erhabenheit mitten im Stress und Gewimmel des städtischen Alltags suchen. Oder die eben mal kurz eine Kerze anzünden wollen.
Immerhin: Für Menschen, die beten wollen, soll eine kostenfreie Betzone eingerichtet werden, die durch eine Nebentür an der Nordseite zugänglich ist. Der oben beschriebene Dialog ginge dann so: „Macht 12 Euro.“ – „Ich will doch nur mal beten.“ – „Betende durch die Hintertür!“
Wie gesagt: Die meisten Dombesucher kommen nicht zum Beten oder um die innere Einkehr zu suchen, sondern besichtigen den Dom als Sehenswürdigkeit. Genau dahin aber verschiebt sich die Hauptbedeutung des Doms durch den 12-Euro-Eintritt (Gott sei Dank kam kein Jeck auf die Idee, für Köln typischere 11,11 Euro zu verlangen) noch eindeutiger: Er ist dann nicht mehr primär ein Gotteshaus, sondern vorrangig ein Baudenkmal, eine Touristenattraktion, die man wie ein Museum besucht.
Bei 12 Euro Eintrittspreis und sechs Millionen Besuchern kämen übrigens über 70 Millionen Euro pro Jahr zusammen. Na, dann stünde einem regelmäßigen neuen Putz und Anstrich der Immobilie ja nichts mehr im Wege.
Die 12-Euro-Befürworter machen übrigens geltend, dass man zum Beispiel in Barcelona oder London ebenfalls happige Eintrittsgelder zahlt, um in die Kathedralen eingelassen zu werden. Dabei wird übersehen, dass in Ländern wie Spanien, Frankreich oder England keine Kirchensteuer gezahlt werden muss. In Deutschland dagegen behält der Staat vom Einkommen seiner Bürger jährlich gut 13 Milliarden Kirchensteuer ein (knapp sieben Milliarden davon kriegt die Katholische Kirche). Dadurch entsteht schon mal ein ordentlicher finanzieller Vorsprung vor den internationalen Sakralbauten, auf die man sich jetzt beim Eintrittsgelderheben gerne beruft.
Könnten nicht wenigstens Katholiken als eine Art „zahlende Vereinsmitglieder“ weiterhin kostenlos reinkommen? (Dann vorsichtshalber immer den Steuerbescheid mitnehmen, wenn man in Köln unterwegs ist und der Dom aufm Weg liegt).
Was würde – ich höre schon den Aufschrei mancher Leser – Jesus dazu sagen, wenn er sich noch mal unter die Menschheit begäbe? Unmöglich, sagen Sie? Nun, vor über 2.000 Jahren in Nazareth hatte auch keiner mit ihm gerechnet. Also spielen wir das mal kurz durch: Gott denkt sich: „Es wird allmählich wieder Zeit für eine Menschwerdung. Diesmal schicke ich den Bub mal nach Köln, da hab’ ich ja ’ne große Filiale.“
Dann Jesus so am Domhaupteingang: „Ich will nur kurz …“ – „Macht 12 Euro!“ – „Ich bin’s doch, der Jesus.“ Der Kontrolletti an der Ticketbude schaut auf seine Liste und stellt fest: „Keine Eintrittspreis-Ermäßigung für Gottheiten.“ – „Aber ich bin doch praktisch der Eigentümer der Immobilie.“ – „Nee, Eigentümer ist das Domkapitel. Christusse, die mal eben kurz zum Vater beten wollen, bitte hintenrum zum Nordeingang!“
An dieser Stelle hat der aufrechte Katholik vielleicht eine Domreinigungs-Vision, in der Christus die Tickethändler aus dem Kölner Dom vertreibt, frei nach den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas: „Das Haus meines Vaters ist doch nicht Schloss Neuschwanstein.“
Immerhin: Bis zum Alter von 13 Jahren ist der Eintritt weiter frei. Glaubt das Domkapitel, Jugendliche ab 14 zahlen gerne den Eintrittspreis, um in den Dom zu kommen? Sollte man jungen Menschen, die vielleicht gerade eine Phase von Sinnfragen oder Glaubenszweifeln durchleben und spontan spirituelle Zuflucht im Dom suchen, dies nicht möglichst niedrigschwellig ermöglichen?
Und was, wenn weitere Dome Deutschlands, deren Erhalt viel kostet, dem Kölner Beispiel folgen und in Dombesuchern vorrangig Touristen statt Inspirationssuchende sehen und ebenfalls Eintritt verlangen? Tja, dann hilft nur noch: Beten!